Mei Zeichnungen ist auch für den Laien der Unterschied Mischen offener und geschlossener Tuberkulose erkenntlich.
Dem Umstande, daß die Berufe, die mit großer Staubentwicklung verknüpft sind, in besonders hohem Maße der Tuberkulose anheimfallen, ist in der Ausstellung durch eine reichhaltige Sammlung von Staubarten von Prof. Sommerfeld Rechnung getragen. Neben den natürlichen Staubarten ist von jeder Sorte eine mikroskopische Photographie ausgestellt, die zeigt, daß manche Staubarten außerordentlich spitzig und daher für die Lungen besonders gefährlich sind. Um vor den Gefahren, die von dem Staube drohen, zu schützen, ist erforderlich, daß in den Betrieben nach Möglichkeit durch geeignete Vorkehrungen die Staubentwicklung verhütet wird. Auf welche Weise die Staubverhütung durchgeführt werden kann, wird durch eine Reihe von zum Teil betriebsfähigen Modellen gezeigt. Diese Modelle stammen aus der Sammlung der vom Reiche in Berlin errichteten ständigen Ausstellung für Arbeiterwohlfahrt.
Glücklicherweise stehen wir den Gefahren, die uns von der Tuberkulose drohen, nicht machtlos gegenüber. In erster Linie muß darnach gestrebt werden, daß die Ansteckung von Mensch zu Mensch verhütet wird. Der Hauptträ^er der Austeckungskeime ist der Auswurf, der von den Tuber- knlösen ausgespieeu wird. Es ist dringend erforderlich, daß dieser Auswurs niemals aus den Boden gespuckt wird. Er muß in geeigneten Spucknäpfen aufgefangen werden, von denen in der Ausstellung eine große Sammlung ausgestellt ist. Dabei ist zu beachten, daß man in der Regel die Spucknäpfe nicht auf dem Fußboden anbringt, sondern in Brusthöhe, da sonst leicht der Auswurf anstatt in den Napf auf den Fustboden entleert wird. Besonders in Fabrikräumen ist es wichtig, daß nicht auf den Boden gespuckt wird.
Nicht nur Tuberkulose, auch andere Krankheiten, tote Influenza, Lungenentzündung können durch den Auswurs übertragen werden, und wir dürfen behaupten, daß jeder, nicht nur der Tuberkulöse, der auf den Boden spuckt, das Wohl seiner Mitmenschen gefährdet. Je reinlicher ein Tuberkulöser in seiner Wohnung ist, um so geringer ist die Ansteckungsgefahr für die Familienmitglieder. Tie Wäsche des Tuberkulösen soll, ehe sie in die allgemeine Wäsche gegeben wird, entweder ausgekocht oder desinfiziert werden. Die Desinfektionsmittel, die hierfür in Betracht kommen, sind in der Ausstellung vorgeführt. Wichtig ist auch, daß bei Wohnungswechsel die Wohnung des Tuberkulösen einer gründlichen Desinfektion unterzogen wirb, damit nicht die neuen Mieter in die verseuchte Wohnung einziehen und an Tuberkulose erkranken. Es sind Desinfektionsapparate ausgestellt, wie sie znr Wohnungs-Desinfektion in Gebrauch sind.
Von besonderer Wichtigkeit für den Schutz gegen Tuberkulose ist für Kranke und Gesunde.eine g u t e Z a h n P f l e g e. Wie diese zu üben ist, lehren Bilder und Tafeln über die Behandlung der Zähne.
Ganz besonders gefährlich sind für Kinder die inmgen Berührungen, die ihnen von tuberkulösen Eltern zuteil werden. Vielfach wird dadurch unmittelbar die Krankheit übertragen und dies kann, wie die von Privatdozent Dr. Heike, Berlin, ausgestellten Bilder zeigen, zu Tuberkulose des Ohres führen. Von anderen Formen der Tuberkulose, die ausgestellt sind, sei besonders aus die Tuberkulose des Gesichts, den entstellenden sogenannten Gesichtslüpus, hingewiesen, der heute dank der Entdeckung Prof. Finsens Mit Hilfe der Lichtbehandlung heilbar ist.
Wenn die dargelegten Vorsichtsmaßregeln aufs peinlichste durchgeführt werden, wird es möglich sein, eine große Anzahl von Neuerkrankungen an Tuberkulose zu verhüten. Allerdings ist erforderlich, daß der von Tuberkulose gefährdete Mensch sich in zweckmäßiger Weise ernährt. Im rechten Seitengang ist eme sehr lehrreiche Tabelle ausgestellt, die für die wichtigsten Nahrungsmittel angibt, wieviel in jedem einzelnen an Eiweiß, Fett, Kohlehydraten enthalten ist. Zugrunde gelegt ist die Menge, die man in Bersin für 50 Pfg. erhält.
(Schluß folgt.)
Zum 75. Todestage des Areißerrn vom Stern.
1831 — 29. Juli 1906. .
75 Jahre! Was sind '75 Jahrs in der Geschichte der Völker? Und doch bedeuten diese 75 Jahre, welche seit dem Lode Steins verflossen sind, für die Geschichte unseres
deutschen Volkes mehr wie sonst vielleicht Jahrhunderte; denn selten haben sich auf zeitlich so eng begrenztem Raum so viele und so wichtige, dem Leben eines ganzen Volkes eine neue Richtung und Bedeutung gebende Ereignisse ab^ gespielt. Die Schwingen einer neuen Zeit regten sich schon' ber seinem Tode, fern zwar grollten noch die Gewitter, aber das Wetterleuchten ihrer Blitze erschreckten doch schon hin und wieder die Welt. Durch die Konzentration der Ereignisse, durch die Schnelligkeit der Entwicklung mag es gekommen sein, daß Steins Name und seine Verdienste bei der großen Mässe selbst der Gebildeten unseres Volkes schon etwas in Vergessenheit geraten ist. Vor allen schiebt sich Bismarck zwischen uns und seinem Andenken. Wir wollen hier nicht Steins Taten und seine Verdienste registrieren, sondern nur die Erinnerung an ihn wieder einmal wecken. Hinweisen möchten wir jedoch wenigstens auf seine Agrarpolitik, seine Bauernbefreiung, auf die ganze sog. Stein-Hardenbergsche Gesetzgebung und auf seinen nut Scharnhorst zusammen erdachten Plan einer allgemeinen Wehrpflicht. Dies alles gehört zu dem Besten, was die neue deutsche Geschichte uns überliefert hat. Nennt man Bismarck den Neugründer des Deutschen Reiches, so kann man Stein mit Recht den Begründer des neuen preußischen Staates nennen, und als solcher half er die Fundamente mauern, auf denen ein Größerer später weiter bauen konnte.
Die Größe Steins und seine Bedeutung für das deutsche Volk hat keiner besser zu würdigen gewußt wie Napoleon, dem Stein in tiefster Seele verhaßt war, und so zu hassen pflegte der Korse nur seine großen Gegner. Im Jahre 1808 hatte Stein in einem Rundschreiben an seine Beamten der Notwendigkeit einer Reform der polit. und sozialen Zustände Preußens das Wort geredet, besonders aub betont, daß die allg. Wehrpflicht eingeführt und der Jugend durch vernünftige Erziehung die Liebe zu Gott, Fürst und Vaterland einqepflanzt werden solle. Dieses Rundschreiben erregte den Zorn Napoleons in solchem Maße, daß er durch feinen Gesandten ein aus Madrid vom 16. Dezember 1808 dasiretes Dekret der preußischen Regierung überreichen ließ, worin der „nomme" Stein zum Feinde Frankreichs und des Rheinbundes erklärt und mit Verhaftung bedroht wurde. Außerdem würde darin ausgesprochen, daß die in Frankreich und den Rheinbundstaaten gelegenen Güter des Ministers konfisziert werden sollten. Wie peinlich Napoleon in seiner Rachsucht seine Anordnung durchführen ließ, zeigt ein Diarium, das der Bürgermeister eines rhein- hessischen Dorfes vor 100 Jähren geführt hat und in das er den Inhalt der an ihn ergangenen Verfügungen, sowie die Konzepte seiner eigenen Berichte eintrug. Dort findet sich zwischen der Abschrift einer Zirtülarverfügung des Friedensrichters und dem Protokoll über die Ernennung eines Tagwächters folgender Eintrag: „Receveur Schlub von Bingen verlangt mittelst Schreiben vom 2. Februar 1810 zu wissen, was der preußische Minister Stein an Gütern und Renten in dem Mairiebezirke besitze." Hieran schließt sich die Bemerkung des Dorfoberhauptes: „Demselben wurde unter dem 5. Februar hierauf geantwortet, daß dieser Minister dahier gar nichts besitze." — Wer zwischen den Zeilen zu lesen versteht, merkt aus dieser Bemerkung, daß dem guten Maire diese Anfrage des Steuereinnehmers spanisch vorkam, da man gewiß im Dorfe den Namen des preußischen Ministers nicht kannte. Hier spiegelt sich aber eine große Weltbegebenheit in dem engbegrenzten Leben eines Dorfes wieder.
Nach Beendigung der Freiheitskriege zog sich Stein vom öffentlichen Leben zurück. Er lebte abwechselnd auf seinen Gütern in Nassau und in Frankfurt. Trotz seiner politischen Zurückgezogenheit nahm er dabei doch regen Anteil an der Entwicklung der Dinge in Deutschland. Die meiste Befriedigung aber fand er in der Förderung von Kunst und Wissenschaft: so wirkte er z. B. auch besonders für die Restaurier'- jtng der Marienburg. Gestorben ist Stein am 29. Juli 1831 auf feinem Gute Kappenberg in Westfalen. Die Nachwelt hat ihm Standbilder auf der Stammburg zu Nassau und auf dem Döuhoffplatz zu Berlin errichtet.. . . . „Demütig vor Gott, hochherzig gegen Menschen, der Luge und des Unrechts Feind, hochbegabt in Pflicht und Treue, unerschütterlich in Acht und Bann, in Kampf und Sieg Deutschs lands Mitbefteier.. Diese Worte, die die Grabstätte des. Freiherrn Vom Stein schmücken, kennzeichnen am besten den Mann, dem zum Gedächtnis in dankbarer Erinnerung heute diese Zeilen gewidmet sind.


