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Wer wird et3 erfahren?" fragte der Water. Nannte lächelte boshaft.

Wo hast Drf heute morgen gesteckt?" fuhr Rodellec un­ruhig in seinem Verhör fort.

Am Strande unten ich habe mit den Seelen gespielt, mit den Seelen den Seelen", sang der Knabe in selt­samem, selbsterfuudenem Rythmus. Er hatte schon bei sehr jungen Jahren entdeckt, daß seines Vaters wuchtige Hand nur zuweilen durch seinen stark ausgeprägten Aberglauben aufgehalten wurde. Was der Knabe anfangs tat, um seinen hinfälligen Körper zu schützen, war ihm nach und nach zur zweiten Natur geworden; es war wirklich schwer zu unterscheiden, bis zu welchem Punkte Nannte schlaue Ver­stellung übte, und wie weit er selbst glaubte, mit den über- uatürlichen prophetischen Gaben der alten bretonischen Sänger und Seher ausgestattet zu sein; dazu behandelte Nannic, trotz seiner Jugend und Kränklichkeit, seine Mit­menschen als lohnendes Studium, ja oftmals als belustigen­des Spielzeug.

Auch diesmal hatte er sich in der Mrkung seiner rätselhaften Worte auf das Gemüt seines Vaters nicht verrechnet. Rodellec fühlte sich sichtlich befangen und sagte, wie um sich vor sich selbst zu rechtfertigen:Nannic, Du sollst in die Schule gehen. Gehe gleich morgen und sieh zu, ob Du etwas Vernünftiges in Deinen verrückten Kopf bringen kannst."

Ich wußte, daß ich zur Schule gehen sollte, ich will gehen, aber sie können mich dort nichts lehren ich weiß es alles längst längst"

Guenn sah ihren Bruder freundlich an und fragte dann lachend:Nannic, was hast Tu heute eigentlich gesehen?"

Ich sah Thymert", antwortete Nannic jetzt mit natür­licher Stimme wie jedes andere Kind.Ich möchte etwas zu essen, Guenn, ich bin so schrecklich hungrig."

Gleich, gleich", beruhigte Guenn den Kleinen, dann hob sie das verschmähte Tuch vom Boden auf.

Hat Dir Thymert Uesagt, Du solltest es für mich kaufen?" fragte sie mutig ihren Vater,war er heute hier?" Liebevoll streichelte sie das weiche Gewebe, das ihr auf einmal so reizend erschien.

Trag' es nur, kleiner Zieraffe", brummte Hervs mür­risch. Es waren die letzten Worte, die er seiner Familie heute abend gönnte. Bald darauf waren sämtliche Rodellecs in einen so friedlichen, sanften Schlummer gesunken, als ob es in ganz Plouvenec keine zweite so einige, glückliche und zufriedene Familie gebe.

5. Kapitel.

Mit der ihm eigenen Gawandheit hatte^Hamor bald in Plouvenec festen Fuß gefaßt. Nachdem er sein Atelier eingerichtet imb sich mit den ortsüblichen Sitten und Ge- bräuchen vertraut gemacht hatte, ging er mit Feuereifer an die Arbeit. In der Umgegend hatten sich dreißig bis Vierzig Künstler angesiedelt, die augenscheinlich das glück­lichste Leben der Welt führten. Die kleine Gemeinde wurde Von den Einheimischen im allgemeinen gleichgiltig geduldet. Tie Maler waren ihnen Fremde, mit denen ein rechter Bre­tagner keine Gemeinschaft z!u. haben pflegt; doch waren die Künstler dem Kandel und Verkehr von Plouvenec förder­lich, was ihnen in den Augen der Ladenbesitzer, die den kleinsten Verdienst zu schätzen wußten, sehr zum Vor­teil gereichte.

Weil die Maler nun einmal da waren, ließ die Be­völkerung sie gelten. So lange sie sich bescheiden und zurückhaltend verhielten, so lange es ihnen nie beikam, den Seeleuten ihre Schätzchen abspenstig zu machen, oder überhaupt den Weibern die Köpfe zu verdrehen, so lange sie ihre Rechnungen pünktlich zahlten hatten sie unbe­schränkte Freiheit, in den Wäldern der Bretagne umherzu­streifen, in Verzückung den Himmel anzustarren und um den ganzen Ort herum einen Gürtel von anfgeschlagenen Staffe­leien und Feldstühlen zu ziehen.

Ws freilich die innersten Ansichten der Eingeborenen über das Malervolk waren, steht aus einem ganz anderen Brett. Glücklicherweise sind den Menschen ihre Gedanken nicht aus der Stirn geschrieben. Der ehrliche Drescher, der seine Beschäftigung einen Augenblick unterbricht, um höf­lich die Fragen eines dieser Herren zu beantworten, welcher soeben an sein Scheunentor getreten ist, weiß, was er von einem Besucher zu halten hat, der, während er noch an­scheinend ganz sachverständig nach dem Stand des Getreides fragt, bereits die unruhigen Augen forschend umherschickt,

nach einein geeigneten Hnltergruild zu spähen. Auch die Seeleute, die faul am Strande liegen, sind eine willkommene Fundgrube für das Auge des beutehungrigen Künstlers. Mit wahrer Zärtlichkeit weilt sein Blick auf ihren gebräun­ten Gesichtern, auf ihren mattblauen Blusen, ihrem schar­lachroten Gurt, ihren freien, ungezwungenen Bewegungen. Er bleibt stehen, um mit ihnen zu plaudern, es weht ein so warmer, südlicher Hauch aus dem abgeblaßten Farben­spiel, ein etwas, das ihn an Genua, an Neapel gemahnt. Im Geiste entwirft er ein Bild nach dem andern. Plötzlich erspäht er von weitem ein noch würdigeres Sujet: einen barfüßigen Buben, der am Strande Krebse fängt, aus Be­quemlichkeitsrücksichten nur ein einziges, kurzes Kleidungs­stück tragend. Grau in Grau! Ein mattgraues Hemd gegen das lichtgraue Gestade und gegen das graugrüne Wasser, im Hintergrund grüngrauer Ginster, der sich vom blau­grauen Horizont abhebt. Welche Mannigfaltigkeit von ästhe­tischem Grau! Wie harmonisch zusammenwirkend! Die Atmosphäre, die Perspektive! Solche Gedanken lassen den Künstler seine nächste Umgebung vergessen, er sieht die ge­bräunten Seeleute nicht mehr, die Worte ersterben ihm auf den Lippen, versunken starrt er nur auf sein neues, ihm so unendlich wertvolles Motiv. Wer will es da dem wackertt Bretagner verargen, wenn er sich diese Kundgebungen des Genies aus seine Weise auslegt und den sonst so gesund dreinschauenden Fremdling entweder für einen Querkopf oder schlimmer noch für einen Wahnsinnigen hält? Der ahnungslose Künstler läßt sich nicht träumen, wie ihm sein unschuldiges Tun und Treiben ausgelegt wird. Was die Leute nicht verstehen, machen sie einfach lächerlich, noch heut wie in grauer Vorzeit, gelten die Fremden für Barbaren.

So fröhlich und heiter die Künstler aber auch ihre Zelte in Plouvenec aufgeschlagen haben mochten, so war auch hier nicht alles Gold was glänzt; die meisten waren vem Geschick nicht allzuweich gebettet. Der eine hatte sich zu spät aus den Fesseln eines unliebsamen Berufs gelöst und mußte nun zeitlebens an den Folgen dieser Verzöger­ung leiden, im Bewußtsein, daß es ihm nie gelingen würde, sich aus der Mittelmäßigkeit emporzuarbeiten. Ein anderer fühlte sich bedrückt durch den unbezwinglichen Widerstand seiner Familie gegen den von ihm erwählten Beruf, und den meisten unter ihnen mangelts ' so prosaisch diese Tatsache auch erscheinen mag der sickere Rückhalt eines! ausreichenden Einkommens. Der Held des modernen Ro­mans ist jetzt nur zu oft Herrscher über unbeschränkte Reich­tümer. Seine Entbehrungen sind rein psychologischer Natur; wenn ihm eine Herzenstäuschung zu teil wird, so kann er sich trösten, indem er erster Klasse eine Tour durch zwei Weltteile unternimmt, oder einen Winter in Aegypten verlebt und seinen Schmerz, seine Verzweiflung in einem' Dahabeeh vergräbt, das er allein für sich und seinen ge­treuen, wenn auch sehr kostspieligen Diener gemietet hat. Wer aber giebt sich dazu her, die Taten all der Tausende zu verherrlichen, Me nicht von Hunger und Frost leiden, nichit durch ihre zerlumpten Kleider das Mitleid des Menschen­freundes erregen, die kostspielige Neigungen haben und die Ansprüche eines -gebildeten Mannes, und doch zu wenig besitzen, um ihr höchstes Gut, ihre Freiheit, stets zu be­wahren?

Selbst in bedrängten Umständen trugen diese Leute jedoch fast immer heitere Mienen zur Schau. Tagsüber waren sie fleißig bei der Arbeit und am Abend dre behag­lichsten Gesellschafter der Welt. In ihre Arbeit vertieft, fühlten sie sich glücklich trotz aller Schatten der Vergangen­heit, trotz dem Dunkel der Zukunft und der Ungewißheit ihrer Lebenslage denn solcke Arbeit ist an sich schon Freude. Everett Hamor war derjenige unter ihnen, den die Götter wohl am meisten in jeder Hinsicht begünstigt hatten.

Er kannte fast alle hier weilenden Künstler wenigstens dem Namen nach, mit Staunton und Douglas hatte er in Paris häufig verkehrt. Douglas war ein langbeiniger rot­bärtiger Schotte, der gelegentlich in die Ateliers feiner Freunde hereingeschritten kam, schweigend aber mit wohl­gefälligem Ausdruck bei ihren Bildern verweilte, und ebenso gemessen und schweigsam wie er gekommen, das Atelier wieder verließ. Er war wortkarg, zurückhaltend in seinem Urteil dann wieder plötzlich von heftigen Vor­urteilen befallen, gütig, ehrlich und eigensinnig. Er hör^ gern eine lustige Geschichte erzählen, und wenn die Pointe