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„Die Kriminalpolizei urteilt notgedrungen an der Hand anderer Maßstäbe", lautete das frostige Bedauern des Rats. „Nun scheint es ferner festzustehen, daß Sie auch den Chloro- forureinkauf in der Askanischen Apotheke bewirkt haben . . . die leere Flasche wurde nachher in der Droschke aufgefunden."
„Das ist die reine Unwahrheit — um mich nicht schärfer auszudrücken!" entfuhr es dem Maler hochgradig gereizt.
„Ich wünschte es in Ihrem Interesse. Jedenfalls habe ich als Beamter pflichtgemäß mit dem vorliegenden Verdacht zu rechnen. Ein eigentümlicher Zufall will es schließlich, daß Taschentücher von derselben Sorte, wie sie von Ihnen tagtäglich benützt toirb, ja, sogar mit Ihrem Monogramm versehen, in der Droschke aufgefnnden wurden . . . mithin sind Sie hinreichend verdächtig, um den gewaltsamen Tod des Baker oder Schuhmacher mehr zu wissen, als Sie anzugeben geneigt sind. Da Sie als Ausländer ohne weiteres fluchtverdächtig erscheinen, sehe ich mich in Erfüllung meiner in diesem Falle besonders schweren Amtspflicht gezwungen. Sie für vorläufig verhaftet zu erklären."
Witte zuckte zusammen, wie von einem Schlage getroffen. Sein Gesicht hatte sich entfärbt, seine Lippen zitterten, nur die Augen sprühten das vorige stolze, verächtlich an mutende Feuer. „Großartig — in der Tat!" meinte er gedehnt. „Sie verhaften mich . . . znm Dank für meine Freundlichkeit, Ihnen unaufgefordert Auskunft zu erteilen."
„Lieber Herr, ich erfülle nur meine Pflicht. Ich würde gegen meine eigene Tächter nicht anders verfahren und ob mir das Herz darüber bräche. Die Pflicht über alles. Uebrigens ist die Sache nicht so schlimm. Ich sorge schon dafür, daß Sie erträglich unterkommen, lieber Ihr ferneres Schicksal hat morgen der Untersuchungsrichter zu bestimmen."
Die erste Aufregung des Verhafteten war schon dahingeschwunden; er suchte sich nur mit leidlicher Fassung in feine Lage zu schicken. „Zu Ihren Diensten, Herr Rat", sagte er mit fast humoristisch klingender Stimmfärbung. „Freilich, ich hatte nie geglaubt, daß ich Sie so bald' auch von dieser Seite kennen lernen sollte".
Kaum sah sich der Rat mit Walden allein, der wie apathisch, als ob er von den Vorgängen im Zimmer garnichts wahrgenommen, dasaß, als er auch schon in großer Bewegung auf ihn zutrat. „Um des Himmelswillen, Mann,was soll ich von dem ganzen Vorgänge halten!" brach er mit mühsam unterdrückter Heftigkeit los.
Er begegnete einem Uhl erstaunten Blick seines Untergebenen. „Wie meinen Sie das, Herr Rat?" fragte Walden in seiner gewohnten ruhigen Weise. „Ich verstehe Sie nicht — ich glaubte vorhin bereits Ihrem Blicke mit für mich rätselhaftem Ausdrucke begegnet zu sein."
Hansemann packte ihn fast ungestüm gm Arm. „ Walden, erlassen Sie mir es, Ihnen zu sagen, was ich immer für Sie empfunden habe und auch jetzt noch für Sie übrig habe. Doch erklären Sie mir, welche Deutung ich diesen Vorkommnissen geben muß! . . . Man sagt Ihnen die Täuschung ins Gesicht hinein, man —"
„Verzeihung, daß ich widerspreche. Ich habe deutlich genug bekundet, daß die Behauptung des inzwischen von Ihnen als verdächtig Verhafteten unwahr ist. Ich gebe zu, daß das Vorhandensein der Stirnnarbe auch mich frappierte. Ja, auch ich glaubte zuerst Gustav Schuhmacher vor mir zu haben, obgleich ich ihn doch Tags zuvor nach dem Lehrter Bahnhof geleitet hatte. Darum meine Schwäche, die Ihnen ja genugsam aufgefallen ist. Ich beruhigte mich jedoch bald, als näherer Augenschein mich von meinem Irrtum überzeugte und es mir immer klarer wurde, daß die Aehnlichkeit nur eine oberflächliche, der Tote vielmehr mit dem berüchtigten internationalen Einbrecher identisch ist."
„Und das unter solchen Umständen auffällige Verschwinden der drei Bildkarten aus dem Verbrecheralbum?"
Walden zuckte mit den Achseln. „Was soll ich da sagen, Herr Rat! Ich kann nur mit großer Betrübnis feststellen, daß ich Ihr Vertrauen verloren habe. So hart mich das auch trifft, so tröstet mich dennoch das Bewußtsein getreulicher Pflichterfüllung."
Hansemann blickte dem anderen so unverwandt in die Augen, als ob er auf dessen Seelengrund lesen wollte. In fast weichem, bittend klingenden Tone meinte er dann: „Walden, muß ich Sie daran erinnern, wie wir zusammen stehen? Wollen Sie sich nicht dem Freunde offenbaren, solange es noch Zeit ist? Sie mögen sich eine Unkorrektheit haben zuschulden kommen lassen, ich will mich darüber nicht weiter auslassen, sondern Ihnen nur meine Bereitwilligkeit ausdrücken, sie zu vertuschen, soweit dies möglich ist,"
Doch Walden begegnete fest und unbeirrt dem forschend aus ihn gerichteten Blicke. „Herr Rat, ich habe bisher jederzeit meine Handlungen vor dem Richterstuhl meines Gewissens verantworten können — so verhält es sich auch jetzt!" erklärte; er ernst und gefaßt. „Ihr plötzlicher Zweifel an meiner Zu- verlässigkeit schmerzt mich tief. Doch zu irgend welcher privaten Mitteilung sehe ich mich nicht veranlaßt."
Der Rat nickte langsam'. „Möge ich Ihnen Unrecht getan haben", sagte er herzlicher. „Ich gestehe offen, die Sache ver-, hin bestürzte mich. Mag fein, der Schein trügt, wie fo oft, auch in diesem Falle."
Der Rat ließ den Gegenstand ohne weiteres fallen und nahm! aus der Schublade das Bild des jungen Hildenbrand. Er händigte es dem Detektiv ein. „Ich habe diese Sache persönlich bearbeiten wollen, werde indessen voraussichtlich heute nicht dazN kommen. Suchen Sie Revierleutnant Beier ans und begeben Sie! sich mit ihm nach Plötzensee. Dort lassen Sie sich den jungen Eileubrug vorführen; der Leutnant kennt ihn genau. Ncber- zeugen Sie sich von der Identität des Gefangenen. Ich hege den Verdacht, daß dieser gar nicht in eigener Person den Straftermin abbüßt, sondern sich in dem Original des Bildes hier einen Stellvertreter besorgt hat."
Maldens Lippen umzuckte es bitter. „Ich verstehe, Herr Rat, Sie wollen mich einstweilen kalt stellen. Daber dieser Auftrag."
Hansemann konnte keinen Widerspruch vertragen; angesichts eines solchen wurde er zumeist maßlos heftig. Eben jedoch runzelte sich nur feine Stirn und er machte eine ungeduldige, verabschiedende Handbewegung. „Von der pünktlichen Erfüllung meines Auftrags hängt viel ab. Sobald Sie Gewisses erfahren!, haben werden, rufen Sie mich durch den Fernsprecher an, und nun gehen Sie!"
(Fortsetzung folgt.) -
Die Stadiknche zu Kungen.
Original-Artikel der „Gieß. Familienblätter".
Es ist ein prächtiges Bild, das dem Ange des Wanderers, sich bietet, wenn er von Osten her ans das Städtchen! Hnngen znschreitet: im Vordergrund Reste der alten Stadtmauer, etwas höher gelegen das ehrwürdige Gotteshaus mit seinem stattlichen Turme, dahinter das malerisch aus dem Grün hervorragende Schloß. Wäre ihnen die Sprache verliehen, sie könnten viel, viel erzählen von Freud und Leid zahlreicher Geschlechter, von lieblichen Tagen und stürmischen Zeiten, von Krieg und Glaubensstreit, von manchem' Ereignis aus geschichtlicher Vergangenheit. Ueber die Mauer hinaus hat das Stadtbild sich erweitert, Kirche und Schloß aber sind wie früher fein Mittelpunkt geblieben. Festge-, gründet und starkgefügt, werden ihre Mauern noch Jahrhunderte überdauern.
Besonderes Interesse nimmt augenblicklich die Stadtkirche für sich in Anspruch. Schon feit vorigem Jahre! find geschäftige Hände daran, ihr. Gewand zu erneuern. Bald wird sie in schmuckem Kleide dem Auge des Beschauers sich darstelleu uud dann nicht nur eine Zierde der Stadt, sondern zugleich eines der sehens würdig st en Gotteshäuser Oberhesseus sein.
Die Kirche besteht aus dem Schiff, dem Turm und dem Chor, die zu verschiedenen Zeiten errichtet wurden. Der älteste Teil der Kirche ist der Turm. Während sein unterer Teil romanische Stilformen aufweift, trägt der Oberbau gotisches Gepräge. Beim Eintritt vom Süden her fällt unser Blick ans eine prächtig beschlagene Tür. Ueber der Turmkapelle sehen wir ein maßvolles romanisches Kreuzgewölbe von vornehmer, ruhiger Wirkung. Bei Arbeiten int Turme stieß mau auf Reste alter Malereien, die nach Möglichkeit vom Verputze befreit, als vorzügliche künstlerische Darstellungen aus dem 13. und 14. Jahrhundert erkannt wurden. Geschickte Hände sind gegenwärtig damit beschäftigt, die Malereien kunstgerecht auszubessern. Das Deckengewölbe zeigt einen wunderbar stilisierten gestirnten Himmel, während die Seitenwände durch schwungvoll gemalte, schwarze Raukeuornameute geschmückt find. Letztere werden durch ziemlich gleichmäßig verteilte, rote Blüten belebt. Reizende Ornamente bedecken ferner den Chor- und Schiffbogen. Besondere Anziehung üben zwei biblische Darstellungen aus, die auf den Fensterleitungen angebracht sind. Die beiden Bilder find gotische Kunst und" zeigen in dem einen Feld den „Apostel Johannes" mit dem Lamm, das er aus


