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1906 — M. 75
Mittwoch den 23. Mai
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WitLettole Mädchen.
Roman von H. Ehrhardt.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
In Gedanken begann er sofort eine Skizze dieses Bildes zn entwerfen — nichts als eine einzelne Mädchengestalt im toten Licht einer Novemberlandschaft, ohne das Farbenbunte des Herbstes, das weißleuchtende des winterlichen Schnees — es konnte ein schönes Bild werden.
Ein polternder Schritt im Korridor draußen unterbrach seine künstlerischen Phantasien. Man hörte das brummende Sprechen des alten Heinrich und eine lachende Männerstimme.
Willy Hammer ging zur Tür und riß sie auf.
„Na, zankt Ihr Euch wieder einmal, Ihr beiden?" rief er nmüsiert in den hellerleuchteten Vorraum hinaus, „oder heckt Ihr irgend ein Komplott gegen mich aus? Warum kommst Du denn nicht herein, Hans Günther Edler von und zu Bohlen?" .
„Immer abwarten, alter Freund!" gab der also Begrüßte zurück und schüttelte mit spitzen Fingern seinen durchnäßten bräunlichen Filzhut, daß die Trostfen nur so herumflogen, „erst muß man sich doch ein wenig menschenwürdig machen, ehe mau es wagen kann, auf Deinen echten Perserteppichen zu wandeln — daher die lange Konferenz mit Deinem getreuen Eckart. Nun bin ich so weit, also en avant."
Er gab dem ernsthaft dastehenden Diener einen freundschaftlichen Klaps auf den Rücken.
„Einen Schnaps, Heinrich, mir graut vor Dir", dann schüttelte er dem Freunde derb die Hand und trat mit ihm ins Atelier. ,
Sie waren ein merkwürdig ungleiches Paar, die bewert. Hans Günther von Bohlen verleugnete in keinem Zug seiner Erscheinung den einstigen Offizier. Er hielt seine sehnige, kaum mittelgroße Gestalt straff aufgerichtet, hatte den rotblonden Schnurrbart aufs peinlichste in die Höhe gekämmt, das schlichte Haar sehr korrekt zur Seite gescheitelt, ©eine etwas starren, hellblauen Augen erhöhten noch den steifen Eindruck seiner Erscheinung, dem sein lebhaftes, gewandtes Wesen völlig widersprach.
Er hatte eines Lungenleidens wegen als Oberleutnant seinen Abschied nehmen müssen und sich dank seines großen Talentes und seiner ebenso großen Energie binnen kurzem zu einem bereits viel besprochenen Landschaftsmaler cmpor- gearbeitet. Mit Hammer verband ihn eine Jugendfreund- schaft — auch er war ein Düsseldorfer Kind, jedoch einer wenig Begüterten adligen Beamtenfamilie entstammend. Er war trotzdem nie gezwungen gewesen, die pekuniäre Hilfe des Frenndes in Anspruch zu nehmen und daher einer der wenigen, die nicht an dem Triumphwagen des reichen Malers zogen, weshalb Willy Hammer in ihm auch seinen
besten Freund liebte und achtete. Ein bißchen leicht totuü er ja auch — aber das gehörte eben zum Handwerk.
„Pu, die Lora war gestern verdammt nngnädig, daß 'DN nicht kamst!" begann er, nachdem sie einige triviale Bemerkungen über das Wetter gewechselt hatten, „halt Dich dazu bei ihr, sonst schnappt sie Dir der lange Garde- Artillerist aus Spandau fort."
„Mag er doch! Nehm er sie hin, sie sei sein, meinen Segen obendrein — ich reiß mir keine Haare darob aus> mein Jungchen", meinte Willy, eine Schachtel Zigaretten auf das maurische Tischchen neben dem Diwan setzench „hier, bediene Dich — Heinrich bringt uns gleich einen Benediktiner."
Hans Günther hatte sich mit dem Vorrecht des guten Freundes auf die weißen Felle lang hingestreckt und hob nun überrascht den blonden Kopf.
„Schon wieder ausgebrannt, Willy? Na, hör' mal an,; das ging ja diesmal rapide."
Der andere setzte sich ans Fußende des Ruhebettes und schlug nachlässig die Beine übereinander. Etwas Witz Widerwillen breitete sich über sein männliches Gesicht.
„Weißt Du, Hans Günther, bloß zu Dir gesagt — ich hab' die Sorte Weiber manchmal über — bis hier herauf", mit einer bezeichnenden Handbewegung nach der Kehle, „ich muß jetzt so oft an die Liesa denken — wie war di« rein trotz ihrer großen Sünde — und wie sehr hat sie mich geliebt — verachten müßte sie mich ja, sähe sie, wie ich mich jetzt wegwerfe."
Der ehemalige Offizier stützte nachdenklich den Kopf in die schmale, weiße Hand.
„Recht hast Du ja, Freund Willy, erhebend wirkt dieser Damenverkehr nicht aus uns — aber, Gott, ohne Frauen geht's doch mal nicht — warum sind denn auch die Dinger so süß?"
„Ach was, süß?! Ekelhaft sind sie."
Willy Hammer sprang gereizt auf und lief im Atelier herum, wie ein gefangener Löwe. Er war wütend, daß er diesen edleren Regungen in sich Ausdruck gab und doch nicht imstande/ sie zu unterdrücken.
§anS Günthers scharfe blaue Augen folgten ihm amüsiert.
„Der tolle Hammer geht in sich!" spottete er lachend und als in dem Moment Heinrich mit der weitbauchigen, grünen Likörflasche und kleinen Gläschen im Türrahmen erschien, rief er ihm entgegen: „Getreuer Eckart, Ihr Herr. Willy wird heiraten."
Der Alte ließ vor freudigem Schreck fast das Tablett fallen. Eine wahre Verklärung strahlte aus seinem rotem bartlosen Gesicht.
„Wär' das ein Glück! Hält' die Frau Mama da eine. Freude! Jst's denn wahr?" stotterte er.
„Blödsinn isl'sl" schnauzte sein Herr ihn an, „heißt denn das heiraten wollen, wenn man Anwandlungen von Vernunft bekommt? Heiraten ist im übrigen Unvernunft in


