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Menschenleöen, die lügen.
Roman von H. E h r h a r d t, Dcrlasscrin von „Mittellose Mädchen" Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
Graf Scherrentin war die "Schweigsamkeit seines Zuhörers nun doch ausgefallen. Er hielt in seinen Jubelhymnen inne mtb meinte gutmütig:
„Warum verlegen Sie sich nicht auch lieber aufs Solide, Tressenberg? Das Rumgeliebe überall muß Ihnen doch auch gramen, glücklich macht es Sie jedenfalls nicht."
In Joachims lichtbrauncn Augen zuckte ein halb spöttisches, halb triumphierendes Flämmchen auf.
„Wer sagt Ihnen, Graf, daß ich unglücklich bin? Jeder Mensch hat so seine eigene Ansicht vom Glück. Nehmen Sie an, ich finde meins bei dem Rumgeliebe, wie Sie sich so treffend ausdrücken."
Jetzt klang unverkennbar Hohn durch seine Stimme.
„Nun, werden Sie nicht gleich eklig, Baron!" sagte Graf Scherrentin, es bemerkend, „ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten, dachte, weil Sie Ihre Liebesgeschichten immer jo offen betreiben, dürste man auch dran rühren. Ich verdenke Sie Ihnen ja nicht, Gott, viele von uns machen's ja nicht anders, und die heißblütige Frau Kreß ist ja verführerisch genug--—"
Der Freiherr machte eine ungestüme Bewegung, als wolle er protestieren, aber ebenso rasch sank er in seine frühere Stellung zurück. Was hätte ihm ein Leugnen genutzt? Selbst der gutmütige Graf Scherrentin hätte es wohl nur anerkennenswert gefunden,' daß er diese zweifelhafte Dame nicht bloßstellen mochte.
So schwieg er und der kleine Graf nahm das als Bestätigung an. Er fühlte sich unbehaglich. Der philisterhafte Geist seiner biederen Vorfahren meldete sich in dem angehenden soliden Ehe- niann und zog eine Schranke zwischen ihm und dem leichtsinnigen Kameraden. Nebenbei siel ihm ein, daß Eva den Freihcrrn nie hatte leiden mögen da tat er gut, sich beizeiten von ihm zurückzuziehen. Sein Benehmen wurde kühl und besangen und der feinfühlige Tressenberg merkte es sofort. Aber er hatte nur ein mitleidiges Lächeln für die Fahnenflucht des Menschen, der ihm als einziger > >itcr den Kameraden näher getreten war.
Eine schmerzliche Wollust durchflutete ihn, eine süße Befriedigung, daß er Hanna zu Füßen sinkend, ihr würde sagen können:
„Ich habe niemanden auf der Welt, der mich liebt und den ich liebe, als dich."
II.
Doch seine glühende Sehnsucht wurde noch tagelang auf eine harte Probe gestellt. So lange Marga sich im Hause aufhielt, gewährte Hanna dem jungen Offizier nicht die geringste Gunstbezeigung, geschweige denn die Gelegenheit, sie ungestört zu sprechen. Er wurde krank vor Ungeduld. Gegen seine Schwester, in der er die Ursache sah, daß die Geliebte sich ihm fernhielt, ließ er seinen inneren Aerger aus. Er war oft so unfreundlich gegen sie, daß Walter von Vofeck mühsam an sich
hielt, ihm nicht seine verächtliche Empörung ins Gesicht zu schleudern.
Auf Marga jedoch machte die lieblose Behandlung des Bruders ersichtlich wenig Eindruck. Ihre Stimmung besserte sich zusehends. Sie fing an, wieder aufzuleben. Sie war jung. Die kickste, heitere Umgebung, die viele Geselligkeit verfehlte nicht ihre Wirkung. Die Wunden, welche ja nicht eigentlich ihrem Herzen geschlagen worden waren, schlossen sich bald. .In ihre Züge kam neue Frische. Und immer rosiger färbten sich ihre Wangen, immer heiterer blickten die niatten Augen, je . öfter Hauptmann von Poseck ihre Nähe suchte. Noch war sic sich ihrer Gefühle für ihn nicht deutlich bewußt. Für's erste empfand fie nur eine warme zärtliche Dankbarkeit für die feinfühlende teilnehmende Sorge, mit der rt'fie umgab — sie vergaß ihre zertrümmerten Zukunfts- Hoffnungen und allmählich fügte sich in ihr Stein an Stein zu einem lockenden sicheren Glücksgebäude.
Sie fing aic, Hanna um die Liebe Walters zu beneiden, sie wünschte wenigstens immer seine Freundschaft genießen zu können, sie sah den starken Halt in ihm, den jede Frau in dem Manne sucht, den sie liebt und sie dachte es sich schön und wonnig, sich ein einziges Mal in seine Arme zu schmiegen und ihm alles zu erzählen, was sie in den letzten Monaten gedacht, gehasst und gelitten hatte.
Hanna verstand ihre diesbezüglichen Andeutungen nicht. Sie sprach nie von ihrem Onkel. Sie meinte es wohl gut, sie wollte nicht an die, ioie sic meinte, noch frische Wunde rühren und vielleicht auch Margas Eltern nicht mehr entgegenarbeitcn.
Mit letzterem begründete sie auch vor ihrem Manne die stete Aufsicht, welche sie diesmal der Freundin angedeihen ließ. Der Landrat hätte die Verbindung des von ihm so geliebten Freundes mit dem anmutigen bescheidenen Mädchen sehr gern etwas gefördert, sah er doch das wachsende Interesse Beider, aber nun war Hanna es, die sagte:
„Hand weg. Es war genug an dem einen Reinfall."
Der Landrat wagte zwar verschiedene Argumente anzuführen, die im Gegensatz zu Kronau sehr zugunsten des neuen Bewerbers sprachen, aber Hanna blieb fest. Sie gönnte dem Paar nicht eine Minute Alleinsein. Sie wollte diese Heirat nicht. So sehr die Leidenschaft für Tressenberg auch ihr Herz ausfüllte, so gab sie doch den jungen Haupnuann ebenfalls nicht auf. Er sollte ihr treu bleiben. Die Beiden merkten nicht die Absichtlichkeit ihres Benehmens: sie dachten viel zu gut von der schönen vergötterten Frau, tisn nicht anzunehmen, daß sie in jedem Fall ihre Wünsche nur fördern, nie vereiteln würde. Und Beide meinten sie, die Blüte ihrer Neigung sei noch zu frisch, zu zart, um sie jetzt schon ans volle Licht zu zerren.
Aber als sie zur Abreise gerüstet auf dem Bahnsteig stand und Walter von Poseck ihr mit seinem treuherzigen warmen Lächeln einen Strauß langstieliger roter Rosen in die Hand drückte, da klang doch eine jubelnde Stimme in ihr: „Er ist mir gut und ich ihm auch."
Es leuchtete ihr verräterisch aus den feuchtschimmernden Blauaugen und umzuckte den blaßroten kleinen Mund. Scheu und doch glücklich sah sie den zierlichen Offizier an.


