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Mutterwitz ist besser!als ein Zentner Universitätswitz. Gundling war ein gelehrter Mann; aber er ist mit dem Morgen;-, stern nicht zu vergleichen. Und daß Ihrs wißt, ich habe ihn; zum Vizekanzler aller meiner Universitäten gemacht."
Gundling, der Possenreißer und Trunkenbold, den der König trotz des Widerstandes der Geistlichkeit, nachmals in einem Weinfasse begraben ließ, er war als lustiger Rat nicht nur zum Freiherrn mit sechzehn 'Ahnen väterlicher Und mütterlicher Seite, sondern auch zum Präsidenten der Akademie der Wissenschaften, zum Nachfolger von Leibnttz ernannt worden. Warum sollte mithin nicht auch, Morgenstern Vizekanzler sämtlicher Universitäten werden?
„Aber, wo bleibt der Morgenstern?"
„Er liegt noch im Bette, Majestät!"
„Mas doziert Er?" fragte der König inzwischen Moser.
„Hauptsächlich das jus publicum."
„Jus publicum und Philosophie senyd nützliche Dinge; aber die Pandekten machen solche Leute, welche anderen Leuten das Geld aus dem Beutel spielen."
Moser wagt die Bitte, ihn vom Opponieren zu entbinden, aber kommt dabei übel an.
„Ja, ja. Er ist auch so ein Heuchler! Wenn ich keinen Mein trinken will, muß ich nicht lauge dagegen protestieren, sondern eben nicht trinken. Was ist es denn, ein jederMensch hat seinen Narren. Ich habe den Soldatennarren, ein anderer hat de» geistlichen Hochuiutönarren", und dabei weist er auf Jakob Moser. „Es ist ja nur ein erlaubter Scherz und Spaß."
„Scherz und Narretheydungen seynd denen Ehristen- tnenschen verboten; wenigstens bleiben es allemal unnütze Morte, für deren jedes wir einmal Rechenschaft geben müssen."
Darüber kommt der lustige Rat. Sein „possierliches Habit" ist aus Stücken zusammengesetzt, die der König allesamt nicht leiden kann; ein blaues Sammetkleid mit sehr großen roten Aufschlägen, eine rote Weste, eine über den ganzen Rücken yinabfallende Perrücke, die Stickerei an den Knopflöchern, Taschen, Strümpfen, lauter silberne Hasen, statt des Degens einen Fuchsschwanz an der Seite und aus dem Hute statt der Federn Hasenhaare. So besteigt der Hofnarr das Katheder der Gelehrten und ruft Len ersten der Professoren aus. . . . Cs war in der Tat eine Faschingsposse, bet der man die Seiten sich halten mußte. Professor aus Professor streitet über die Vernunft der Narrheit, bis endlich! der befriedigte Herrscher pfeift und in die Hände klatscht, und die ganze Korona den Applaus wiederholt.
Moser aber hatte den Platz geräumt; er war nach Haufe gegangen, legte sich auf das Krankenbett und kam, als er ein halbes Jahr später genesen war, um seinen Abschied ein. Der König mochte nachträglich den „Scherz und Spaß" bereuen und ließ Moser den Gesandtschafts- posten beiin Reichstag in Regensburg aubieten. Wer der tief gekränkte Mann lehnte diese Ehre ab und wurde unter ausdrücklicher Zusage der königlichen Gnade entlassen.
Er hatte einen bitteren Kelch zu kosten bekommen; aber er sollte nicht der bitterste seines Lebens sein, und was Preußen ihm angetan, sollte Preußen auch sühnen. Nach mannigfachen Wechselfällen —' die längere Muße in Ebersdorf im Boigtlande hatte Moser dazu benutzt, dret- nndfünfzig Quartbände seines deutschen' Staatsrechts zu schreiben; dann war er Minister des Landgrafeil von Hessen- Homburg geworden, um nach wenigen Jahren vergeblichen Strebens, einen schwachen Duodez-Sultan zum vernünftigen Regenten zu erziehen, das Staatsamt mit der freien Stellung eines Direktors der privaten „Staats- und Kauz- lei-Akademie", einer Art Fortbildungsschule für junge Beamte und Diplomaten, zu vertauschen — nach allen diesen Wandlungen in der äußere»! Existenz hatte Moser die ihm angetragene Stellung eines Rechtskonsulenten der württem- bergischen Landschaft angenommen und war in seine Heimat znrückgekehrt.
Zn Stuttgart aber regierte dazumal der Herzog Karl, der kleine Gernegroß, der durch seinen Kampf mit Friedrich dem Großen und Friedrich Schiller bekannt geworden ist. Da er sich einen französischen Abenteurer, de» Grafen Monturartüi, zum Minister erwält hatte, mußte er auch wie Ludwig XIV. sein Versailles haben und seine Maintenon Kissen und dem Grundsätze huldigen: „L'ötat c'est moi!" Das aber war watsche, nicht deutsche ätet, und die allergetreuesten Landstände Serenissimi wollten auch ein Wörtchen in die Geschäfte drein reden, wesscnthalben es zu einem
Konflikte kam. Es War zu Beginn des siebenjährigen Krieges, als Herzog Karl, für den einst Friedrich seinen hochherzigen „Fürstenspiegel" geschrieben hatte, sich; auf die Seite seiner Gegner schlug und den Franzosen ein württembergi- sches Hilfskorps zur Verfügung stellte, selbstherrliche ohne die Landschaft zu fragen. Das deutsche Recht aber verpflichtete die LandesKnder, die Hut deutsch und protestantisch waren, nur, dem Herzog mit ihrem Leibe zu dienen „mit Rat und Wissen gemeiner Landschaft", und jede Beteiligung am Kriege, jebe Ausgabe von Geldern tvar abhängig von der Zustimmung der Verttetung des Landes; so stand es geschrieben im Tübinger Vertrag. Jetzt aber ließ Mont- marttn die „landschgftlichp Truhe" gewaltsam erbrechen und verlangte von der Landschaft „unbegrenzten und unbedingten Gehorsam". Wie sollte es da Jakob Moser ergehen in der bedenklichen Stellung des Rechtskonsulenten?
Freilich hatte ihm noch im Jahre 1756 der Herzog geschrieben: „Wollte Gott, es dächte jeder so praktisch wie der Herr Konsulent und ich; es ginge gewiß Herrn und Lande wohl." Wer Moser war so patriotisch, das Interesse und Belieben des Herzogs nicht über das gute alte Recht des Volkes zu setzen. „Recht ist bei mir Recht, Unrecht Unrecht, mag es meinen Herrn oder wen es will betreffen." Darum bekämpfte er mit zornigem Eifer die gefährliche Menschenklasse der Hofpublizisten, „die-Kerzen- und Obermeister der Souveränttätsmacherzunft", und darum verteidigte er gegenüber dem französischen, absolu- ttstischen Dünkel die „uralte teutschp angeborene Freiheit". Daß die Landstände, die Volksvertretungen, nur durch die Gnade der Fürste» existierten, so spreche wohl ein Macchia- velli, ein Hobbes, und wer sonst den Höfen zu Gefallen rede. „Dieses orientalische Staatsrecht paßt aber nicht auf unsere europäischen, am allerwenigsten auf unsere mit Landständen versehenen deutschen Lande, als worin es ein ztvischen dem Regenten und dessen geborenen Räten, denen Landständen, gemeinsames Geschäft ist, zu überlegen und zu prüfen, was nur den Nanren und den Schein oder das Wesen des gemeinen Besten habe. . . . Der Kopf allein ist nicht der Staat, und das Geblüt i stuicht allein für den Kopf, sondern für den ganzen Leib da. , . . Ich möchte depi sehen, der ans eine nur wahrscheinlich;!: Weise darzutun das Herz und das Geschick hätte, ein teutschrr Reichssürst habe in leinen Landen eine unumschränkte Gewalt. . . . Landeshheit und Landesfreiheito seynd einander nicht entgegen, sondern lassen sich wie Wasser und Wein vereinigen; der Wein ist alsdann nicht mehr so stark, berauschet aber auch um so weniger."
Das waren die Ansichten, die Moser sich in Jahrzehnten gewissenhaften Forschens erworben hatte, und denen er auch als Konsulent der Landschaft Ausdruck gab. Infolgedessen begab es sich, daß er am 12. Juli 1759 nach Ludwigsburg zum Serenissimus beordert wurde. Er mochte wohl nicht das Beste ahnen, denn im Vorzimmer, wo er warten mußte, sprach: er« ernst zum diensttuenden Sekretär:
„Unverzagt und ohne Grauen Soll ein Ehrist, Wo er ist.
Stets sich lassen schauen."
Des Herzogs Durchlaucht aber beehrten den Konsulenten alsdann mit ungefähr folgender allerhöchsteigcner Ansprache:
„Meilen alle Meine bisher» gegen Ihne erlassene Reso- lntionen nichts geftuchtet haben, sondern die Landschaft mit ihren Respektswidrigen und Ehrenrührigen Schrifften noch immer fortfähret; so sehe ich Mich genötigt, Mich seiner, als des Eoncipistens, Person zu versichern, und Ihne nach Hohentwiel z>r schicken. I chwerde die Sache dnr/ch die allerschärfste Inquisition untersuchen lassen."
„Euer Durchlaucht werden einen ehrlichen Man»' finden."
Mit dieser Antwort hatte die Audienz ein Ende, und nun ging cs fort, im verschlossene»! Wage», drei Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett zur Seite, draußen von Husaren eskortiert, ohne Rast, ohne Erfrischung, dreißig Stunden lang bis nach dein Bnrgverließ, wo ein ohnmächtig gewordener, vor Hunger, Strapaze» und Krankheit übermannter Greis aus dem Wagen in ein dumpfes, verfallenes, enges Zimmer getragen wurde, in sein Gefängnis! Ohne Recht, ohne Gesetz, ohne Richterspruch hat Moser sechs Jahre lang ans dem Hohentwiel Messen, wie Schn-


