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beherrschen können, so sind Sic's überhaupt nicht wert, Marie zum Weib bekommen zu haben!"
Ein schwaches Lächeln umhuschte die schwermutsvoll umzogenen Lippen des Mannes; dieser haschte nach Hcrmiucns Hand und dnickte sie dankbar. „Sie verkennen mich. Ich siehe gewiß nicht an Vertrauen hinter Ihnen zurück, o nein,' das ist cs nicht- Wie soll ich cs Ihnen nur begreiflich machen .... man fühlt, wie einer, der sich reich wähnte, und nun seine Bettelarmnt entdeckt. Dvch das deckt sich nicht. Er liehe sich da so viel sagen." Er nötigte sie, ihn« gegenüber wieder Platz zu nehmen und sprach daun in gedämpftem, raschem Tone auf _ sie ein, gerade als ob cs ihn« Erleichterung verschaffte, sich aussprccheu zu dürfen. „Sie sind Mariens beste Freundin, ich weiß es. Sie sprach mir ost von Ihnen, nannte Sie nur beim Vornamen, ich legte auch weniger Wert darauf, wollte fortan meines lieben Weibes einziger Freund sein. War wohl lvie Eifersucht. Lachen Sie mich nicht ans, Fraulein, doch manchmal kam mich ein Uehermut an, ich hätte jauchzen mögen vor Glück oder Purzelbäume schlagen; kurzum, ich begriff mich selbst nicht mehr, ich wußte nur, daß ich wie auf verwunschener Insel lebte, auf der es ewig Frühling und Sonnenschein blieb — und ringsum, weitaus vom Glück rauschte die Welt, war für mich blo ß noch leerer Schall."
. „So stand cs, als — Franz heimkehrte." Es kostete ihm ersichtlich lleberwindnng, den Namen des ungeliebten Sohnes auszusprechen und er tats nur mit nncwölkter Stirn. „Gleich von Anfang au war der Bursch wie ein Schatten in meinem Glück. Alles begriff ich an Marie und in allen« war ich ihr gern zu Willen. Doch >dcaß sie gleich so herzlich mit dem Buben tat und mir immer um den Bart ging, bat und schmeichelte, galt cs für ihn etwas zu erlangen, während sie sich eher die Zunge abgebissen hätte, als mich um etwas zu bitten, was sie selbst begehrte. . . kurzum, Fräulein, die Unruhe verließ mich nicht mehr. Ich wurde die Empfindung nicht los, als sei mein Glück bedroht. Tas war sehr schlimm. Ich gönne das Gefühl meinem ärgsten Feinde nicht . . . Gottlob, ich habe keinen solchen! Da half keine Vernunft, keine Vorstellung; umsonst redete ich mir vor, wie's lächerlich von mir sei, auf ben Buben eifersüchtig zu sein . . . ich schalt mich einen Verbrecher und Lästerer an meines Weibes Tugend — es blieb umsonst, ich wurde beit Stachel nicht los, er senkte sich immer tiefer in mein Herz . . . und nun sagen Sie selbst, Fräulein," fuhr er unter einem liefen Seufzer fort, „war's nicht die richtige Empfindung, die ich hatte? . . . Herrgott, wie war ich bis zu dieser Stunde gegen Marie! Meine Seele lag, wie mein vergangenes Leben, gleich einem offenen Buche vor ihr. Ich hätte ihr nichts zu verschweigen vermocht .... nichts!" stieß er dumpf hervor. „Sie war dvch mein eigenes Leben, mein anderes Ich . . . und doch lebte sie wie eine Fremde neben mir, hatte feilt Vertrauen, Wohl eher gar Furcht vor mir . . . alles enthielt sie mir vor, was sie an die Vergangenheit anderer kettete, was unsere Zukunft hoffnungsfroh erfüllte.... ah! daran darf ich nicht denken, daß sie mir nicht sagte, was zu erwarten steht. . . und sie weiß es doch, wie ich nach solchem Glück verlange . . . warum hat sie mirs nicht gesagt, warum?" rief er dumpf. Mieder stand die Zornesader dick auf seiner Stirn und seine Augen schienen wie blutunterlaufen. „Wenn sie mirs .nicht sagen konnte, mirs nicht zu sageit wagte, was geheimnisvoll in ihrem Schoß sich regt, weil . . . weil —"
Er brach stöhnend ab.
„Doch, da ruft Marie", sagte er in ersichtlich erleichtertem Tone. „Sie ist rasch wieder wach geworben."
Als er seine Frau aufrecht im Bett sitzen sah, konnte er sich nicht länger zurückhalten, sondern eilte auf sie zu.
Sie wehrte der stürmischen Zärtlichkeit Eilenburgs; scheu blickte sie zu ihm auf. „Verzeihe, wenn ich dich erschreckte," begann Marie matt. „Ich bin ein törichtes Ding . . . doch die Angst fraß mir so am Herzen. Ach, hätte ich dir doch schon längst alles gesagt!"
„Davon sprechen wir jetzt nicht," suchte Eilenburg sie zu beschwichtigen. „Erst ruh dich und schlafe ans."
Tie junge Frau unterbrach ihn kopfschüttelnd. „Ich will die große Angst los werden, die mir das Herz ausfüllt, dann werde ich ruhiger werden. Wie es auch kommt. . . und seis gleich das allerschlimmste, es wird mir Wohler sein. Ich trage diese qualvolle llngewißheit nicht mehr."
Dabei blieb sie, obwohl auch Hermine ihr gütlich zusprach und sie mahnte, sich nicht von neuem ausznregen. „Laßt mich euch alles sagen, es muß vom Herzen herunter," begann sie, als ihr Gatte sich neben ihr auf dem Bettrand niedergelassen Während Hermine teilnahmslos zur Seite stand. „Zunächst das
eine, Richard. Als ich nach Jahren bitterer Heimsuchung, erwachsen und über meine Jahre hinaus gereift und einsichts-- voll geworden, hierher zurückkam, um die Stellung einer Haushälterin bei dir auszufüllen, da hatte ich auch meine törichte Jugendliebe so vollständig vergessen, daß nicht einmal die Ueber- einstimmung des Namens mir auffiel. Vielleicht kam das auch daher, weil sich jener. . . jener Mensch für adlig aus- gegebeu hatte. Nicht einmal seine Jugcitbbilder hätten mir Aufschluß geben können, cs waren keine vorhanden."
„Allerdings, ich hatte mir alles aus den Wagen geschafft, was mich an den Burschen hätte erinnern können," räumte der Fnhrherr ein.
„Ebenso sprachst du nie von deinem Sohne," fuhr Marie leise fort. „Was ich von ihm hörte, das ließ mich nicht einmal erkennen, ob dein Sohn noch lebte ober schon tot war."
„In meinem Herzen war ers langst!" stieß Eilenburg grollend hervor, wieder stand die Zornesfurche ans feiner Stirn. Als er ihren ängstlichen Blick gewahrte, beugte er sich zärtlich über sie und seine Mienen hatten sich schnell gewandelt. „Es war Unrecht von mir, Marie, daß ich dir dies alles verschwieg," stieß er hervor. „Ich hätte mich offen aussprechen, dich nicht im Unklaren lassen sollen. Das rächt sich nun. Doch mir fiel's so schwer. Du warst so jung, ich so alt — und meine Liebe so heiß. Da entschließt man sich nur schwer, von einem erwachsenen Sohne zu reden — zumal von so einem! . . . Kam ich mir doch immer wie ein halber Dieb vor, so ungeheuerlich erschien es mir, so viel Jugend und Liebreiz an mich zu reißen."
Eine flammende Röte stieg in die Wangen der jungen Frau; ihr Blick wurde glänzend, als er bem seinen begegnete. „Richard, laß mich dir's sagen," hauchte sie, „ich habe mir kein größeres Glück denken können, als dein Weib werden zu dürfen. Von jenem Tage an begann erst mein Eheglück — und magst du mich nun gleich verdammen, daS sollst bn wissen, daß es mich so stark zu dir getrieben hat, wie — vielleicht dich zu mir."
Von seinen Lippen löste sich ein Freudenruf; er breitete die Arme, wie um sie zu empfangen. Doch dann sich niäßi- gend, sagte er: „Das war ein gutes Wort, Liebste. Es soll dir unvergessen bleiben — und nun sage mir's rasch, was dich quält. Ich lache schon je tzt darüber... ich habe dir eben wieder in die Augen geschaut. . . nein, du bist die Frau nicht, die Vertrauen täuscht... ich weiß mein Glück in deiner Hut gesichert."
Frau Eilenburg weinte leise, wie vor Freude, vor sich hin. Dann fuhr sie fort:
>„Es kam her Tag, an welchem dein Sohn von den Sol-, baten heimkehrte. Ich sehe ihn noch zur Tür hereinkommen. Wir waren gerade beim Essen, als ihn bas Mädchen ins Zimmer führte.
Dir stieg es rot im Gesicht auf, ich wußte nicht, ob aus Verlegenheit oder erwachsendem Zorn. Jedenfalls blicktest bn plötzlich ganz anbei», als ichs sonst von dir gewohnt war. Ganz beiläufig sagtest du: „Ah, der Franz" — und dich zn mir wendend, sagtest du nicht weniger nach oben hin: „Ich weiß nicht, ob ich mit dir von ihm gesprochen habe. Er stammt aus meiner ersten Ehe, war nun bei ben Soldaten und wird künftig in meinem Geschäft tätig fein" — und dich wieder zn dem Heimgekehrten wendend, sagtest btt kurz: „Ich habe wieder geheiratet, wie du siehst. In deinem eigenen Interesse erwarte ich, daß du deiner Stiefmutter mit einer Ehrfurcht begegnest, wie ich sie von dir erheische. Bleib eingedenk, daß sie meinem Herzen nm nächsten ist" — und damit heißest du ihn, sich setzen und sein Mahl zu verzehren." _
„Gewiß, ich entsinne mich, als sei es erst gestern gewesen," siel der Fnhrherr ein. „Noch sehr ich seinen verdrossenen Blick, wie Haß streifte er dich und ich mußte an mich halten, um nicht sofort den Burschen in die Schranken zn weisen . . , um so mehr erstaunte es mich, euch schon am nächsten Tage so —J so vertraut zu finden," vollendete er unter einem Seufzer.
(Fortsebung folgt.)
-LcuLHev.
(Zum 5. Dezember.)
Original-Artikel der „Gieß. Familienblätter".
Es war ein kalter Dezembertag. Schnee und Eis bedeckten die Fluren. Das Schlachtfeld von Leuthen dampfte noch vonr Blute der Gefallenen. Tausende lagen tot oder verwundet ans der Wahlstatt. Früh war die Nacht schon! eingebrochen. Die von den Anstrengungen des Tages ermatteten preußischen Krieger haben sich zur Ruhe begeben.


