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1807 — Mr. 83
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Jem Irrlicht nach.
Roman von Alexander Römer.
Nachdruck verboten. (Fortsetzung.)
20. Kapitel.
Als Frau Zernial aus der Fastenpredigt zurückkehrte, war sie sehr verwundert, Sylvia nicht zu Hause zu treffen. Sie hatte ja ihrer Erkältung wegen nicht ausgehen wollen. Sic riß die Türe auf und ihre schrille Stimme tönte durch das Haus.
„Filomena! Filvmena!"
Filomena hockte bei einer Nachbarin, der sie mit großer Zungenfertigkeit die jüngsten Neuigkeiten erzählte. Bon der fremden Signorina, welche so verzweifelt gewesen, als sie ihr von dem Kranken im Hause der Zia erzählt — „es muß ihr Liebster sein," erklärte Filvmena, „und die Zia sagte, er stirbt gewiß. 9iuit ist sie an sein Totenbett gestürzt — divina misericordia! Ich hätte es auch getan."
Aber jetzt hörte sie den Ruf.
„Si Signora!" erscholl cs von ihren Lippen und sie sprang die Stiegen hinauf.
Wo die Signora sei — ja — die Kleine wühlte in ihrenr Kraushaar, sie wußte nicht, wie viel sie verraten dürfe.
Einstweilen kramte sie auch hier ihre große Nachricht von dem Kranken in der Babu nm aus, und Frau Zernial begriff, aber erst nach einigen Kreuz- und Querfragen, daß von Roderich Walldorf die Rede sei. Sie brach ebenfalls in ein Lamento aus, das wär ja schrecklich, entsetzlich — Roderich! Ihr geliebter Neffe — sie wolle doch nicht gar andeuten, daß er sich selbst ein Leid angetan?
O, nein, nein, sie wolle das nimmer gesagt haben — Filvmena schwatzte bunt durcheinander. Sie war in ihrem Element, sie tröstete, sie fragte uno ihre runden Augen verrieten die größte Reugier.
Ta ward sie plötzlich von einer kräftigen Hand erfaßt und rücksichtslos beiseite geschoben.
„Verschwinde für ein Weilchen, Kleine, und sorge, daß nieniand uns stört," sagte eine männliche Stimme, „ich habe mit der Signora zu reden." Es war Paul Hendrichs, der geräuschlos eingetreten und von den beiden nicht bemerkt worden war.
Frau Zernial sprang entsetzt auf, was wollte der Jude — Sylvia hatte in letzter Zeit so viel mit ihnr verkehrt — es blitzt ihr der Gedanke auf, daß er Kunde von ihr bringen wolle.
„Wo ist Sylvia, mein Kind?" rief sie aufgeregt.
Paul schloß die Tür hinter der zögernd und sehr ungern. scheidenden Filomena, und bat in ausgesucht höflicher Form um die Erlaubnis, sich setzen zu dürfen, da er länger mit der gnädigen Frau zu reden habe.
Frau Zernial war sehr ungeduldig und sehr kurz, der Gesichtsausdruck des Besuchers war ihr fatal. Ob er etwas von
Sylvia wisse, und von dieser schweren Erkrankung ihres Neffen) Roderich Walldorf, von der sie soeben erst erfahren habe.
" Paul bejahte und erzählte dann in knappester Form) wie er Fräulein Sylvia bei dem Sterbenden getroffen, und daß der Tod schon eing'etreten sei.
Frau Zernial schlug die Hände über dem Kvpf zusammem
„Also so hat er geendet, dieser große Held," sagte sie verächtlich. „Wer Sylvia — was hatte sie da zu suchen bei deut Menschen, der hier nicht einmal die verwandtschaftlichen Rücksichten gegen sie beobachtete." Frau Zernial dachte nur an ihre eigene Person, der traurige Fall als solcher schien sie gar nicht zu berühren. „Diese Unbesonnene!" fusw sie fort, „diese Extravaganz kann ihr im gegenwärtigen Moment ihre ganze Zukunft verderben."
„Ihre Zukunft?" Paul wiederholte das Wort in unnachahmlichem Tonfall.
Frau Zernial warf ihren Kopf in der: Nacken.
„Ja, ihre Zukunft," sagte sie, „sie ist ja so gut wie verlobt mit dem Grafen Boccaleonc, mit diesem Italiener aus alter Familie, der ihr alle seine Güter zu Füßen legt. Es handelt sich nur noch um d«r Akt ihres Uebertritts zur katholischen Kirche, der vor der Vermählung stattfinden muß. Aber diese Bedingung wird dem lieben Kinde nicht schwer zu erfüllen. Sie und ich, wir sind durch den erhebenden Kultus hier im Lande, durch schwere Lebenserfahrungen ohnehin der allein seligmachenden Kirche nahe nnd immer näher gerückt. Ach! Es hat ja Zetten gegeben, wo Sylvia Sehnsucht nach klösterlicher Abgeschiedenheit kund gab, welche freilich müden Seelen ein köstliches Ruheasyl bietet." ’i
„Freilich," ertönte- cs zu Fran Colcstinens Berwunderungl von Pauls Lippen ihr zurück, „freilich, ich begreife das vollkommen. Es gibt Leben, wo der naturgemäße Abschluß in eine klösterliche Abwendung von allen irdischen Angelegenheiten weist. Gewisse ekstatische Seelen bedürfen dazu eines äußern Zwanges und Zeremoniells, den man nur noch im Katholizismus findet."
Die Dame starrte ihm sprachlos in das Gesicht. Wär das Spott? Was wollte der Mensch damit sagen? Er hatte eine durchaus ernsthafte Miene.
„Ter Kommerzienrat Walldorf und seine Tochter sind angekommen auf die Nachricht von der schweren Erkrankung des Sohnes," fuhr Paul ruhig fort. „Fräulein Sylvia ist bei ihnen im Hotel, und ich wurde von Ihrer Fräulein Tochter beauftragt. Ihnen zu sagen, daß sie sich sehr krank fühle und nicht hierher zu Ihnen zurückzukehren wünsche."
„Nicht — nicht zu mir zurückzukehrcn — wünsche — Herr! Herr! Wie heißen Sie eigentlich — sind Sie toll?"
Frau Zeruial stand vor ihm, als hätte sie große Lust, ihnk mit ihren gestikulierenden Händen in die Haare zu fahren.
Aber Paul blieb sehr imbeivegt und unerschüttert. .Er war solchen Szenen gewachsen.
„Ja, es ist schlimm, gnädige Frau," sagte er gelassen, „ich gebe cs zu, aber im Leben haben oft die schlinrmcn Dinge auch ihre guten Seiten. Lassen Sie uns einmal eingehender — wenn


