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Mr. Et entriß sie ihm nnd reichte sie dem Barer, weicher aber dermaßen aufgeregt war, daß er sie gar nicht öffnen konnte. Ohne sich weiter zu besinnen, nahm er sie ihm wieder ab, entfaltete sie mit zitternden Fingern, durchflog ihren Inhalt und, befreit von namenloser Angst, rief er freudestrahlend:
„Gott sei dank, sie ist geborgen!" und dann las er Len Eltern vor:
„Kein Grund zur Besorgnis. Bringe Erna morgen wohlbehalten von Babanovce zurück. Pfarrer Nenadovic."
Die Mama fing vor Glück zu weinen an, und Herr von Höchstfeld drückte dem Boten, der gar nicht ahnte, welche frohe Kunde er gebracht hatte, ein überreichliches Trinkgeld in die Hand, hieß ihn in die Küche gehen, um sich dort für den Rückweg zu stärken, und ging dann wieder mit großen Schritten auf und nieder, so seine große Erregung bemeisternd.
,",Cs ist doch wirklich sonderbar", sagte er dann, mehr zu sich als zu den anderen sprechend, „daß bei jedem Unglück, welches unser Haus trifft, dieser Pfarrer dabei ist!"
Frau von Höchstfeld schnellte empor, und in ihrem Blick spiegelte sich die ganze, so lange Zeit niedergehaltene Entrüstung über sein starrköpfiges, selbstbetrügerisches und ungerechtes Verhalten wider.
„Versündige Dich nicht", rief sie außer sich, „ihm haben wir es vielleicht zu danken, toemt Erna an ihrem kindlichen Empfinden keinen Schaden genommen hat, wenn sie, ohne git ahnen, in welcher Gefahr sie schwebte, ins Elternhaus zurückkehren kann!"
Er zwirbelte verlegen an seinen Schnurrbartenden.
„Zum Teufel, ich habe es ja diesmal gar nicht so gemeint", brummte er, „ich will ja sogar zugeben, daß er uns durch seine Depesche ans großer Angst befreite. Lieber wäre es mir freilich gewesen, wenn mir ein anderer diesen Freundschaftsdienst geleistet hatte, — und das werde ich wohl noch sagen dürfen."
„Und mir ist es gerade so am liebsten", erklärte Frau von Höchstseld in plötzlich zum Durchh.ruch gekommenem Selbstbewußtsein, „nun wirst Du doch endlich einsehen Müssen, daß er keineswegs der schwarze Mann ist, als welchen Du ihn immer hinstellst."
„Na, meinetivegen soll er's nicht sein", gab Höchstfeld, sich vor der unbestreitbaren Tatsache beugend, nach. „Nun laßt uns aber zu Bette gehen — nach diesem Tage der Aufregung tut uns allen Ruhe not" -— und einer warmen Gefühlsregung folgend, schloß et sein Weib in die Arme und drückte ihr ein eit innigen Kuß, bet sie für so manche unbeabsichtigte Kränkung um Verzeihung bitten sollte, auf den Mundi.
Glückstrahlend und auf eine freudigere Zukunft hoffend, sah sie zu ihm auf.
„Jetzt wird ja alles wieder gut werben", hauchte sie. Er schüttelte leise mit dem Kopf.
„Nein", sagte er, „das wird es erst dann werden, wenn wir den hiesigen Staub endgültig von den Füßen geschüttelt haben — denn das ist kein Boden für uns!"
11.
Trotz der beruhigenden Depesche hatte doch, alle der erquickende Schlaf geflohen, und dies war nur zu natürlich, La doch noch zu vieles in der Luft lag, das der Aufklärung bedurfte — noch wußte man nicht, wie Erna dazu gekommen war, mit Szabo wegznfahren — noch wußte man nicht, wo und wie sie der Pfarrer getroffen hatte — noch war mau nicht sicher, ob ihr Verschwinden nicht vielleicht doch schon ruchbar geworden sei, und alle diese ungelösten Fragen, über welche zu sprechen man sich gegenseitig scheute, lagen auf ihnen wie ein Druck.
Beim gemeinsamen Frühstück, zu dem mau sich noch zeitiger als sonst znsammensand, wurde kaum ein Wort gesprochen, und erst nach langem! Hinbrüten sagte Herr von Höchstfeld:
„Um elf Uhr kommt der Dampfer an, ich weiß nicht, vb wir nicht besser täten, sie abzuholen."
Erich riet davon entschieden ab.
„Ist schon etwas durchgesickert", meinte er, „so werden uns die Leute scharf beobachten und aus unseren Gesichtern ihre Schlüsse ziehen."
„Wenn ich hinfahren würde", entgegnete ihm der Vater überlegen, „so würde ich mich schon zu beherrschen verstehen."
„Um so weniger, aber Erna", machte ihn seine Frau auf»
merksam, „sie wäre sogar imstande. Dir vor aller Welt zu Füßen zu sinken, um Verzeihung zu Bitten und dadurch die Geschichte erst recht aufzubauschen."
„Das würde sie ganz sicher tun", stimnrte ihr Erich zu, „ist aber der Herr Pfarrer mit ihr allein, so wird er diese Reise schon auf irgend eine plausible Weise zu erklären wissen. Und dann noch eines", fügte er, den Vater! von der Seite beobachterrd, hinzu, „wenn wir Erna abholen, so könnte er das so auslegen, als wollten wir ihm die Möglichkeit zum Herkommen nehmen."
„Daran wird ihm ohnehin nicht viel liegen", brummt« der Major, „ich denke sogar, daß es rücksichtsvoller wäre, ihm diesen Wieg zu ersparen."
Erich freute sich innerlich anfs herzlichste über des' Vaters Wandlung, der nun demjenigen, dem er bisher so schroff gegenübergestanden, etwas Unangenehmes ersparen wollte; da er aber wußte, wie gelegen dieser nn- vorhergesehene Zwischenfall dem Pfarrer kommen mußte, so erinnerte er hen Vater an den Inhalt der Depesche, in welcher ausdrücklich stand: „Bringe Erna morgen wohlbehalten zurück." Der Major gab nur widerstrebend nach> schon deshalb, weil er gehofft hatte> daß sich diese unangenehme Begegnung vor den Äugen Fremder schneller nnd glatter abwickeln würde, als in der Häuslichkeit, wo uaturgemäß die unansweisliche Auseinandersetzung folgen! mußte. Seine ungünstige Meinung über den Pfarrer hatte sich zwar schon in vielem geändert, und er war auch! bereit/ einzugestehen, ihin gegenüber die Grenzen des Erlaubten! und Zulässigen überschritten zu habech aber die verdcichf- tigende und gar nicht mißzudeutende Warnung seines Vetters Karl hatte doch zu lange in ihm nachgewirkt, als daß er sie durch ein paar nichtssagende Phrasen aus der Welt geschafft oder gar als nie getan erachjten sollte!
„Ich werde ihn ruhig anhören", sagte er aus diesen! Gedanken heraus ganz unvermittelt zu Erich, „weiß er aber nichts Stichhaltiges vorzubringen, dann bleibt es beim Alten!" Erich verstand ihn sofort.
„Das ist doch nur natürlich, Papa", entgegnete er ihm ruhig, „niemand wird von Dir verlangen, daß Du gegen Deine Ueberzeugung handeln sollst — am allerwenigsten jich!"
„Nicht wahr, um ein Uhr können sie hier sein?" fragte Fran von Höchstseld in ihrer Aufregung schon zum zehnten Male. Der Major nickte ungeduldig und grübelte dann wieder über alle Konsequenzen, die sich ans diesem Zwischen- falle ergeben konnten, nach.
(Fortsetzung folgt.) . _
KeimrUkunst *)
Von Privatdozent Dr. Jng. Ernst Vetterlein in Darmstadt.
„Muttersprache, Mutterlaut, Wie so wonnesam, so traut!"
Könnte'man den Zauber, den sie aus uns ausübt, schöner ausdrücken, als mit diesen Worten des Dichters?
Zur Muttersprache im allgemeinen gehören indessen nicht nur die Worte, die wir zuerst den Lippen der Mutter abge'lauscht haben, es gehört dazu auch die Sprache, mit der unsere Umgebung auf unser jugendliches Gemüt eingeredet hat. Das Kinderstube,, der Garten, die Straße, die Stadt: alles hat uns soviel zu erzählen gehabt, uind das, was wir von dieser geheimen, seelischen Zwiesprache mit unserer Umgebung gelernt und in uns ausgenommen haben, bildet einen kostbaren Schatz fürs ganze Leben.
Gleichwie .die leibliche Nahrung des Kindes von besonderer Reinheit sein muß, so soll auch seine erste geistige Nahrung von besonderer Beschaffenheit sein. Wir wissen alle, daß der Anblick häßlicher und roher Szenen das Gemüt vergiftet._ Umsomehr ist es unsere heilige Pflicht, nur schöne, harmonische Eindrücke auf die Seele unserer Kinder zu vermitteln. Dazu zwingt uns schon die Dankbarkeit, die wir unseren Altvorderen schulden, dafür, daß sie uns ein reiches Erbe hinterlassen haben. Wir würden eine große Schuld auf uns laden, wollten wir nur empfangen, aber nichts! weitergeben.
Allerdings dürfen auch wir stolz sein, und zwar auf die Errungenschaften des verflossenen Jahrhunderts, des Jahrhunderts der Technik und des Verkehrs. Die naturwissenschaftliche Er- kenntnis wird immer tiefer und umfassender. Die Technik kennt kaum noch Hindernisse, der Maschinenbau stellt eine moderne Kultur dar, der wir die größte Bewunderung zollen müssen., Aber um so greller wirkt der Gegensatz, wenn wir auf das Gebiet der Kunst und namentlich der künstlerischen Kultur blicken. Man ver-
* Vortrag gelegentlich des 16. Bezirkstages des „Deutschen Technikerperbandes", in. ZarmstM,


