Anita g den 5. Aeöruar
1904. — Kr. 19.
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(Fortsetzung.)
l Rom,
der Vor-
Jch treibe Assunta Neri-Studien.
Jeden Wend, an dem sie spielt, fahre ich nach begebe mich ins Nationaltheater und fahre nach der
stellung mit dem Wagen zurück.
Stelle Tir vor: Aus einem „Sittendrama" von Sardou direkt hinaus in die einsame nächtliche Campagna!
Ich schwelge geradezu in diesen Kontrasten. Tu weißt doch, daß Kontraste nicht nur das Wesen der Kunst ausmachen; sondern überhaupt erst den Genuß des Lebens bilden — so viel man eben genießen kann.
Doch die Neri —
Also denke Dir:
Ich bin noch immer nicht „dahinter" gekommen. Noch immer frage ich mich: Mas ist es im Grunde mit dieser Frau? Warum übt sie eigentlich solche elementare Anziehungskraft aus? Sogar auf mich, für die jede Kunst ja doch nichts Besseres ist als ein pikantes Parfüm'.
„Wenn eine Frau durch Liebe oder Leidenschaft zu Grunde geht, so geht sie schön zu Grunde. . ." So ungefähr sagte sie; und mir ist es, als hätte ich in dieser Phrase die Lösung des Neri-Problems zu suchen: des Problems der Frau sowohl wie ihrer ganzen Kunst.
Sterbe ich nur dann schön, wenn ich als unglücklich Liebende sterbe, so wird mein Leben wohl so häßlich enden, wie es begonnen und sich fortgesetzt hat, bis auf den heutigen Tag.
Ich suchss bei der Neri zu ergründen, welche Empfmd- ungen sie bei ihrem Spiel am überzeugendsten, also am wirklichsten zum Ausdruck bringt? Haß ist es nicht. Auch Nicht Leidenschaft. Eher könnten es Ermattung, Müdigkeit, Ekel an der Leidenschaft sein — wohlverstanden an Leidenschaft ! Aber nein! Es ist etwas anderes, darin diese Schauspielerin Meisterin der Töne ist. Unvergleichlich und unnachahmlich, auf der Bühne noch niemals dagewesen, also einzig.
Was ist es?
Ich hab's, ich hab's! Die Liebe ist es, die unglückliche Liebe! Es ist die Liebe, die alles leidet, die allem entsagt. Es ist die Liebe, dsie das Kreuz auf sich nimmt, die mit Dornen gekrönt wird und ein Martyrium erduldet. Es ist die Liebe der Frau, die stirbt, und im Tode noch einmal lächelt, durch dieses eine letzte Lächeln ein ganzes in Jammer und Elend hingebrachtes Leben verklärend.
Assunta Neris Kunst ist eine Apotheose der unglücklich liebenden Frau,
(Nachdruck verboten.)
Zissa Ialconieri.
Bon RichardVoß.
Zweiter Band.
Ostern! Ter Prinz entsteigt sündenlos und kinderrein der Klosterzelle.
Tas nur nebenbei.
Aber die Neri kommt zu mir, die Neri bleibt bei mir! Sie bleibt mehrere Tage, eine volle Woche! Vielleicht noch länger!
Ist das nicht ein Triumph für Deine unwiderstehliche Viviane? Ganz bestimmt werde ich jetzt vollends „dahinter" kommen.
Augenblicklich ist die Neri ein echter „Whistler"; und zwar ist sie momentan eine Whistlersche „Impression in Blaß". Meine Pariserin hat es durchgesetzt, ihre Toiletten besichtigen zu dürfen; und ich stehe in höchster Gefahr, von meinem Thron herunter zu müssen, und darauf Assunta Neri Platz nehmen zu lassen. . . Blasse, tiefste Neglrgss, blasse Morgenkleider, blasse Promenadenkostüme, blasse Tiener- totletten, blasse Nachtgewänder. Unter „blaß" verstehe ich nervöse, kranke, pathologische Farben. Stelle Tir darunter vor, was Tu willst und kannst. Jedenfalls ist matte melancholische morbide Blässe die echte Neri-Couleur.
Und wie beneidenswert müde sie ist! Sie ist müde vom Theater, müde von den Menschen, müde von dem Ruhm, müde von der Liebe, müde vom Unglück, milde von der Sehnsucht, von sich selbst, vom ganzen Leben . . .
Sie mag kaum reden, kaum gehen und sich bewegen, kaum hören und sehen, kaum denken und fühlen.
Sie ist so müde, daß sie, wenn sie erst einmal glücklich im Grabe ruht, von den Toten gewiß nicht ivieder aufstehen will.
Ob wohl viele Frauen so sind?"
Ob die moderne Frau so ist?
Vielleicht ist die. Neri nur ein Typus? . . . Das ist einfach Unsinn! Denn wie sie ist: von ihrer Spitzenkrause bis zu ihrer weißen, fließenden Schleppe; von ihrer lebensmüden Natur auf der Bühne bis zu ihrer zu Tod erschöpften Seele im Leben ist sie eine Ausnahmsnatur.
Sie ist angekommen! Ganz Rom will sie bei mi'r sehen, oder vielmehr „besichtigen".
Wer sie ist so unliebenswürdig und hochmütig, ganz Rom abzuweisen. Und käme die Königin; und die Neri hätte gerade nicht Lust, die Königin zu sehen, so würde auch Ihre Majestät wieder gehen müssen.
Sie lebt in der Villa Taverna genau so wie in einew Hotel. Was sie wünscht, bestellt sie sich. Sie erscheint nur, wenn es ihr beliebt. Gewöhnlich beliebt es ihr jedoch, auf ihrem Zimmer zu bleiben. Sie speist auch dort, wenn sie dazu Lust hat. Merkwürdigerweise empfängt sie mich häufig — hat sie die Gnade, mich vorzulassen. Wer dann ist sie bezaubernd!
Mit dem Prinzen und der „Komödiantin" — die fte für den Prinzen bleibt, trotzdem sie Assunta Neri ist — spielt sich hier eine reizende kleine Komödie ab. Sd^jjj davon entzückt. MWW


