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Dem Wahren, Edlen, Schönen.

Ein Großstadtroman von Fedor v. Zabeltitz.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.) ,

Ging alles gut, so konnte das Theater tn spätestens drei Jahren eröffnet werden. Vielleicht noch früher. Man baut heute schnell. Mso eilten auch die künstlerischen Vor- bereituilgen. Ein großes Opernpersonal läßt sich urcht von heute zu morgen zusammentrommeln. Tie tüchtigen Kräfte sind gebunden; da müssen Kontrakte gelöst und hohe Straf­gelder gezahlt werden. Ta müssen Entdeckungsreifen unter- nontmen werden, um unbekannteren Talenten auf dre Spur zu kommen. Ta gilt es, die Agenten zu benachrichtigen und technische Hilfskräfte heranzuziehen, Bureaubeamte, In­spizienten, Theatermeister, das Riesenheer der Kulissen­leute, die gleich Jupiter dem Donner und Blitz gebieten und im Handumdrehen einen schönen Prunksaal in eine Einöde am Sinai zu verwandeln verstehen; ferner die Unter­irdischen, die die Erde öffnen imb züngelnde Flammen tote rote Dämpfe, tote auch mephistophelische und geister­hafte Gestalten aller Art aus dem Boden steigen lassen rönnen; und die Armee der Luft, oben auf dem Schnür­boden, die Bringer des Lichts, die die Flugmaschtnen zu regieren haben und imFaust" die Engelschöre und seligen Knaben kommandieren. Dazu das ganze Orchester und dann das Ballett und auch an die Zusammenstellung des Schauspiel-Ensembles mußte rechtzeitig gedacht werden. . . . Es war eilte ungeheure Arbeit, die bewältigt werden sollte, und Imhoff hatte das Empfinden, daß man niemals damit fertig werden würde.

Priestap, der sich in diesen Tagen nicht sprechen ließ, hatte ihm sagen lassen: er möge dieVorbereitungen für die Oper" in die Hand nehmen, doch sollte die ganze An­gelegenheit noch nicht an die große Glocke kommen. Tas Ivar kaum durchzuführen; schon ohne die Theateragentnren ließ sich nichts machen. Aber Imhoff war eine geduldige Natur. Er vertiefte sich vorläufig in die letzten Jahrgänge des Theater-Almanachs und der Bühnengenossenfchafts- Zeitung, die er sich von dem Sekretär des Deutschen Theaters geliehen hatte, und machte sich seine Notizen.

Zuweilen fluchte er leise vor sich hin, stützte den Kopf in die Hand und grübelte. Was war eigentlich aus der Bogner-Wettin geworden? Eine ausgezeichnete Altistin, die vor einigen Jahren nach Amerika gegangen war und die inan heranholen konnte. Im Theater-Almanach war noch ihre Newyorker Adresse angegeben; aber sie wohnte nicht mehr in Newyork das wußte Imhoff bestimmt. Er rief nach Nina. 9iintt hörte nicht.

»Nina I" wiederholte Claudius mit Stentorstimme, hob den Kopf und ließ die Augen rollen. Aber Nina hörte noch immer nicht. Nun erhob sich Imhoff, zog den Gur! der

Belmonte-Hosen straffer und schloß den Frisiermantel über Neluskos braunem Trikot. Wo steckte das Mädchen? Er hatte Nina am heutigen Morgen überhaupt noch nicht ge- sehen. War sie schon in ihrer Gesangsstunde -- oder faulenzte sie etwa noch im Bette? Das tat sie gern.Warte, Du, Murmeltier/ brummte Imhoff.

Er trat auf den Flur. In der Küche hörte er sprechen. Die Liesegang zankte sich wahrscheinlich, wieder mit dem Bäckerjungen oder schimpfte über die dünne Milch. Die Liesegang'war das Faktotum des Hauses Imhoff. Sie war Souffleuse gewesen, konnte aber infolge eines HalsleidenS nicht mehr 'so akzentuiert sprechen, wie ihr Beruf es erfor­derte. Da hatte die erste Gattin Imhoffs, die Soubrette Suse Degener, sie als Kammerfrau engagiert. Nun hatte sie bei Imhoff ausgehalten, durch die drei Ehen und in den Jnteregnen, und hielt noch immer aus. Wo sollte sie auch hin? Sie war über die Sechzig hinaus und krumm und lahm und heiser. Hier hatte sie wenigstens ihr Kämmerchen und ihr Bett und kochte dafür und führte die Wirtschaft. Sie hätte sich auch fürs Leben nicht mehr von Nina getrennt, dem Töchterchen Imhoffs aus seiner ersten Ehe.

Claudius stand in der Küchentür..

Natürlich/ sagte er,natürlich (jicr. kluckt Ihr wieder, und ich kamt mich heiser schreien I Liesegang, ich schwöre Euch zu, ich werfe (Stiern ganzen Krempel von Zauberkarten und Traum- und Punktierbüchern ginn Fenster hinaus, wenn Ihr die Nina fortgesetzt in ihren Studien stört. . . Nina, warum höre ich Dich nicht singen? Hast Du heute keinen Unterricht? Du bist wohl eben erst aufgestanden? Und ich frage Dich: schickt es sich, zum Donnerwetter, im Hemde in der Küche zu sitzen!? Kann nicht der Briefträger kommen oder der Kohlenfritze oder der Milchlümmel? Das Haar hast Du Dir auch noch nicht gemacht. Es ist geradezu ein Skandal, wie Du aussiehst . ."

Imhoff hatte im Grunde genommen recht; aber Nina sah doch auch wieder sehr niedlich aus. Sie war eine ent­zückende Brünette von siebzehn Jahren und trug wirklich nur ihr Nachthemd, denn sie war soeben erst aus den Federn ge­krochen und sofort in die Küche geeilt, ohne sich die Mühe zu geben, einen Schlafrock überzuwerfem Sie hatte es sehr eilig. Sie hatte eine Frage von größter Wichtigkeit an die Liesegang zu richten. Es war ihr im Traume ein Mann erschienen, mit schwarzem Barte und einer Glatze, der hatte neben sich an der Leine, so wie man einen Hund führt, einen ausgewachsenen Löwen. Nun wollte Nina gern wissen, was das zu bedeuten habe und die Liesegang holte auch so- fort ihr Traum- und ihr Punktierbuch aus der Schieblade des Küchentisches, und beide setzten sich und vertieften sich tn