halte, und daß ich", fügte er leise Lei, „Aimee sogleich mit mir nehmen könnte."-
In holder Verwirrung mit glühenden Wangen fuhr Aimee auf. Fräulein Osborne strich ihr liebevoll über das wellige Haar: „Erschrecken Sie nicht, mein Kind; „sogleich" bedeutet weder heute noch morgen, obschon Sie dies ja wünschen müßten. Bitte weiter, Herr Morgan. Nach Ablauf dieser drei Jahre wären Sie — ?"
„Genau, wo ich eben bin, ausgenommen, wenn das Untermehmen besonders gewinnbringend sich erwiese, wenn Herr Colville mit meiner Arbeit zufrieden wäre —"
„Und wenn er weitere Beschäftigung für Sie hätte", ergänzte Fräulein Osborne lächelnd. „Hm, ein solches Anerbieten scheint mir wenig verlockend. Was verspricht die andere, Herr Morgan?"
„Sie sollen alles hören, was ich selbst davon weiß", versetzte dieser, indem er einen Brief in weiblicher Handschrift hervorzog und vorlas, mit der Mitteilung, daß er von seiner einzigen Schwester sei.
(Fortsetzung folgt.)
Serbien.
LandundLeute.
Serbien ist im großen und ganzen ein unbekanntes Land. Wir wissen, daß Belgrad seine wichtigste Stadt ist, daß es schöne Eichenwälder besitzt und die Schweinezucht dort blüht. Von feinen staatlichen Einrichtungen, vom Aufkeimen der Maste uno Wissenschaften aber vernehmen wir wenig. Es mag daher an der Zeit sein, hier einiges über das Land zu sagen, wobei wir für den beschreibenden Teil das große Werk von F. Kanitz „Serbien, statistisch-ethnographische Reisestudien" zu Grunde legen, da ein besserer Führer in keiner Sprache vorhanden ist und seine Angaben auch heute noch nicht für veraltet gelten können. Serbien ist etwa so groß wie die Rheinprovinz. Wicken wir auf die Karte, so erkennen wir, daß es die Gestalt eines Vierecks hat, das im Norden durch die Donau und Save, im Westen durch die Drina, im Osten durch den Timok und im Süden durch eine Anzahl Gebirgszüge begrenzt wird. Mit Ausnahme weniger Strecken im Norden ist das Land gebirgig und von zahlreichen, hier Planina genannten Bergketten durchzogen, die auch seine West- und Ostgrenze umwallen und im Nordosten sich als Fortsetzung der sieb'en- bürgischen Alpen zu erkennen geben. Ter höchste Berg des Landes liegt im Süden an der türkischen Grenze. Es ist der Kapawnik (1900 Meter). Die Taler der fast durchweg von Süden nach Norden strömenden Flüsse sind die Kulturzentren und Schlachtfelder des Landes, zum Teil aber, wie die Berge selbst) noch mit dichten Waldungen bedeckt und nur durch einige Talpforten öder beschwerliche Gebirgspässe miteinander verbunden. Außer den Grenzströmen ist noch die Morawa zu nennen, der Hauptfluß Serbiens, der durch die Vereinigung der serbischen und bulgarischen Morawa gebildet wird. Von dem kleinen Karstgebiet der Golubinje und Planina abgesehen, ist fast ganz Serbien bei der geringen Höhe und Ausdehnung, welche die Gebirge erreichen, anbaufähig, und das Land besitzt fasst überall guten, zum Teil sehr fruchtbaren Boden. Auch das Klima ist der geringen Meereshöhe entsprechend günstig, an Niederschlägen im Sommer mangelt es nicht. An inneren Schützen sind die Berge Serbiens reich, doch liegt der Bergbau, so blühend er im Mittelalter gewesen ist, heute darnieder, da die Serben sich nicht darauf verstehen, es auch, an Geld fehlt und die Ausbeutung durch Fremde nicht'gern gesehen'wird. Serbien ist heute ein Ackerland, 90 Prozent der Bevölkerung sind Bauern. Der Ackerbau steht freilich auf einer sehr tiefen Stufe und ist kaum mehr als Raubbau. Nur etwa ein Siebentel des Landes isst angebaut. Jedem Fortschritt abhold, gegen alle Fremden mißtrauisch, dabei sehr bedürfnislos, verharrt der serbische Bauer beim Hergebrachten. Nach wie vor macht ihm der Zigeuner den urtümlichen Pflua, der eine ungeheure Verschwendung von Kraft und Zeit bei Zugtier und Mensch erfordert und doch nur den Boden oberflächlich rrtzt. Nach tote vor wird das Getreide durch Pferde ausgetreten oder mit dem Dreschschlitten von den Aehren, durch den Wind von der Spreu gesondert.
Bis tief in das vorige Jahrhundert hinein war Serbien ein großes Waldgebiet. Die ungeheuren Wälder, die uns die Kreuzfahrer schildern, sind erst im Lause der letzten
sechzig Jahre gelichtet worden. Die Schumadia, das Herzland Serbiens, in Hessen Mitte Kragujewatz liegt, war während der Befreiungskriege ein mächtiger Wald, eine Zuflucht für die Bedrängten. Als Serbien in den europäischen Verkehr hineingezogen wurde und sich Absatzgebiete für Holz fanden, begann eine grauenvolle Verwüstung. Die Ziegen und Schweine sorgen dafür, daß kein Wald wieder wächst. Nur Abgelegenheit und Unwegsamkeit schützt den Wald.' Immerhin giebt es noch größere, zusammenhängende Waldgebiete. Die Eiche herrscht als Wäldbaum vor, daneben finden sich Buchen, Eschen,' Ulmen und Birken. An die. Eichen- und Buchenwälder knüpft sich Serbiens Viehzucht. Hier nähren sich vor allein die großen Schweineherden. Die Schweinezucht allein liefert in vielen Gegenden den Bauern Einnahmen. Die Ausfuhr von Weh, besonders von Schweinen, giebt Serbien die Mittel zum Ein-, kauf der Erzeugnisse europäischen Gewerbefleißes. Tie gewerbliche Tätigkeit ist an und für sich sehr gering und steht auf niedriger Stufe.
In dem Lande wohnt das südslawische Volk der Serben, die ajnes Stammes, einer Sprache mit den Slawonicrn, Kroaten und Dalmatinern Oesterreichs, sowie mit den Bosniern und Herzegowinern sind. In der vollen Eigentümlichkeit seines Charakters und unberührt von fremden Eim flüssen findet man noch heute das Serbenvolk in dem von der Morawa, der Drina und dem Jbär umflossenen Gebiete, in jenen engen Bergregionen und düsteren Forsten^ die dem serbischen Freiheitskampf seine besten Führer und Streiter gaben, dort, wo sich das serbische Element ebenso rein erhielt, wie es an der' Donau im steten Verkehr mit Magyaren, Deutschen und Rumänen in seiner Ursprünglichkeit gelitten hat.
Ter Serbe zeichnet sich durch ein scharfes Gesichtsprofil und kräftige Formen aus. Er ist an Wuchs eher klein als groß, breitschultrig, selten-korpulent. Ter Kops zeigt gute Verhältnisse, die Backenknochen sind hervorragend und die Nase oft von schönem Adlerschnitt. Tas Haar ist metft blond oder braun, seltener schwarz. Ter Bauer trägt nur Schnurrbart, während der Geistliche sich stets durch einen Vollbart auszeichnet. Schwarzes Haar gilt den Fraueni in den Städten als eine unentbehrliche Zierdej, weshalb die blonden Frauen es allemal färben. Schön ist die serbische Frau nicht, aber die Gesichtszüge sind regelmäßig. Von Charakter ist der Serbe im allgemeinen duldsam und gastfrei. Seine kriegerischen Tugenden, die schon die Byzantiner rühmten, werden von keiner Seite angezweifelt. Voll stolzen Selbstgefühls, ist er klug, ja schlau und läßt sich niemals einen Vorteil »ntgehen. Er betrügt dabei selten, doch wird es andern schwer, ihn zu überlisten. Dabei weicht er vor keinem "in seinem Recht zurück. Eher läßt er es auf ein eit Prozeß ankommen, und in diesem Falle ist er sich selbst der beste Advokat, wobei ihn seine große Redefertig- keit unterstützt. Ter Serbe erhitzt sich gern int Streit, geht aber nur selten zu Tätlichkeiten über. Tuelle und Blutrache sind ihm unbekannt. Trotz seinem scharfen Verstände bildet das religiöse Moment, die Neigung zum Mystischen, einen Grundzug seines Charakters. Sehr oft artet cs in Vorurteile und Aberglauben aus. Es gibt unzählige ungünstige und böse Vorbedeutungen, die Glück und Unglück verkünden.
T-er persönliche Verkehr zwischen allen Klassen, zwischen Reich und Arm in Serbien ist äußerst ungezwungen. Es gibt keine durch Titel oder Rang hervortretenden künstlichen Standesunterschsiede. Indem die Türken den Adel gleich Hörigen zum Rajah erniedrigten, haben sie die Grenzen zwischen beiden völlig verwischt. Ter englische Reisende Eduard Brown fand noch im 17. Jahrhundert serbische Mädchen, die von königlichem Blut abstammten, vor den Pflug gespannt. Bei großer Neigung für Poesie und Musik zeigt der Serbe gegenwärtig noch wenig Sinn für die bildenden Künste und noch weniger für das Handwerk. Er besitzt rasche Auffassungskrast und auch sonst manche Talente, die er daheim beim Anfertigen seines bescheidenen Hausgeräts bekundet. Tas Handwerk als Lebensberuf erscheint aber in seinen Augen als eine verächtliche des Mannes unwürdige Beschäftigung. Ta viele ber, einwam- dernden Deutschen größtenteils ein Handwerk treiben und für den Serben arbeiten, blickt dieser verächtlich auf sie herab. Versuche, welche die Regierung anstellte, die Gewerbe im Lande einzubürgern, mißglückten. So bleibt der Serbe Hirt und Bauer, und tritt er aus den gewohnten Ver-


