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wenn es galt, seine Rache zu befriedigen. Mit scheinheiliger Biederkeit begünstigte er sogar noch diese Liebe, und dann, als er sah, daß der JUnge mit ganzem Herzen und ganzer Seele an ihr hing, ergriff er mit grausamer Ueberlegung die günstige Gelegenheit, eine Aussöhnung für alle Zeiten zu hintertreiben. .
Ja, jct, so war es, es konnte gar nicht anders sein, und die ihm zugebrachten Worte bestätigten dies nur allzu deutlich. Das war also sein Werk, und Graf Stepenaz war dabei nichts weiter als sein willenloser Handlanger.
Derjenige aber, der sich zu einer Schlechtigkeit mißbrauchen ließ, war in seinen Augen ebenso, fast noch gemeiner als derjenige, dem sie sein blindwütiger Haß diktierte, und schon deshalb sollte ihm der wohlverdiente Denkzettel zuteil werden.
Er konnte die Ankunft seiner Zeugen kaum mehr erwarten, und als diese endlich angeritten kamen, mußte er sich mit aller Macht zur Ruhe zwingen, um nicht am Ende gar bei den Herren den Gedanken aufkommen zu lassens als ob ihn das bevorstehende Duell so sehr aufrege.
Daß die Sache friedlich beigelegt werden könnte, lag ihm so himmelsern, daß er des Obersten Erklärung über den wahren Zusaminenhan-g erst gar nicht begriff.
„Aber das geht ja nicht — das ist ja nicht möglich", stotterte er ganz verwirrt.
„Graf Stepenaz ist natürlich mit Vergnügen bereit. Ihnen, wo und wie Sie es nur wünschen sollten, fein herzlichstes Bedauern auszudrücken", fuhr indes der Oberst in seinem Bericht fort. „Uebrigens hat er den Waldhüter nach einer reichlichen Tracht Prügel sofort aus dem Dienst gejagt, und dem ganzen Dorfe ist zur Strafe aus ein Jahr das Recht entzogen worden, im Walde Holz zu sammeln und ihre Schafe und ihre Schweine auf die herrschaftlichen Stoppelfelder zu treiben. Nach dieser wahrheitsgetreuen Darlegung, schloß der Oberst, „blieb uns' natürlich nichts anderes übrig, als die Forderung zurückzuziehen und uns in Ihrem Namen für beftiedigt zu erklären."
„Und wir freuen uns herzlichst, fügte Major von! Vranae hinzu, „daß sich das Mißverständnis so glatt löste und sich zwei Ehrenmänner ohne die geringste Demütigung die Hände reichen tonnen."
Herr von Höchstfeld war ganz fassungslos.
Nach diesen Erklärungen noch auf seiner Forderung zu bestehen, wäre nicht nur Tollheit, nein, es wäre Wahnsinn gewesen, denn nach all dem Gehörten mußte er sich ja eingestehen, eine grandiose Eselei begangen zu haben.
„Und dem Pfarrer hast Du ja dann — wenigstens in diesem Falle — auch Unrecht getan!" schoß es ihm plötzlich durch den Kops, sodaß er ganz erschrocken aufstöhnte.
„Fehlt Ihnen etwas?" fragte ihn der Oberst verwundert.
Mit gewaltsamer Willensanstrengung richtete sich Herr von Höchstseld in die Höhe.
„Oh nein, oh nein", sagte er verlegen, „ich danke den Herren vielmehr für den kameradschaftlichen Dienst, den Sie mir geleistet haben" — und sich! seiner Hausherrupflicht erinnernd, bat er: „Sie schenken uns natürlich das Vergnügen zu Tisch — es rst ohnehin bald Mittagszeit."
Die Einladung wurde angenommen, und Herr von Höchstfeld ging, seine Frau persönlich von dem Besuch zu verständigen, welche Gelegenheit er auch gern benutzte, der schon halb zu Tode Geängstigten zu ihrer Beruhigung mitzuteilen, daß alles beigelegt sei.
(Fortsetzung folgt.)
Wie die Zsrauerr gehen.
„Gelassen wandelnd und in sanft geschwungenen: Schritt", so trat die homerische Helena daher vor den troischen Greisen, ein Entzücken dem Ange. Heute klagt man wieder darüber, daß die Frauen nicht geben könnten, und die schönen der einen Nation' zucken zum mindesten die Achseln über den Gang anderer Völker. „Was man heute gehen nenM, ist eigentlich nur ein Sichsort- bewegen", .hat man.verächtlich gesagt, und die Französin, die vielleicht noch am ehesten sich den Rhytmus einer feinen Kultur in ihrem leichten, eleganten Schreiten bewahrt hat, findet, daß die schöne Amerikanerin sich zu steif und gerade, zu eingeschnürt (corsetöe) bewege, daß die Engländerin den Körper ungraziös' Vorbeuge und zu lange Schritte mache; unsere deutschen Frauen treten, Nach dem Urteil der Französin/ .zu schwer auf und schlenkern Urft den .Ärmeng die Italienerinnen und Spanierinnen beugen! sich
zu sehr nach hinten über, und die kokette Geziertheit ihrer sehr auswärts gestellten Schritte erscheint unnatürlich.
Wollte man so die Schilderungen des Ganges in Wort und Bild durch alle Epochen verfolgen, man könnte eine sehr unterhaltende Kulturgeschichte des Ganges schreiben. Die vollendetste Art des Gehens ward bei den Griechen erreicht, deren allseitig ausgebildetes Schönheitsgefühl auch die geheimen Bewegungen des alltäglichen Lebens beherrschte. In den weiten Faltengewandungen, die die Melodie des Gehens begleiteten und sie widev- hallen ließen, schreiten die Jungftauen des Parthenon-Frieses gemessen und wohlabgewogen feierlich daher. Eine große ästhetische Kultur hat die würdige Rundung bestimmt, .mit der der eine Fuß das Auftreten des anderen begleitet, .und ein anmutig wechselndes Spiel des Gewandes belebt dieses machtvolle Wandeln. Die Griechin setzte den mit den Sandalen belleideten Fuß fest auf, sie suchte nicht, wie es bei den modernen Völkern Sitte geworden ist, die Bewegungen den Hüften! und Schenkel zu verbergen; sie hüllte nicht die Beine in einen engen Rock, der das Ausschreiten undeutlich macht, sondern die frei wallenden Stoffe folgten den Bewegungen der Gehenden, .ließen die Wiederholung der Schritte erkennen und gaben dem Gange etwas Notwendiges, während man sich heute manchmal darüber, wie eine Frau eigentlich geht, nicht ganz klar wird, weil die festen Formen der Kleidung den individuellen Rhythmus nicht an klingen lassen. Der Gang der Griechin war der natürliche Ausdruck ihrer Lebenshaltung; ihr Gehen war „Anmut", so wie sie Schiller von aller wahrhaft schönen Bewegung gefordert.
Im Mittelalter, als, nach den Zetten eines unkunstlerischen Seins, zur Zeit der Kreuzzüge und der Minnesänger stütze Keime eines neuen ästhetischen Gefühls sich regten, mußte man erst gehen lernen. Man war so schwer gewesen und plump, der Gang ungleichmäßig und fahrig. Nun kam das Ideal der „Maze , der schönen.Selbstbeherrschung der Glieder und der Seele. Der Gang ward jetzt überleicht und tänzelnd; auf Zehenspitzen glitt man daher, .fetzte die Füße möglichst spitz und geckenhaft. Und während der Körper der griechischen Frau in leichter Neigung der Richtung der Füße folgte, wird nun, .wahrend die Füße vorwärts schreiten, .„der Kopf in die Lust gehrchen/ der Blick aufwärts gerichtet", .der Lech .möglichst zurückgebogen; so gehen sie daher „wie Pfauen". Eine französische Chronik erzählt, .daß die Frauen „mühsam sich fortbrachten", wie ein segelndes Schiff, unter der Last ihrer Stickereien und der Geziertheit ihres Ganges. Allmählich läutert sich dann dieser eckige und übertriebene Gang zu einem blumenzarten und lieblichen Schreiten, wie er in Dantes Werken und den frühen Bildern der Kölner und Sienesen lebt. Tie Frau scheint zu schweben; ihre Füße berühren kaum den Boden; die leise Neigung des Kopfes gibt den Grundakkord für das feine, behutsame Setzen der Füße, das flüchtige Erbeben des Gewandes.
In der Renaissance verläßt die Frau diese himmlischen Regionen, aus denen sie früher herabzuschweben schien, und tritt als Erdenweib wieder kräftig auf. Sie gewöhnt sich wieder cm das Ausschreiten, an den Gebrauch ihrer Beine, und ihr Gang bekommt leicht etwas Springendes, Hüpfendes, Unausgeglichenes. Man sucht die freie Art des Schreitens, wie die'Frau des Altertums sie hatte, wieder aufzunehmen. Das Gaugmotiv wird bei den geschürzten Gewändern deutlich hervorgekehrt; aber statt des gemäßigten, würdevollen Tempos, in dem die Griechin schritt, flattern hier um die flinker auftretenden Füße die Kleider lustig und toll herum, scheinen erfüllt zu sein von dem über- fchäumenden Lebensmut dieses Völkerftühlings. .So auf Silbern des Botticelli und Fikippino Lippi. .Auch das schöne Motiv, einen Fruchtkorb oder einen Krug auf Kopf oder Nacken zu tragen, ,das dem herauflangenden Arm eine so weiche Linie, dem ganzen Körper einen wundervollen Schwung verleiht, haben sie von den Griechen .gelernt. . Doch wird der Gang allmählich massiger und schwerer, .bis dann schließlich das Weib des Rubens ungefüge und wuchtig, fast plump einherschreitet. Schwer fällt der Sammt und Brokat ihrer Kleider hernieder, sie scheint zu stampfen; ihre Hand ruht auf der Hüfte.
Von dieser kraftvollen und vulgären Art des' Ganges fort bedeutet der Gang der Rokokodame eine Wendung zum Feinen, .Gezierten und Künstlichen, die wieder mtt der Gotik einige Verwandtschaft zeigt. , Ein spitzes' und behutsames Auftreten, ein melodiöser und tänzelnder Takt, wie ihn die gemessenen und wohlakzentuierten Töne -des Menuetts gaben, eignet nun dem Gang. Ter hohe Stöckelschuh gibt den: Tritt etwas' Zögerndes, Unsicheres, Kokettes. . Tie Bewegung der Seine verschwindet völlig unter dem steifen Reisrock; in bi elfer Zett durfte eine Dame „keine Beine haben", wie der berühmte -Ausspruch einer spanischen Prinzessin lautete. .Doch dieser steife, kerzengrade Gang, diese überzierliche, unbequeme Haltung wird bald durch einzelne freiere Nuancen gemildert. Der Rock wird ein wenig ausgenommen und läßt ein Paar Füße sehen, hie schon wieher in einer lustigen Chiaconne, einem Bauemtanz sich zu bewegen gewohnt sind. Spitzentücher und Schärpen lassen diese frischere Not anklingen, und das kokette Fächerspiel gibt dem nun beliebten schnellen Trippeln etwas Unruhig-Anlockendes.
Mit der großen antiken Strömung, die %ut Zeit der Revolution sich 'erhob, .kam auch ein neuer Rhythmus in die Beweg-


