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Wie konntest Du mir nur schreiben: ob ich ihrer sicher, ganz sicher sei?
Das war unrecht von Dir, das durstest Du nicht!
Du durstest nicht an ihr zweifeln, durftest nicht versuchen, in mir Zweifel zu wecken.
Verzeihe meine Heftigkeit. Du kennst sie ja nicht und bist der treueste Freund der armen, armen Maria.
Also will ich Dir ruhig antworten:
Ja, Lieber! Ich bin ihrer „ganz sicher".
Ich glaube an sie wie der gläubige Christ an seinen Herrn und Heiland; ich vertraue ihr wie der Schisser in fremden, gefährlichen Gewässern dem Piloten. Mein Glaube und Vertrauen sind so über allem Ausdruck stark wie meine Liebe. Und diese ist eine Naturgewalt. Wir haben nur nötig, uns eine klare, reine Lebensatmosphäre zu schaffen, bevor durch das schmachvolle Geheimhalten ein Tropfen Gift in uns dringt. Allerdings sind wir noch immer so von uns selbst berauscht, daß wir uns kaum auf uns selbst zu besinnen vermögen — wie viel weniger also auf das, was zunächst geschsshen soll und was uns jedenfalls des Häßlichen genug und übergenug bringt. Seitdem sie mich liebt, ist sie solch zitterndes, angstvolles, hilfloses Geschöpf; und wenn ich ihr sage: die Lüge sei das Allerhäßlichste, so starrt sie mich mit solchem Entsetzen an, daß ich schwach werde und nachgebe.
Das Glück muß sie erst wieder gesunder machen und sie wird dann gleich widerstandsfähig sstn. Uebrigens bringt jeder Tag sie ihrer Genesung näher. Und daß ich der Wundertäter war, der zu dieser Gestorbenen sprach: „Weib lebe!" — sieh, allein dieses ist wert, daß ich so lange gelebt und gelitten habe.
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Erst jetzt, wo ich anfange zu gesunden, weiß ich, wie krank ich war.
Wenn ich's recht bedenke, graust mir's, daß Gehirn und Gemüt so etwas aushalten können! Wie war ich nur imstande, mich so ganz in die Einsamkeit zu flüchten, in die Natur zu versenken? Das war ja Unnatur!
Und diese Wut, die Menschen zu meiden, als ob sie »erpestet wären.
Aus der Einsamkeit heraus flüchte ich mich jetzt zum Keuschen; aus dem Wunder der Natur fort, versenke ich mich jetzt in das Mysterium des geliebten und liebenden Weibes.
Es ist Auferstehung!
Lieber Freund, ich feiere jetzt meine Ostern.
Gelingt es mir denn, Dir auch nur annähernd betzreiflich zu machen, wie ich empfinde und was aus mir geworden ist?
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Ich glaube, ich schrieb Dir einmal, wie ich in meinem Freskenzimmer lag und träumte; wenn die gute, holde Frühlingsgöttin aus ihrem leuchtenden Gewölk eine ihrer Blüten auf mich herabwürfe, so würde ich aufstehen und wieder leben — wieder arbeiten.
Die Himmlische behielt ihren Lenz für die Erde und die übrige Menschheit; aber eine gütige Gottheit schickte mir das Weib, welches für mich geschaffen worden ist. Sein Kuß sank auf meine Stirn wie eine weiche, sonnenheiße betäubend duftende Wunderblume; und auch das zweite große Schicksal erfüllte sich an mir: nach fünfzehnjährigem Verstummen finde ich noch einmal die Sprache wieder.
Ich weiß, daß ich verschollen und vergessen bin, und ich habe mich damit abgefunden.
Jetzt soll die Welt mich noch einmal hören.
Bist Du erschrocken? Fürchtest Tu, es möchte eine Geisterstimme sein? Hast Tu Grspensterfurcht? Ich selbst bin ganz ruhig, ganz sicher. Und sollte meine alte romantische Weise in dem Getöse des Zeitensturmes auch wunderlich klingen, wird es wenigstens eine Melodie sein. Sie wird aus meiner tiefsten Seele aussteigen, dahinrauschen, mit ihrem Klang andere mühselige und beladene Seelen ersüllen.
Während um uns daS Geschrei über die „Entartung" des Weibes lärmt, will ich im stillen Glück das hohe Lied des Weibes dichten.
Ich will sagen, woran unsere Zeit leidet: daran, daß sie nicht mehr an die von alten Leiden erlösende Liebesgewalt der Frau glaubt. Ich will sagen, daß dieser Zauber sich noch immer an uns mächtig erweist, daß unser Seelenheil allein auf der Frau fre***^1
Der Genius der Zeit muß wieder das liebende, sich selbst verleugnende, im Manne ausgehende, reine Weib werden.
Ich schreibe diese Verklärung der Frau unter den stillen, von Genien durchgaukelten Wipfeln des Venushains und werde das Drama „Frühling" nennen.
Das Seelenleben der neuen Generation hat sich auf der Jagd nach Ruhm und Genuß, nach Glück und Gold zu Tode gehetzt.
Es liegt erstarrt unter funkelnder Decke.
Auf den kalten Leichnam fällt die heiße Träne der unsterblichen Liebe der Frau.
Da erhebt sich der Tote. Blumen sprießen ringsum auf, die ganze Welt bedeckt sich mit Blüten:
„Frühling, Frühling!"
Es wird ein Jubelschrei sein.
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Ich muß immer wieder darüber staunen, wie sie em Teil meines Wesens ist und wie eine rätselhafte Vorsehung alles so wunderbar fügte ... Da leben die zwei getrennten Hälften eines Menschen, jede einsam für sich Das heißt: sie leben nicht — sie existieren nur. Und da werden sie durch einen Zufall — oder durch das Schicksal — zusammengeführt. Mit der Gewalt eines Elementes vereinigen sie sich, gleichsam durch Magie werden sie zueinander hingezogen — zu einander hingerissen. Wioerstand ist unmöglich.
Plötzlich sind die beiden eines, eine Seele, ein Leib: ein Mensch!
Das Gesicht, von dem wir noch gestern nichts wußten, bedeutet für uns heute das Antlitz der Menschheit; mit der Stimme, die uns soeben noch fremd war, spricht jetzt unsere eigene Seele zu uns; der Händedruck, der Blick, das Lächeln eines Menschen, an dem wir vielleicht ohne auszusehen vorübergegangen wären, hat die Nacht in uns zum strahlenden Tage verwandelt.
Was wir bis dahin kannten, wird uns fremd; was wir bis dahin liebten, wird uns gleichgiltig; was wir so lange für Zweck und Ziel unseres Daseins hielten, erscheint uns wertlos.
Wir werden zu treulosen Freunden, Gatten, Söhnen, zu Vernichtern ganzer Existenzen — wir müssen es werden, mögen wir uns auch noch so sehr dagegen wehren.
Und wir werden zu Verbrechern, zu Wahnsinnigen und Selbstmördern.
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Wie vor langen, langen Jahren sitze ich jetzt täglich viele Stunden an meinem Schreibtisch unter der Marmormaske von Michel Angelos schönem „Sterbenden", den ich um das wonnevolle Aushauchen seines Lebens so ost bitter beneidet habe. Heber mir halten die Genien der großen Göttin ein Blütengewinde; und ich schreibe, schreibe!
Mir ist's- als müßte ich den Blick eines Sehers, das selige Lächeln des Verzückten haben.
In solcher Glückseligkeit dichte ich meinen „Frühling".
Wenn ich ausschaue, sehe ich unter mir die Campagna sonnenverbrannt.
Ich sehe einen weiten goldenen Dunst, und darüber schwebt die Peterskuppel.
Seit langen, langen Jahren habe ich wieder Nächte voller Schlaf und voll Friedens. Mein einsames Licht ist also endlich zur Ruhe gegangen!
Und auch unten das ihre.
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Letzte Nacht ließ die Glut mich nicht schlafen. Ich ftcmb auf, ging auf die Galerie — da leuchtete unter mir wieder der einsame Stern.
Sie wachte!
Aber als ich sie heute angstvoll fragte:, ob sie schon wieder schlechte Nächte hatte, flüsterte sie mir zu:
Sie hätte gewacht, weil sie die ganze Nacht über gelauscht : ob sie unter ihrem Fenster meine Schritte nicht hörte? Sie hätte die ganze Nacht über gewartet.
Ungern und zaudernd versprach ich ihr, das Geheimnis unserer Liebe noch so lange zu dulden, bis ich mein Drama vollendet habe.
Und dann sofort volle Klarheit und Wahrheit!
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Assunta Neri ist wieder Gast in der Villa Taverna. Sie kommt mir sehr verändert vor: krank, krank!
Und so apathisch, so müde!
Was ist das nur mit den Frauen?!


