Montag den 20. August
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Jer Stern.
Roman von U l r i ch Fran k.
Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
„Es hat ihr aber doch bisher nichts geschadet I Nein, nein . . . das laß ich mir nicht vorreden, da steckt was anderes dahinter! Vielleicht ... ja, sieh 'mal, solange sie allein war, ging alles ganz gut! Kaum kommt die Verwandtschaft und Freundschaft dazu, geht alles schief! Dieser Doktor ist auch so einer! Wo sie war, alles klappte. Ueberall der gleiche Enthusiasmus wie hier."
„Aber wie singt Dellchen auch!"
„Das ist es ja eben. Man läßt so etwas nicht fallen. Das ist ja Wahnsinn! Reist nur alle wieder ab — die ganze Bernstadter Gesellschaft, du mit, lieber Schwager, und alle Grafen und Doktoren, und überlassen sie sie uns. Wir bringen sie schon wieder auf dcrr Damm. Ich konsultiere dann einen Ncrvcnprofessor, nicht diesen Doktor, und Lucie soll immer bei ihr bleiben als ihre Gesellschafterin. ES wäre nun end- lich Zeit, daß wir für die großen Opfer, die wir gebracht ..."
„Ihr?"
„Ja gewiß, lieber Brandt! Denkst du denn, wir haben von Zinsen gelebt während der ganzen Jahre, wo Della in Dresden bei uns war, um zu studieren? Schulden hab ich gemacht! Ich konnte cs dreist, denn ich wußte, das bringt sie tausendfach wieder ein. Und so wäre es auch gewesen ♦. . und nun kommt mit einemmal diese verrückte Geschichte 1 Es ist zum Verzweifeln . . . Ich bin ruiniert! Ich und mein armes Kind, dem ich alles versagte, damit nur Della alles habe. So eine angehende Künstlerin, wie muß die gehegt und gepflegt werden, und das ganze Haus wurde danach eingerichtet, das kostet Geld, lieber Schwager."
„Ja, aber warum sagtest du nichts und schriebst . . ."
„Weil ihr das doch nicht verstanden hättet, du und Berta, in euren kleinstädtischen Gewohnheiten. So ein junges Mädchen muß immer reizend gekleidet gehen und die feinsten Bissen genießen, und das ganze Haus muß einen künstlerischen Zuschnitt haben . . ."
„Und das hast du getan?" Die Rührung schien ihn übermannen zu wollen.
„Jawohl!"
„Und hattest ... du hattest cs nicht dazu?"
Sie schüttelte den Kopf.
„Mein Gott, Hannchen, was bist du für eine edle Seele! Wir hielten dich immer für wohlhabend — und solche O>pflx hast du unserem Kinde gebracht? Mein Gott, mein Gott! Wie können wir dir danken? Was wird nur
Bertchen sagen? Die ... die .. . und Schulden hast du gemacht? Aber das ist ja schrecklich! Und wie konntest du nur? Ist cs viel?" fragte er zaghaft.
„Viel mehr, als ich zu sagen wage und zu denken."
„Und Della? Wußte sie etwas?"
„Ach, Della? Die! Die kümmerte sich um gar nichts. Rur ihre Studien ... bei Ranzoni und Wittclsbach brachte sie ihre Zeit zu, dazwischen üben und üben und üben. Man bringt's nicht so weit ohne tüchtige Arbeit. Aber für nichts sonst hatte sie Sinn. Sie sand natürlich, daß alles da war, was sie brauchte, und daß sie lebte, wie sie lebte. Die Tante hat's dazu, mochte sie gewiß gedacht haben, ohne zu überlegen, woher es kommt. So war's auch, als der Graf Giers- dorf damals in Dresden war und ihr anbot, alles für sie bezahlen zu wollen, da sagte sie kurz: nein."
Sie hatte in ihrer Aufregung nicht bemerkt, wie er zusammenfuhr, als sie vom Grafen sprach.
„Der Graf Giersdorf? Welcher denn?" fragte er mit gepreßtem Ton.
„Der älteste natürlich."
„Aber davon wußten wir ja gar nichts."
„Sie wollte nicht, daß ihr cs erfahret. Aber ich habe ihr damals gut Bescheid gesagt und ihr erklärt, daß sie cs ohne weiteres hätte nehmen können . . ."
„Sie hat recht getan . . . Wir lassen uns nichts schenken!"
„So etwas kommt immer vor, daß reiche Leute pmge Talente bei ihrer Ausbildung unterstützen. Das bringt sich reichlich ein."
„Du siehst ja, wie es mit solchen Berechnungen geht, liebes Hannchen! lind wenn der arme Künstler später nicht kann, wenn er krank wird, versagt . . . was dann? Welches Glück, daß wir dir wenigstens werden erstatten können, was du ausgelcgt hast. Della hat uns in den letzten Jahren viel Geld geschickt von ihren Gastspielen — es ist unberührt. In der Kreissparkasse liegt es; sobald wir in Bernstadt sind, schicke ich es dir nach Dresden. Den ganzen Betrag. Damit deckst du einen Teil deiner Auslagen. Darf ich?"
„Ich ... ich, ich muß cs wohl annchmen, lieber Schwager, denn . . . denn, ivie gesagt, ich habe Schulden."
Sie verschwieg in schlauer Ueberlegung, daß Della auch ihr in dieser Zeit große Beträge geschickt hatte. Sie wußte, daß diese nie davon sprechen würde. Ihre Verwandten schienen wahrhaftig nicht die Leute, Kapital zu schlagen aus dem wundervollen Material, das sie in ihrer Tochter besaßen. Das waren törichte, unpraktische Menschen damals wie heute. Sie wenigstens wollte retten, was zu retten war.
„Ist es viel, lieber Schwager?"


