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ob sie auch zu den festen Tänzen ihre Partner finden würden. Wegen chronischen Herrenmangels bei solchen Gelegenheiten waren glücklicherweise nur Polonaise und Quadrille dem festen Engagement überlassen.
Unter der jugendlichen Schar konnten eigentlich nur zwei. den Anspruch auf Beachtung machen, die zierliche, sehr graziöse hellblonde Tochter eines adligen Gutsbesitzers, eines Herrn von Schlieffen, leider ein ganz armes Mädchen, und Trnde Glettenberg, ein frisches, rotwangiges, dunkelhaariges Ding, dem der Schalk aus den blauen Augen lachte, das einzige Kind eines sehr wohlhabenden Rechtsanwalts, außerdem Suse Meridies intimste Freundin, trotz- bem sie ein Lebensjahr vor ihr voraus hatte.
Alle anderen hatten nichtssagende, ja teilweise unschöne Gesichter, sehr magere oder sehr plumpe Figuren und un- gelenfe Bewegungen. Auch verriet ihr Anzug den spießbürgerlichen Geschmack der kleinen Stadt, in der eine Hausschneiderin für 1 Mark 20 Pfennige den Tag die Sachen, nach dem Urteil der Mutter, „billig und recht niedliche znrecht machte. An den blonden und braunen Köpfen hatte die einzige Friseuse des Ortes ihre Kunstfertigkeit geübt, alle nach einer Schablone zurecht gestutzt, über der Stirn hoch emporgekämmt und am Wirbel in einen abstehenden Knoten gedreht, ob es zu dem jeweiligen Gesichtsschnitt der Betreffenden paßte oder nicht.
Ruth Meridies fiel ivie immer auf in diesem Kreise. Bei ihr ioirkte alles einheitlich, Frisur, Kleidung, Be- nehmen. Was sie trug, es schien stets wie extra für sie geschaffen, und ihre ruhigen Bewegungen, ihre anmutige Sicherheit paßten so gut zu ihrer biegsamen, schlanken Gestalt imb dem reinen, stolzen Ausdruck ihres Gesichts.
Cie ivar bei Herren und Tarnen gleich beliebt. Tie junge Welt schwärmte für sie. „Sie ist so apart, anders' wie alle anderen." Das übte großen Zauber aus. Die Herren bewunderten und achteten sie sehr. Es war ja bekannt, daß sie sich seit frühester Jugend opferte für ihre Familie. Ein Hauch von Schwermut umwehte sie, trotzdem sie nie eine Verstimmung aus der Misere des häuslichen Lebens in eine Gesellschaft trug. Sie konnte sehr heiter sein und herzlich lachen. Und sie tanzte leidenschaftlich gern.
Nur das Sitzen in Reih und Glied, wie es in L. Mode war, dieses Warten auf die Tänzer, denen man sich anbot: „Hier, sucht Euch aus, wer Euch am besten gefällt", denen die meisten schon von weitem sehnsüchtig entgegeusahen, in die Arme flogen, kaum daß sie sich flüchtig verbeugt Hatteil — das widerte sie an, enlpörte ihr sensitives Schamgefühl. Sie versteckte sich in irgend einen Winkel, hinter die Mütter, zum Aerger der ihren, die vor Angst bebte, ihre Tochter als Mauerblümchen zu sehen, die ihr verstohlen zuwinkte und mißbilligende Blicke zuwarf.
Heute war es nun gar arg. Ruth hatte eilt wunder- bolles Plätzchen gefunden, fast verborgen unter hohen grünen Blattgewächsen, und dort saß sie, unbekümmert um die verletzte Muttereitelkeit, von Herzen froh, wenn ein paar Minuten vergingen, ehe einer der Herren sie entdeckte und zum Tanz holte. Hans Klausen war nicht da. Aber sie zitterte davor, daß er noch kommen könnte.
Sie fand keine Ruhe. Jedesmal, wenn sie von einem Tanz auf ihren Platz zurückkehrte, spähte sie vorsichtig umher, ob er nicht unterdeß irgendwo aufgetaucht war. Sie atmete erleichtert auf, wenn sie ihn nicht fand. Aber, hatte er denn Rücksichten zu nehmen auf ein Mädchen, das ihn nicht liebte?
Sein Fehlen wurde allseitig bemerkt. Er war ein flotter, lustiger Mensch und ausdauernder Tänzer. Er machte den jungen Mädchen den Hof. Sie vermißten ihn sehr. Trude Glettenberg ließ traurig das Köpfchen hängen und hatte sich schon mal an Ruth geschmeichelt: „War Hans Klausen letzthin bei Euch? Warum ist er heut nicht da? Er tröstet wohl Suse?"
. r,?uf die war sie immer eifersüchtig, weil er sich, als ernstiger Gespiele, kleine Freiheiten gegen sie gestattete, die ™ tlc^. auc§ gern hätte gefallen lassen.
ift so mit ihren Gedanken beschäftigt, daß sie vergeßt, sich nach Klausen umzusehen.
, Schon beginnt die Kapelle oben einen neuen Tanz zu Wellen'"^" toe‘.ci)ett, schmeichelnden Walzer: „lieber den
(Fortsetzung folgt)
Iern Walrrm, Edlen, Schönen.
Ein Großstadtroman von Fedor v. Zobeltitz.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
„Ich kann heute über sechzigtausend Mark verlorene Zinsen quiOicren/ murrte Berndal.
„Dafür haben Sie Ihre Portieren und Teppiche hoch genug in Ansatz gebracht," erwiderte Hammer. Er fühlte, wie fein Blut zu sieden begann.
Imhoff kam Berndal schleunigst zuvor, um einen Zusammenstoß der beiden zu verhindern.
„Meine Herren," rief er, „ein Schlußwort! Ich gehöre dem Aufsichtsrat nicht an; ich bin sozusagen nur Gast. Die Entscheidung ruht in Ihrer Hand, Aber ich möchte noch einmal betonen, daß uns meiner festen Meinung nach nur das große Ausstattungsstück retten kann. Der Herr Baumeister klagt, daß wir damit die Kunst aus dem Hause wiesen. Auch das möchte ich bestreiten. Es ist durchaus nicht gesagt, daß hinter einer auserwählt schönen Pracht an Dekorationen und Kostümen immer der höhere Blödsinn stecken muß. Wir werden Naimunds Märchen zur Aufführung bringen, ich habe sogar an Heine's Faust-Ballett gedacht — freilich auch an moderne Revuen im Pariser Genre. Der Herr Baumeister spricht von einer Jagd nach dem Dutzendgeschmack. Cs ist aber noch die Frage, ob wir mit einer Verfeinerung der Choreographie und einer künstlerischen Läuterung des Aus- stattungswesens nicht Höheres erreichen als durch Opern- und Schauspiel-Ausfführungen, die wir beim besten Willen nach Lage der Sache nicht über das Niveau der Mittelmäßigkeit hinausheben können. Die alte Frage: Volks- oder Luxustheater tritt auch für uns in Kraft. Das Prinz-Ferdinand- Theater kann aber unmöglich zu einer Volksbühne werden, denn wir sind nicht im Stande, billigere Billcttpreise zu gewähren. Es ist auch seinem ganzen Bau nach durchaus ein Luxustheater — ich möchte sogar sagen: das prädestinierte Ansstattungstheater —"
„Nein!" schrie Hammer wütend dazwischen.
„Bitte, aussprechen lassen," sagte der Generalkonsul.
Fridolin Meyer als Vorsitzender klopfte mit fernem Bleistift mahnend aus den Tisch.
„Unsere Bühneneinrichtung," fuhr Imhoff ruhig fort, „weist uns förmlich darauf hin. Wir können zwanzigmal verwandeln, ohne den Vorhang fallen zu lassen; wir haben Flugapparate, um ein ganzes Geisterheer in die Luft zu hängen; die Szene ist so tief, daß wir die herrlichsten dekorativen Perspektiven erzielen können. Machten wir bisher einmal ein Geschäft, so brachte es uns nur der Ausstaiiungs- rununel. Wenn mir in der „Armida" die ganze Zauberinsel zu den Wolken aufschmeben ließen, dann jubelte das Publikuni. Meine Herren, ich sage nichts, weiter . . ." Er legte die Hand auf die vor ihm auf dem Tische gehäuften Papiere . . . „Hier haben Sie meine genaue.Kalkulation. In der Aufstellung sind auch die Abfindungen für die Herren von Seeben und Gicsecke verzeichnet; die meisten Kontrakte des Personals laufen mit Schluß der Saison ab. Prüfen Sie sorgfältig, wenn ich bitten darf, und gestatten Sie, daß ich mich inzivischen zurückziehe."
„Ein Wort noch," sagte Hammer finster. „Ich sehe es Ihren Gesichtern an, meine Herren, daß Sie für die Imhoff- schen Projekte viel übrig haben. Sie sind Geschäftsleute, ich bin Künstler. Und jetzt ist der Augenblick gekommen, da sich unsere Wege trennen. Ich kann Ihnen nicht zürnen, in keiner Weise. Es ist möglich, daß ich mich „verbaut" habe. Ich habe dem Wahren, Edlen und Schönen dienen wollen; nehmen Sie mit meinem guten Willen vorlieb. Mein materieller Anteil an dem Unternehmen ist nicht bedeutend genug, als daß er mitsprechen könnte. Sie werden mich überstimmen. Das ist Ihre Sache, und ich verdenke es Ihnen nicht, ivenn Sie Ihre Zinsen retten wollen. Aber gestatten Sie, daß ich vom Aufsichtsrat zurücktrete. Ich kann nicht dabei sein, wenn man den Beschluß faßt, das Haus, in dem ich der reinen Kunst einen Altar zu errichten gedachte, der ausschließlichen


