576
und ihre Schriftstellerei erstreckt sich nach dem Vorgänge ihres Mannes, überhaupt im Stile der Zeit, über weite Gebiete. Auf rein dichterischem Felde baut sie vorwiegend das Lustspiel an; nächstdem läßt sie satirische Episteln ausgehen, versucht sich.'auch noch immer in der Lvrik. Vorwiegend aus dem Französischen, doch auch aus dem englischen übersetzt sie fabrikmäßig Dichtungen aller Art, in erster Linie auch hier Dramen. Dazwischen fällt eine Unzahl von philosophischen Schriften, teils UebersetzunK teils Originalarbeiten.
Neben mancher Beihilfe an ihres Mannes Werken, Zeitschriften und Streitschriften leistete die rastlose Frau namentlich noch eine Geschichte der lyrischen Dichtkunst der Deutschen; obgleich diese Arbeit schon durch das zusammengetragene Material für ihre Zeit bedeutsam war, stand der literarische Kredit des Ehepaares doch nicht mehr aus der Höhe; vergebens bietet es Gottsched den besten Verlegern an, und die Verfasserin warf das Manuskript verbittert in die Flaminen. Aus der Arbeitsgefährtin ihres Mannes war nach und nach eine Leidensgefährtin geworden, und Gottsched rühmt noch der Voten nach, wie sie zartfühlend manche Schmähschrift seinen Blicken zu entziehen wußte.
Eine gelehrte Genossin fand ähnlich der hervorragende Gelehrte Reiske; sie geht ihm bei seinen Arbeiten zur Hand und liefert selbst Uebersetzungen aus griechischen Schriftstellern. Bekannt ist, in wie enge Beziehungen Ernestine Reiske zn Lessing tritt. Akademischer Ehren wurden damals sogar Dichterinnen gewürdigt, da ja der Rationalismus die Poesie in den Bezirk der Wissenschaften einbezog. So krönt die philosophische Fakultät in Wittenberg die Leipziger Dichterin Christiane Marianne von Ziegler mit dem poetischen Lorbeer; dieselbe Dame wird von der berühmten Deutschen Gesellschaft in Leipzig zum Mitglied gewählt und versammelt in ihrem Salon unter freien Umgangsformen die literarischen und musikalischen Kreise von Klein-Paris.
Diese gelehrten Frauen haben sich praktisch mit ihren Pflichten als Hausfrauen ganz gut abgefunden. Die Gott- schedin betrachtet zwar Haus- und Wirtschaftssorgen als die „elendesten Beschäftigungen eines denkenden Wesens"; aber wie ihr eigener Manu ihr nachrühmt, besorgte sie die Wirtschaftsangelegenheiten, an Mche, Wäsche und Klerd- ung, ohne alles Geräusch aufs ordentlichste; Arbeiten init der Nadel ließ sie nur wenig durch fremde Hände besorgen; ihre Einnahmen und Ausgaben schrieb sie regelmäßig auf. Auch Frau v. Ziegler soll trotz aller literarischen, künstlerischen und gesellschaftlichen Ablenkung ihren häuslichen Pflichten nachgekommen sein. Mit noch größerer Bestimmtheit wissen wir von Ernestine Reiske, daß sie ihr Hausivesen mit kümmerlichen Mitteln zu bestreiten wußte, während sie an den wissenschaftlichen Arbeiten wacker mitschuf. Ja, sie versetzte ihre Geschmeide, um ihrem Manne den Truck seiner großen Ausgabe der griechischen Redner zu ermöglichen!
Aber was war das plötzlich für ein neuer Geist, der sich mit Zulassung der Frau in die gelehrten Kreise zur Ver- blüffung der hartgesottenen Rationalisten einschlich? Gottsched sah mit Kopfschütteln, wie seine gelehrte Frau sich aus der Studierstube gelegentlich in eine liebliche Landschaft sehnte, und — merkwürdig! — sie liebte den Mondschein, der ihr — so konstatiert er — „viel reizender als das gar zu helle Sonnenlicht vorkam". Auch wrrd sie von „Hypochondrie" ergriffen und weint „unzählige Tränen sonder Zeugen, die Gott allein hat fließen sehen." Schiebt sie noch wenigstens die Kriegsdrangsale ihrer Mitmenschen als Ursache vor, so muß Gottsched ein seiner Nichte und Pflegetochter erleben, daß sich selbst ihre Freude immer in Tränen ausdrückt: das „ist eine neue Mode" — verweist er ihr. „Lachen muß man dabei!" Aber das Nebel, das malum hypochondriacum, wird allgemein: in der Frauenwelt und auch dem jungen männlichen Nachwuchs geht es epidemisch um. Der Einfluß-Rousseaus steigert diese neuen geistigen Zuflüsse zur Sturmflut, die das deutsche Geistesleben in völlig neue Bahnen reißt. Die einseitige Herrschaft des Buches und des Kopfes ist zu Ende, die neuen Großmächte heißen Natur und Herz. Im ersten Ueber- schäumen dieser Kräfte lehnt sich die Genieperiode gegen kein Wahrzeichen des Rationalismns schroffer auf als gegen
die geleyrte Frau. Herder sagt geradezu: „Ich'bin auf das gelehrte Frauenzimmer vielleM M sehr erbittert; aber ich kann nicht dafür, es ist Abneigung der Natur. Eigent- liche Gelehrsamkeit ist dem Charakter eines Menschen, eines Mannes schon unnatürlich (!)...; in dem Münde eines Frauenzimmers, die noch die einzigen wahren menschlichen Geschöpfe auf dem Exerzierplatz unserer Welt sind, ist diese Unnatur so tausendmal fühlbarer. Damit will ich aber nicht sagen, daß ein Frauenzimmer sich nicht auch durch die Lektüre bilden, Geist und Herz verschönern müsse. . . , So wenig, daß ich vielmehr glaube, das weibliche Geschlecht sei das einzige richtende Publikum über eine Reihe von Materien des Geschmacks und der Empfindung, und daß jede Mannsperson, die kein Pedant sein will, im Kreise der Frauenzimmer muß gelernt haben, gewisse Bücher zu lesen . . . ." Und das Wunderbare geschieht: die Frauen, im Namen des Verstandes zum geistigen Leben zugelassen, behaupten im Zeitalter des Natur- und Herzenskultus nicht nur ihren Platz, erwachsen sogar wirklich zu einer tonangebenden Größe für harmonische Bildung, für feine Abtönung des Charakters durch Ausgleich von Natur und Kultur, von Herz und Welt. Die glänzendste Repräsentantin dieser neuen Zeit: Charlotte v. Stein, und ihr hehrer Apostel: Goethe. (Köln. Ztg.)
vermischtes.
* Geographische Ortsnamen werden meistens richtig geschrieben, aber falsch aufgefaßt und ausgesprochen. So bedeutet die Endung „ort" in Namen von Orten an der Seeküste nicht Ort, sondern Ohrt, d. h. die Spitze, so z. B. Schwarz ort, Brüsterort, die bereits lange, ehe sie bewohnte Ortschaften wurden, diesen Namen führten. Zu den Ortsnamen, über deren Herkunft und Schreibweise kerne Einigkeit herrscht, gehört auch der Name des nördlichsten Ortes in Deutschland, der einen Doppelnamen führt. Jmmersatt oder Nimmersatt. Der Königsberger, litaui che, in der Nähe von Jmmersatt geborene Professor! Rhesa singt noch von Nimmersaat (und so muß der Name nach Analogie der anderen dort vorkommenden Ansaat, Wehsaat, Truschwesaath auch eigentlich geschrieben werden), dem sandigen, öden Grenzorte:
„Zu Nimmersaat am Baltenstrand Rauscht früh und spät die Welle, Da grünt kein Baum auf ödem Sand, Kein Blümlein an der Quelle, Und nimmer, nimmer wächst dre Saat, Wer hier auch ackert früh und spat.
Der Nachtigallen Lieder
Tönt Busch und Wald nicht wider."
Der Name Jmmersatt soll unter Friedrrch Wilhelm rll. entstanden sein. Der Posthalter Mellten war mit Recht mit der verballhornten Ortsbezeichnung „Nrmmermti un« zufrieden, und als der König, der damals tn Memel lv eilte, bei ihm einkehrte, bat er: „Ich bin immer satt und bitte meine Besitzung doch lieber slo zu nennen." In der Tat führt noch jetzt die Post den Namen Jmmersatt. Auf den meisten Landkarten aber heißt der nördlichste Ort Deutschlands Nimmersatt, was entschieden durch eme Verkürzung der im Lettischen sehr häufigen Endsilbe sath fälschlich ent standen ist und zu vielem Aergerms für he Einwohner Ö * Tu stanzri11 eiu es llniv er sitä t spr o f es- sors. Einen Spazierritt von Berlin durch du Mark mw goldene Aiie über das Eichsseld und den Kauffunger Wald nach Kassel zur Natursorscherverfammlung hat derUniver- sitätsvrofessor Dr. O. Lass ar dieser Tage aus geführt, Tie Reise dauerte einschließlich aller Nacht- und Futter- pausen 120 Stunden. Roß und Reiter kamen m bester Kondition an.
Logogriph.
(Nachdruck verboten.)
Mit t sah ich dich scheiden, Mein Freund, es geht mir nah. Ich Hofs', du wirst mir schreiben, Bist du in dem mit <t.
(Auflösung in nächster Nummer.)
Redaktion: August Götz. - Rotationsdruck und L erlog der Brübl'schen Universttäts-Buch- und Steindruckerci. R. Lange, Gießen.


