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ßotb Wayne stand und sah sie mit unaussprechlichem Mitleid an.
Der Schlag war fürchterlich für ihn. Sie war ihm der Inbegriff des weiblichen Ideals gewesen, — vollkommen, untadelig an Ruf, an Schönheit, an Herz, Gemüt und Seele. Er hatte geglaubt, die Seele seiner Gattin sei wie ein klarer See, der sein eigenes Bild ihm wiedcrspiegele. Er hatte geglaubt, daß sie ihn liebe, wie wenige Frauen lieben — stark, treu und wahr!
Kein schrecklicherer Schlag hätte ihn treffen können, als dies Bewußtsein, daß sie einen anderen vor ihm geliebt hatte, daß sie verheiratet gewesen, bevor sie ihn geheiratet, und ihm dies alles verheimlicht hatte.
Seine Herzensgute und seine ritterliche Natur ließen ihn jedoch fühlen, daß dies weder die Zeit noch der Ort seien, sich merken zu lassen, wie tief die Wunde war.
Er nahm ihre Hände in die seinen. Ein paar helle Tränen fielen ihm die Wangen herunter.
„Evelyn, ich vergebe dir. Das einzige Unrecht, das *bit mir angetan, besteht darin, daß bit mir das Geheimnis verborgen hast, wo du es hättest mir mitteilen können — wo du mir hättest vertrauen sollen. Deshalb mache ich dir aber keinen Vorwurf — ich vergebe es dir vollständig, aus freien Stücken, ganz und gar. Wenn je eine Frau die Liebe und Hilfe ihres Mannes nötig hatte, so hast du die meinige jetzt nötig. Du hast mir deine Geschichte erzählt, hast erklärt, was geheimnisvoll schien; nun sag' mir, meine Gattin, was hattest du mit diesem jungen Manne zu schaffen — was wollte er von dir?"
„Er war im Irrtum," sagte Lady Wayne schnell, „er hatte etwas von der Sache herausbekonimen, aber nicht alles. Er glaubte, Marian sei Werner's Mutter, und sie hatte ihn in diesem Irrtum? gelassen — sic hatte edelmütig die ganze Last und Bürde auf sich genommen."
Lord Wayne wandte sich zu Miß West, und das Licht, das über seine Züge kam, blieb Marian stets unvergeßlich.
„Das weiß ich," sagte er. „Selbst mir gegenüber wollte Marian sich nicht auf deine Kosten davon reinigen. Evelyn, sie ist eine Heldin, es gibt wenige Schwestern wie sie."
„Es scheint mir," sagte Lady Wayne, „daß dieser unglückliche junge Mensch mit Marian bereits seinen Handel gemacht hatte. Ich wage dir wirklich kaum mitzuteilen, Mortimer, was er von mir verlangte."
In Lord Wayne's Gesicht stieg eine leichte Röte. „Habe keine Furcht," erwiderte er trübe. „Nichts wird mich jetzt überraschen."
„Er schrieb mir", fuhr sie fort; „er sandte mir eine kurze Mitteilung des Inhalts, daß er ein Geheimnis von meiner Schwester in Händen habe, und daß ich seinem Ersuchen Folge leisten müffe, wenn ihr guter Ruf mir lieb und wert sei. Was er mir zu sagen habe, bedinge äußerste Geheimhaltung, und er ersuchte mich, an dem Abend um zehn Uhr an dein kleinen Tore zu sein, das zum Forste führt. Er war denn auch am Türchen, und der Zweck der Unterredung war der, daß er mich bedrohte, Marian und ihr Geheimnis bloßzu- stellcn, wenn ich nicht verspräche, ihn meine Tochter, unsere schöne, liebliche Elsie, heiraten zu lassen."
„Was? Hat er sich rvirklich erfrecht, seine Unverschämtheit so weit zu treiben?" rief Lord Wayne. „Dann möchte ich beinahe sagen, er verdiente den Tod, der ihn ereilt tyoi."
72. Kapitel.
-,Hils mir, mein Sohn!"
Als Miß West die Worte ihrer Schwester vernahm, rötete sich auch ihr Gesicht vor Entrüstung.
„Evelyn, das unterstand er sich?" rief sie. „Ich möchte wohl mit Mortimer sagen, daß er sein Schicksal verdiente. Er versprach mir — nein, er schwur mir, daß kein Wort über seine Lippen kommen solle; er zwang mir das Versprechen ab, ihm tausend Pfund jährlich zu geben, was ich auch getan habe, uyter der einen Bedingung, daß er nie auch nur ein Wort verlauten lasse, was nur im allerentfertt- lepen Bezug darauf haben könnte."
„Er drohte mir, wenn ich meinen Mann und meine
Tochter nicht dazu überrede, dieserHeirät zuzustimwen, werde er uns verraten."
„Und was hast du ihm darauf gesagt?" fragte Lord! Wayne.
„Ich kann mich kaum noch erinnern. Ich war betäubt, niedergeschmettert, erdrückt. Am meisten von allem war ich überrascht und fassungslos über Marians Opfer und über die Tatsache, daß mein Sohn lebte. Dessen erinnere ich, mich lebhafter als alles anderen."
„Aber du hast doch natürlich seine Unverschämtheit gebührend zurückgewiesen?" ^ragie Lord Wayne mit Ungeduld. „Sich zu erfrechen, seine Augen zu meiner Tochter zu erheben, zu meiner strahlenden, schönen Elsie!"
„Aber ich habe ihn nicht erschlagen", sagte sie sanft, „ich habe ihn nicht einmal angerührt. Ich war ganz verwirrt, bestürzt, fassungslos."
„Evelyn", sagte Marian, „kläre uns das Geheimnis auf — sag' uns, wie er zu Tode gekommen ist."
„Ich weiß es nicht", rief sie verzweifelt. „Wenn ich selbst nur die leiseste Ahnung über dies Wie hätte, sv würde ich es Euch sagen. Ich stand und sprach mit ihm, und ich hörte keinen Laut. Urplötzlich, und ohne daß auch nur das Geringste vorher zu hören oder zu sehen gewesen wäre, fiel ein Schuß, so unmittelbar in meiner Nähe, daß ich glaubte, es sei auf mich selbst gezielt worden. Dann fiel er gegen mich. Ich fühlte, wie das warme Blut auf mich tröpfelte. Als meine wirbelnden Sinne sich wieder etwas beruhigt, bückte ich mich und hob ihm den Kopf in die Höhe; da sah ich, daß er tot war."
„Und niemand kam vorbei oder ließ sich überhaupt auf der Stelle blicken?"
„Nein. Ich könnte Euch überhaupt jetzt nicht einmal mit Bestimmtheit sagen, aus welcher Richtung der Schuß abgefeuert wurde — das Gräßliche war zu viel für mich. Ich schrie in meinem Entsetzen laut auf und eilte nach Hause zurück."
„O, Evelyn, wiederum und wiederum, — wenn du mir doch nur vertrant hättest — wenil du nur geradewegs zu mir gekommen wärest — ich hätte dich retten können. Was haft du dann getan?"
„Ich sah, daß mein Kleid und meine Hände ganz feucht von Blut waren und--"
„Hat dich irgend jemand gesehen?" unterbrach ihr Gemahl schnell.
„Ich weiß nicht — ich erinnere mich nicht. Ja, doch — das Mädchen, das mir das Wasser brachte, muß mich gesehen haben. Ich klingelte nach heißem Wasser, und sie kam ins Zimmer."
Ein Ausruf des Entsetzens von beiden Zuhörern zeigte Lady Wayne, was sie fürchteten.
„An mehr kann ich mich nicht wehr erinnern", sagte sie müde. „Ich legte mein Kleid ab; aber ich muß wohl vergessen haben, welch gefährliches Zeugnis die Blutflecken darauf gegen mich ablegten, denn ich weiß nicht einmal mehr, was ich damit getan habe. Das Einzige, was mir noch klar vorschwebt, ist ein fieberhafter, schrecklicher Traum, daß ich die roten Flecken nicht von meinen Händen bringen konnte."
Wieder blickten die beiden sich an, tit dem gemeinsamen Gedanken, welch schreckliches Zeugnis der Arzt über jenes Delirium möglicherweise ablegen konnte.
Lord Wayne sah vollständig hülflos und ratlos aus.
„Meine arme Evelyn", sagte er, „wie sollen wir dich retten, um des Himmels willen? Weißt du, welch eine Kette von Beweisen gegen dich vorliegt?"
„Nein", erwiderte sie. „Sag mir nur gleich das Schlimmste, Mortimer; es kann nicht viel mehr zu leiden fein."
„Das Schlimmste, mein Liebling? Ach, die Bluthunde sind ja jetzt schon auf der Spur — es warten jetzt schon die Leute, um dich wegen des — wegen — ich kanns nicht sagen — wegen des Todes dieses Mannes festzunehmen!"
„Sie glauben, ich hätte ihn ermordet?" flüsterte sie.
Er nickte. „Das am Tatort gefundene Armband, das Kleid mit seinen schrecklichen Flecken, das Bruchstück des Briefes mit deinem Namen sind alles finstere, unerbittliche, verhängnisvolle Zeugen gegen dich."
Sie sah ihn mit dem ruhigen Vertrauen und einfaches Glauben eines Kindes an.
„Ich fürchte mich nicht", sagte sie ruhig. „Ich bin vollständig unschuldig. Einerlei, was er mir alles für


