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„Herr Kapitän, ich habe an Bord Ihres Schisses etwas schlimmeres begangen, als Sie alle ahnen. Ich habe mich verlobt und bitte um die Erlaubnis, Abschied zu nehmen."
Unser aller Ueberraschung war gleich groß, aber der einzige, der ihr Ausdruck lieh, war Herr v. H-, dessen entrüsteter deutscher Fluch beinahe sein erster Beitrag zur Unterhaltung war. Er ließ ihm sofort einen entschiedenen Einspruch gegen das erbetene Abschiednehmen folgen, drang - aber damit nicht durch, und der eigensinnige Gefangene hatte seinen Willen. Es wurde ihm eine fünf Minuten lange Unterhaltung mit der jungen Dame zugestanden, während deren der Kapitän und Mackenzie mit aus den Rücken gehaltenen Revolvern in der Nähe, aber nicht in Hörweite stehen bleiben wollten. Als wir alle zusammen die Kajüte verließen, beugte sich Raffles zu mir herab und ergriff meine Hand.
„So habe ich Dich also zu guterletzt _ doch noch ins Unglück gebracht, Bunny! Wenn Du wüßtest, wie leid mir das tut.....aber Du wirst mit einer leichten Strafe
davonkommen; ja, ich sehe nicht ein, warum Du überhaupt gestraft werden solltest. Kannst Du mir verzeihen? Vielleicht trennen wir uns in diesem Augenblick auf Jahre, vielleicht auf ewig! Du bist mir stets ein treuer Gefährte gewesen, wenn Not an den Mann ging, und vielleicht bedauerst Du nicht, Dich daran zu erinnern, daß Du mir das bis zum letzten Augenblick gewesen bist."
In seinen Augen lag ein Ausdruck, den ich verstand: ich biß die Zähne aufeinander und meine Nerven waren bis zum äußersten angespannt, als ich die kräftige und geschickte Hand zum letztenmale im Leben drückte.
Wie lebhaft steht mir dieser Auftritt vor Augen, und wie lebendig werde ich ihn bis zu meinem Tode vor mir sehen! Jede Einzelheit, jeder Schatten auf dem sonnigen Deck ist mir gegenwärttg! Wir befanden uns zwischen den Inseln, die den Kurs von Genua nach Neapel umsäumen. Dort über Steuerbordachtern, jener Purpurfleck, hinter dem die Sonne bald versinken sollte, das war Elba. Die Kapitänskajüte öffnete sich nach Steuerbord, und an dieser Seite war das in Sonnenschein gebadete und von Schatten durchzogene Pvomenadedeck verlassen, bis auf die Gruppe, zu der ich gehörte, und die bleiche, schlanke, braune Gestalt, die in einiger Entfernung bei Raffles stand. Verlobt? Ich konnte es nicht glauben, und kayn es noch heute nicht. Und doch standen sie dort beisammen, aber wir hörten kein Wort. Scharf zeichneten sich die Umrisse ihrer Gestalten an dem sonnendurchglühten Himmel und dem blendenden Streifen des klitzernden Meeres ab, der sich von Elba bis an die Seite der „Sachsen" zog, und ihre Schatten reichten beinahe bis vor unsere Füße.
Plötzlich — ein Augenblick — und die Tat war vollbracht — eine Tat, von der ich nie gewußt habe, ob ich sie bewuudern oder verabscheuen sollte. Raffles schloß Miß Werner in die Arme, küßte sie vor unser aller Augen — und dann stieß er sie von sich, sodaß sie fast fiel. Das war die Tat, die die folgende verkündigte. Der erste Offizier sprang anf ihn zu und ich tat dasselbe hinter dem ersten Offizier her.
Raffles stand anf der Brüstung, aber nur einen Augenblick.
„Halt ihn, Bunny!" rief er „halt ihn fest!"
Während ich diesen letzten Befehl mit aller Kraft ausführte, ohne einem andern Gedanken über das, 'was ich tat, Raum zu geben, als daß er es verlangt hatte, sah ich, wie seine Hände in die Luft flogen, sein Kopf sich vornüberneigte und sein geschmeidiger, schlanker Leib so gedrungen und scharf durch die Sonnenstrahlen schoß, als ob er zum Vergnügen ans einem Taucherboote spränge.
Bon dem, was darauf an Deck vor ging, kann ich nichts erzählen, denn ich war nicht dabei; ebensowenig kann euch meine schließliche Bestrafung, meine lange Gefangenschaft und meine eigene Schande werter interessieren, als daß ihr wißt, daß meine Taten endlich ihren verdienten Lohn fanden. Aber eins muß ich noch aufzeichnen, mag es glauben, wer da kann, und dann bin ich fertig.
Man hatte mich sofort in einer Kabine zweiter Klasse in Eisen gelegt und die Tür hinter mir geschlossen, als ob ich ein zweiter Raffles sei. Inzwischen war ein Boot zu Wasser gelassen und die See vergeblich nach allen Richtungen abgesucht worden, aber entweder muß die untergehende
über die Wogen blitzende Sonne alle Augen geblendet Habers oder die meinen waren das Opfer einer seltsamen Täuschung.
Denn als das Boot zurück war, die Schraube wieder rauschte, schaute der Gefangene durch das kleine Fensterchen über die Wellen, die sich, wie er glaubte, eben über dem Kopfe seines Gefährten geschlossen hatten. Plötzlich versank das Tagesgestirn hinter der Insel Elba, die vom tanzenden Sonnenlicht gezeichnete Straße erlosch augenblicklich und verschwand in der pfadlosen Wasserwüste. Täuschten mich meine Augen, oder war es Wahrheit, was ich sah? Dort, im Mittelgründe, schon Meilen hinter unserem Stern, hüpfte ein schwarzer Punkt auf der grauen Fläche. Das! Horn hatte zum Diner gerufen, und es war wohl möglich, daß alle anderen, außer mir, ihre Augen nicht mehr an* trengten. Jetzt verlor ich >as, was ich gesehen hatte, daun erschien es wieder, um abermals zu versinken, und schließlich gab ich es auf. Aber dann und wann erhob es sich, ein tanzendes Staubkörnchen in der unklaren grauen Ferne, und kam dem purpurnen Eiland, das dort unter dem bleichen, mit mattem Gold und kirschrot gestreiften westlichen Himmel lag, immer näher. Und die Nacht sank herab, bevor ich wußte, ob es ein Menschenkopf war, oder nicht.
Die Weste.
Von Boleslaw Prus.
(Nachdruck verboten.)
Manche Menschen neigen dazu, mehr oder weniger kostbare Raritäten zu sammeln, je nachdem es ihnen die Mittel gestatten. Auch ich besitze eine kleine Sammlung, doch ist sie nur bescheiden, wie es beim Anfang immer der Fall rst. Da ist mein Drama, das ich noch im Gymnasium während der lateinischen Stunden schrieb — einige getrocknete Blumen, die durch neue ersetzt werden müssen, da ist — ich glaube, sonst ist nichts mehr da außer einer sehr alten und abgenutzten Weste.
Schaut her! Das Borderterl verbuchen, der Rucken durchgerieben, voller Flecke, ohne Knöpfe, mit ein ent Loch, das wahrscheinlich mit der Zigarette ausgebrannt ist. Das Interessanteste an ihr sind aber die Schnallenbander. Das eine Ende mit der Schnalle ist verkürzt und nicht von Schneiderhand angenäht, das andere ist fast der ganzen Länge nach von der Schnalle zerstochen.
Es ist daraus leicht zu ersehen, daß der Eigentümer dieses Kleidungsstückes wahrscheinlich jeden Tag an Gewicht abnahm und zuletzt dahin gelangte, wo eine Weste aufhört, ein unentbehrliches Kleidungsstück zu fern, dafür aber ein bis zum Hals zugeknöpfter Rock aus dem Trauer- maqazin sich als notwendig erwerst. Ich gestehe, daß rcy heute diesen Tuchfetzen gern jemand abtreten wurde, er ist mir lästig geworden. Ich besitze nämlich noch kerne Schränke für die Sammlung und möchte andererseits diese Krankenweste nicht unter meinen Sachen haben. Es gab jedoch eine Zeit, da ich sie für einen über ihren Wert wert hinausgehenden Preis erstand, und ich hätte noch'mehr bezahlt, wenn man zu feilschen verstanden hätte. Der Mensch hat im Leben Augenblicke, in welchen er srch gern mit Gegenständen umgibt, die ihn wehmütig stimmen.
Das traurige Schicksal weilte uicht Bei mir, sondern in der Wohnung meiner Nachbarn. Aus dem Fenster konnte ich jeden Tag in das Innere ihres Stübchens schauen. Im April sah ich noch drei Personen, den Herrn, die Frau und ein kleines Dienstmädchen, das- soviel ich weiß, auf dem Koffer hinter dem Schrank schlief. Der Schrank war dunkelrot. Im Juli - wenn mich mein Gedächtnis nicht trügt — blieben nur zwei Personen, dir Herr und die Frau. Das Dienstmädchen war zn einer Herrschest gezogen, die ihm drei Rubel monatlich zahlte und die alle Tage Mittag kochte.
Im Oktober war nur noch die Fran zurückgeblieben, das heißt nicht ganz allein, denn im Zimmer befanden sich noch viele Sachen; zwei Betten, em Tisch und em Schrank aber Anfang November wurden die unnötigen Sachen ossenl lich versteigert, und die Frau behielt von allen Andenken nur eine Weste ihres Mannes zurück; diese besitze ich setztt
Das kam so. Ende November rief die Frau eines Tages einen Händler mit alten Sachen in die leere Wohn g und verkaufte ihm ihren Schirni für 30 Kopeken und Weste ihres Mannes für 20 Kopeken. Dann verschloß ^ die Wohnung, ging langsam über den Hof, gab dem Porner die Schlüssel ab, blickte noch einmal nach dem Fenster, va«


