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Eine kleine Pause entstand; nie war es in dem stillen Zimmer so still gewesen.
„Im späteren Leben war es unser Schicksal, daß wir mehrfach aüfeiuanderstießen", fuhr Steinmetz endlich fort. „Unsere gegenseitige Abneigung bekam keine Gelegenheit, sich zu mildern. Wie es scheint, hat der Baron sich vor Ihrer Heirat mit der Fürstin eingebildet, in Frau Etta Beaumont verliebt zu sein. Ob er ein Recht hatte, sich für getäuscht M halten, weiß ich nicht, — so etwas ist gewöhnlich nur zwei Personen bekannt und auch denen nur unvollständig. Es scheint, daß die Wunde, die seine Eitelkeit erlitte, eine ernste war; sie erzeugte einen starken Rachedurst. Er suchte nach! Mitteln, um Ihnen zu schaden, verkehrte mit Ihren Feinden und verband sich mit Leuten, wie Wassili in Paris. Zuerst folgte er uns nach Petersburg. Dort hatte er Glück; er entdeckte — wer die Armenliga verriet."
Paul wandte sich langsam um. In seinen Augen brannte ein trübes, verzehrendes Feuer; einen solchen Ausdruck sieht man in den Augen eines gehetzten, verhungerten Raubtiers, das endlich gestellt wird, endlich seinem Feinde von Angesicht zu Angesicht gegenübersteht.
„Ah, das weiß er", sagte er langsam.
„Ja, das weih er, Gott helfe uns."
„Wer war es?"
Steinmetz trat unruhig von einem Fuße auf den andern.
„Es war ein Weib", sagte er.
„Ein Weib?"
„Ein Weib, das Sie kennen."
„Katharina?"
„O nein, Katharina nicht."
„Wer denn?" schrie Paul heiser, und seine Hände sielen schwer auf den Tisch.
„Ihre Frau."
Paul wußte das, ehe das Wort ausgesprochen wurde.
Er drehte sich um und schaute mit den Händen in den Taschen zum Fenster hinaus. Minutenlang stand er in dieser furchtbaren Stille bewegungslos. Die Uhr auf dem Kaminsims, eine kleine Reiseuhr, tickte eilig, als wolle sie rasch vorwärts kommen. Tief unter ihnen, in einem der Höfe des großen Schlosses, bellte unaufhörlich und aufgeregt ein Hund, ein Wolfshund, mit einer tiefen Stimme.
Steinmetz beobachtete Pauls bewegungslose Gestalt wie sasciniert; dann machte er eine unruhige Bewegung, als wolle er den Zauber einer Stille brechen, die fast unerträglich wurde. Er trat an den Tisch, setzte sich nieder, ergriff aus bloßer Gewohnheit eine Feder, betrachtete die Spitze, das Tintenfaß, — dann legte er die Feder weg, stemmte die Ellenbogen aus den Tisch und seinen breiten Kopf in die Handflächen. Paul rührte sich nicht, und Steinmetz wartete.
Sein eigenes Leben war nicht sehr glücklich gewesen; er hatte viel ertragen müssen, hatte es tapfer ertragen, aber nun fragte er sich, ob all das je so schwer gewesen sei, wie das, was Paul jetzt ertrug, während er mit den Händen in den Taschen wortlos zum Fenster hinausschaute.
Endlich regte sich Paul, wandte sich um, trat an den Tisch und legte die Hand auf Steinmetz' Schulter.
„Sind Sie Ihrer Sache gewiß?" fragte er mit einer Stimme, die gar nicht wie die seine klang, — mit einer hohlen, greisenhaften Stimme.
„Vollkommen, — ich weiß es bon Stephan Lano- witsch, — von der Fürstin selber."
Einen Augenblick blieben sie so stehen, dann zog Paul seine Hand zurück und trat langsam wieder ans Fenster.
„Erzählen Sie mir, warum sie es tat", murmelte er.
Steinmetz spielte wieder mit der Feder. Es ist seltsam, was für triviale Handlungen wir in großen Augen- blicken begehen; er tauchte die Feder ins Tintenfaß und zeichnete mit Punkten ein Muster auf den Löfchblock.
„Marin und Frau müssen den Plan reiflich erwogen haben", Hub er endlich an. „Beaumont kam nach Thors und bat mit Berufung aus eine sehr oberflächliche Bekanntschaft urn Nachtquartier. Er stahl die Papiere aus Stephans Studierzimmer und brachte sie nach Twer, wo seine Frau darauf wartete. Sie nahm sie mit sich nach Paris und verkaufte sie an Wassili. Beaumont reiste zuerst in östlicher Richtung weiter, denn wahrscheinlich wußte er, daß er über die westliche Grenze nicht entkommen konnte. Aber
er verirrte sich auf der Steppe. Erinnern Sie sich des Mannes, den wir auf dem Wege nach Twer fanden? Sein Gesicht war unkenntliche — das Pferd hatte ihn im Steigbügel nachgeschleift. Das war Robert Beaumont. Das Schicksal hatte rasch gearbeitet."
Nach einer kleinen Pause fuhr Steinmetz fort: „Ich hätte es Ihnen gern verheimlicht, um ihret- wie um Jhicet- willen. Unser tägliches Leben wird nur dadurch erträglich, daß wir von unseren Nächsten so wenig wissen; es gießt viele Dinge, die wir am besten gar nicht erfahren. Diese Geschichte hätte dazu gehören können, aber der Baron kam ihr auf die Spur, und nun halte ich es für besser, wenn ich es Ihnen sage, statt seiner."
Paul schaute nicht um. Der Wolfshund bellte noch immer sein eigenes Echo an.
„Natürlich war ich ein Narr", sagte Paul nach einer langen Pause. „Das weiß ich, aber —" er wandte sich um und blickte Steinmetz mit starren Augen an — „aber ich möchte lieber weiter ein Narr bleiben, als einen anderen Menschen eines solchen Betruges verdächtigen."
Steinmetz zeichnete noch immer Muster auf dem Lösch- blvck.
„Uns Männern fällt es sehr schwer, derlei Dinge vom Standpunkte einer Frau zu betrachten", sagte er endlich langsam. „Sie haben eine andere Auffassung von Ehre, — besonders wenn sie schpn sind. Das ist unsere Schuld; es mag Versuchungen geben, von denen wir nichts wissen."
Steinmetz blickte langsam auf und sah, daß Paul in den letzten paar Minuten nm zehn Jahre älter geworden war.
Er sah ihn nickst länger als eine Sekunde an, weil der Anblick dieses Gesichtes ihm weh tat; aber er sah in dieser Sekunde, daß Paul nicht verstehen wollte. Dieser starke Mann in der vollen Jugendkraft der Glieder und Energie wollte gerecht sein, weiter nichts.
„Comprendre c'est pardonner", zitierte Steinmetz leise.
Der Fürst trat langsam auf den Stuhl zu, auf dem er gewöhnlich Steinmetz gegenüber saß. Er ging und ließ sich nieder, als hätte er eine lange Reife hinter sich.
„Was soll geschehen?" fragte Steinmetz.
„Ich weiß nicht, — es liegt ja nichts daran. — Was raten Sie mir?"
„Es muß so vieles geschehen, daß es schwer ist, zu sagen, was zuerst getan werden muß. Wir dürfen nicht vergessen, daß der Baron wütend ist und allen Schaden, den er Ihnen zufügen kann, sogleich anstiften wird. Mr dürfen auch nicht vergessen, daß das Dorf in einem Zustand Glimmenden Aufruhrs ist, und daß zwei Frauen unserer Sorge anvertraut sind."
Paul bewegte sich unruhig aus seinem Stuhl. Der Intendant hatte den richtigen Ton angeschlagen; dieser Mann war am glücklichsten, wenn er sich für andere abmühen konnte.
„Und was soll mit Etta geschehen?" murmelte er.
Der Ton seiner Stimme ließ Steinmetz zusammenzucken. „Sie müssen mit ihr sprechen", antwortete er sinnend. „Gewiß müssen Sie mit ihr sprechen, — vielleicht kann sie Ihnen alles erklären."
Er blickte unter den struppigen, grauen Augenbrauen über den Tisch hinweg zu ihm hinüber. Paul sah in diesem Augenblick nicht wie jemand aus, der für Erklärungen zugänglich ist, — nicht einmal für die Erklärungen einer schönen Frau; aber es gab etwas, das Karl Steinmetz bei all seiner Erfahrung nie ganz hatte ergründen können: die Macht einer Frau über den Mann, der sie liebt, oder einmal geliebt hat.
„Sie kann Stephan Lanowitsch' zerstörtes Leben rncht erklären, — sie kann keine Entschuldigung für die tausend unnatürlichen Todesfälle finden, die sich bloß in diesem Gouvernement jeden Winter ereignen."
Das hatte Steinmetz gefürchtet, — die Gerechtigkeit.
„Geben Sie ihr wenigstens Gelegenheit", sagte er.
Paul sah zum Fenster hinaus.
„Wenn Sie es wünschen", murmelte er.
„Ja, Paul, ich wünsche es. Ich bitte Sie darum; und vergessen Sie nicht, daß sie — kein Mann ist,"
Die Sonne war längst untergegangen, und das Zwielicht bedeckte eisig und hoffnungslos das beschneite Land. Steinmetz sah nach! der Uhr. Eine Stunde war verstrichen, seit sie beisammen waren, eine von jenen Stun-


