Mittwoch den 23. Dezember.

1903. Ar. 191.

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(Nachdruck verboten.)

Wotans Merloöung.

Novelle von Robert Kohlrauscht

(Fortsetzung.)

Edith saß und hielt ein Buch in der Hand; aber sie hätte nicht zu sagen vermocht, ob und was sie gelesen hatte. Sie seufzte leise, als die Sächsin bei ihr eintrat, bezwang sich jedoch schnell und bot ihr sreundlich^ernsten Willkommen.

Fräulein Häseler war die Treppe so schnell emporge­stregen, daß sie zuerst kaum zu reden vermochte; sie mußte einen Augenblick warten, bis sie für ihre Erzählung Atem genug gefunden hatte. Dann ging sie gleich mitten ins Feuer.

Ach nee, nee, Fräulein Bessel, daß Sie aber auch eben nich> unten gewesen sind! Jetzt hab' ich's nämlich ganz deitlich gesehen, gestern bin ich meiner Sache nich ganz gewiß gewesen, und die anderen haben gesagt, ich hätte mich getaischt. Gut, ich kann mich getaischt haben. Mer heute, nee. Heite haben sie sich nämlich ganz öffentlich geküßt."

Wer hat sich geküßt?"

Tie beeden vom Theater. Ich wißte nämlich nich, wer sich kissen sollte int Hotel. Na, verlobt sind sie ja freilich, das hat schon in meinemLeipziger Tageblatt" gestanden, aber darum brauchten sie sich doch nicht so ostentativ so vor allen Leiten und noch dazu ohne jede Ehrendame."

Edith stand auf; cs duldete sie nicht mehr auf ihrem Platze. Zugleich aber überkam sie ein Gefühl des Schwindels, das ihr gebot, sich auf die Platte des Tisches zu stützen, an dem sie gesessen hatte.

Wo ist meine Mutter? Haben Sie meine Mutter nicht gesehen?"

Nu, natierlich hab' ich's gesehen, ich selber, mit meinen eigenen Augen, sonst würde ich doch so was nich erzählen. Aber was man doch gesehen hat, das hat mau doch ge­sehen, nich wahr?"

Ob Sie meine Mutter nicht gesehen haben, das möchte ich wissen."

Edrth hatte mit so lauter, schmerzerfüllter Stimme ge­sprochen, daß auch die Schwerhörige sie verstand.

Ihre Frau Mutter, ja, die sitzt noch unten im Speise­saal Bet den ibrigen; sie langweilen sich alle ganz ferchter- lich, und da sprechen sie natierlich von der Geschichte. Ich Eeie mich nämlich auch, daß ich dabet gewesen bin, wenn ) auch nich behaupten will, daß ich mich gelangweilt hätte. Nee, ich langweile mich nämlich niemals, auch nich wenn ich ganz alleene bin, man muß eben seine geistigen Hilfsquellen in sich selber haben. Aber da hapert's Bei den Meisten."

So fuhr sie fort zu schwatzen und drückte Edith den Dolch tiefer und tiefer ins blutende Herz^ Als eine Weile vergangen war, wandte sich diese plötzlich mit beinahe hef­tiger Bewegung zu ihr hin und fragte:Haben Sie Lush wollen Sie mit mir spazieren gehen?"

Sie sprach so nachdrücklich und scharf artikuliert, daß die andere sie gleich verstand. Mit einem leichten Schrei der Ueberraschung sprang sie auf und rief:Nee, nee, machen Sie keene Witze! Bei dem Wetter, wie kann man denn da spazieren gehen? Ta weht man ja in den See, oder man weht innen Abgrund, und dann ist die ganze Kur vergeblich gewesen. Tas wäre mir nämlich sehr un­angenehm."

In den See oder in einen Abgrund", sagte Edith leise vor sich hin, blieb noch einen Moment nachsinnend stehen und ging dann zu dem Kleiderhalter, wo Hut und! Mantel aufgehängt waren.

Nee, nee, wollen Sie wirklich? Nee, Heeren Sie, das kann ich aber nich verantworten, das derfen Sie nämlich wirklich nich, nee, da schicke ich lieber Ihre Frau Mutte« herauf, daß die einmal ein ernstes Wort mit Ihnen redet"

Sie eilte hinaus ttnd ließ Edith allein. 'Tie hatte; kaum gehört, was die Sächsin geschwatzt hatte; sie vollendete langsam ihren Anzug, dann trat sie zum Balkon und öffnete die Tür. Der Sturm fuhr ihr entgegen, obwohl feine Macht hier in dem geschützten Winkel schon ein wenig ab gemildert war, aber der See rief mit lauter, wütende« Stimme zu ihr empor.

Wie war die schöne Welt verwandelt, die so seh« ge­liebt hatte! Und wie glich die sturmdurchtobte Natur da draußen der eigenen, bis in die Tiefen aufgewühlten Seele. Frieden, Sonnenschein, Licht schienen gestorben für immer. Ter weißgraue Himmel mit seinen dichten, treibenden Wolkenmassen war gelblich durchleuchtet, und int Wider­schein dieses matten, häßlichen Schimmers verwandelten Erde und Wasser ihre Farben. Das reine Blau der fchöuen Flut war verloschen und hatte einem schmutzigf-dunkleu, grauen Grün die Herrschaft eingeräumt. Die Küsten er­schienen gelblich-grau über dem Wasser, durch einen un-i heimlich hellen Streifen am Ufer her von der tobenden/, finsteren Flut geschieden. Weißlicher Nebel umspann di« verdämmernde Ferne. Er und der Wellenschaum brachten im Verein mit jenen hellen Streifen an den Küsten entlang die lichtesten Töne in das düstere Bild. Wo die Brandung die Ufer traf, wo die Kämme der Wogen sich überstürzten, da sprangen weiße Lichter auf, um gleich wieder zu erlöschen und neu zu erscheinen. Vor dem Sturm her schien das Wasser zu fliehen, gerade hinein in die Bucht von Salo, deren Küsten die Wellen gewaltsam von sich abwehrten und zurückwarfen, große, gewölbte, langgezogene Wellen, die sich den kleineren, herandrängenden Genossen entgegen­stürzten wie verzweifelte Kämpfer, die sich auf der FlucU in letzter Todesnot noch einmal gegen den Feind wenden. In der Luft aber kreischten die Möven, als jubelten sie de«