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erscheinend, inmitten der jungen, sprossenden Frühliuas- kräuter um sie her. Ein altes Weib hatte ihr gesagt, sie müsse tnt Frühling möglichst viel so auf der Erde sitzen, wenn sie ihren Kork los werden wolle; das tat sie denn auch redlich und vertiefte sich dabei in die Lektüre des ,,Lerpriger Tageblatts", das sie sich, Nachkommen ließ. Auf brese Weise störte sie Edith nur selten, die nach der Sitte anderer vernünftiger Menschen sich auf eine der für die Kürgaste aufgestellten Bänke niederließ, um dort zu denken, zu schauen und ihre weit geöffnete Seele mit der berauschenden Schönheit einer zugleich mächtigen und anmutigen Natur ganz zu erfüllen.
Auch an diesem Morgen war die Zitronendame in ihrer Gesellschaft. Sie waren eine der zahlreichen kleineren! Schluchten emporgestiegen, die zwischen grünen, terrassier- ten, olbaumbestandenen Wänden sich langsam landeinwärts in die Höhe ziehen. Jetzt hatten sie einen der Wege erreicht, die horizontal, fast ohne weitere Steigung an der Bergeslehne entlang führen, immer neue, wechselnde Bilder auf den See tief unten zu Füßen durch das seine Laub- der Oliven hindurch erschließend. Edith war einen Augenblick stehen geblieben, und hatte Fräulein Häseler vorangehen lassen. Nach kühler Nacht war ein klarer Morgen mit rasch anwachsender Wärme gefolgt, und die weite, mächtige Flut dort unten zeigte dort ein neues Bild. Auf den Wassern ruhte noch schwerer Frühnebel gleich weißen, wogenden Wolken, und aus ihnen tauchten die fernen Vorgebirge auf, scheinbar von ihnen getragen. Schifferbarken, mit großen, dreieckigen, griechischen Segeln zogen geheimnisvoll, vom Nebel halb verborgen, über die ruhende Flut, und durch die Lücken in den wallenden Molken blickte der See wie ein zweiter blauer Himmel, nur dunkler, als der andere über ihm — hervor. Von Een aber beglänzte die Sonne das alles und arbeitete Mit ihren Strahlenwaffen an der Vernichtung des Nebels.
Edith atmete tief; es war ihr, als könne sie all trinken, Zugleich lächelte sie - ein stilles, P'Ij., Lächeln. Sie hatte den Tust der Lorbeerbäume in sich gesogen, die diesen ganzen Weg an seinen Rändern ^bötsüe^en, ihn mit leichten Schatten bestreuten und aro- matl;chen Hauch über ihn ergossen, während um ihre Stamme her die weißen und blauen Veilchen zahllos erblühten. Tie mischten einen sanfteren zarteren Duft in den kräftigen Atem des Lorbeerbaumes, doch achtete Edith ihrer heute nicht. Sie griff in die Höhe und faßte einen Niederhangenden ytoetg des harten, blanken, im Sonnen- sll;ein blitzenden Laubes. Dabei blieb das heitere Lächelu aus ihrem Gesicht, und ihre Gedanken wanderten rückwärts um einen ganzen Tag. Ta war sie Rauchmann hier be- gcgnet an dre;er selben Stelle, während er zum erstenmal, ohiie viel umherzuschauen, die Gegend durchstreift hatte. Nicku einmal das hatte er gewußt, daß er hier unter Lorbeeren wandelte; ein Scherz von ihr erst hatte ihn darauf hingewiesen. Da war er denn freilich lebenmg geworden. „Lorbeer, wahrhaftig? Echter, richtiger Lorbeer, wirklich solcher, von den: man--?" Er hatte
jeme Frage nicht vollendet, sie aber hatte gelacht, wie sie retzt m der Erinnerung lachte, und hatte gesagt: „Echter, wahrhaftiger Lorbeer, von dem man die Kränze macht; der Baum, der extra für die Künstler wächst. Und hier für Sie das verdiente Abzeichen." Dabei hatte sie einen knos- penvesetzten Loroeerzweig gebrochen und ihm dargeboten; er halte ihn genommen und auf seinen Hut gesteckt und ihr gedankt mit herzlichem Ton. Heute morgen aber hatte sie schon gesehen, daß er den Zweig noch immer auf seinem Hute trug. Sollte sie ihm abermals zürnen wegen des neuen Zeichens von Künstlereitelkeit? Nesi-, sie fing an, ein wenig milder darüber zu denken; warum sollte er es mcht lieben, das immergrüne, schöne Symbol seines Ruhmes? Und vielleicht war es ja auch nicht nur Eitel- *5«■ allein, was ihn den Zweig am Hute tragen ließ, vielleicht liebte er ihn nicht nur, weil es ein Lorbeer War, vielleicht —
Jetzt verschwand das Lächelu aus ihren Zügen; sie wurde rot, obwohl niemand sie sah, und schüttelte mißmutig den Kopf, als zürne sie über sich selbst. Rasch ging sw vorwärts und hatte das schwerhörige Fräulein b Augeholt, das ängstlich stehen blieb, sobald es sich vhne Begleitung sah. Nun schritten sie nebeneinander den Weg entlang durch Sonnen- und Schattenspiel, vom Lorbeer und Veilchendust umwehst,
von den blauen Augen des überall wuchernden Jmmer- gruns fteundlich angeschaut. Nicht lange, so tauchten die grauen, ruinenhaften Mauern des Torfes Bezznglio aus dem Grün hervor, hier und da vom rötlich blühenden Mandelbaum mit Frühlingsschimmer umwoben. Durch den kalten Schatten der Hauswände hindurch ftihrte der Weg der beiden, ein wenig abwärts dann und nun hinaus in den vollen, freien Sonnenschein. Auf ebenem Pfade hoch oben an der einen Wand der Bezzugliv schluckst wandelten sie in dem warmen Licht, heimwärts gewendet, dem See entgegen. Bei einer Biegung des Weges, wo der Blick weit umherschwetfen konnte, stand eilte Bank. Hier machte Edith den Vorschlag, zu rasten, und ihre Begleiterin erklärte sich nach ein paar Antworten, die sich auf weit entlegene Tinge bezogen, gern einverstand ein ' Sie trug Verlangen nach ihrer Zeitung, hüpfte — sie wurde ganz jugendlich hier iit den Bergen — an der anderen Seite des Weges ein Stückchen des terrassierten Abhanges hinunter und setzte sich in einer gelben Wildnis der Primnla aeaulis nieder.
Edith hatte die Bank für sich allein und war sehr zufrieden. Wie ost hatte sie hier schon gesessen und in diesem Anblick geschwelgt, aber noch niemals — das fühlte sie — mA so empfänglichem Herzen, in dessen freudigen Genuß ein leises, unbestimmtes Sehnen geheimnisvoll sich mischte. Ihr zu Füßen senkte sich die eine Schluchtwand erst sanft, bald aber steiler in die Tiefe zum schmalen «Wasserlauf, der, weiß von Schaum, sich durch rötliche Felsen hindurch wand. Gedämpft klang sein Rauschen bis hierher, sonst lag das tiefe, sonnige Schweigen der italienischen Natur, das kaum durch einen Voqellaut gestört wird, über der Landschaft. Geräuschlos flogen weiße, braune und gelbe Schmetterlinge vorüber, und nur zuweilen tönte aus Gras und knospendem Strauchwerk am Abhang hinter der Bank ein feines Rascheln hervor, wenn eine der flinken Lazerten den Sonnenschein suchte. Wie schön war das alles, wie fern lag das winterliche Deutschland mit seinem Nebel und Schnee! Und über die kleine, nahe, reiche Natur hinweg die andere große, mächtige, stolze. Die tiefe Schlucht wandte sich zu Ediths Füßen in schräger Richtung von ihr hinweg, erweiterte sich zu einer Art von Kessel, um durch eine senkrechte, ntächtige, gelbgrau aus Oliven- und ^orbeergrün auftauchenüe Felswand scheinbar geschlossen zu werden. Links auf der Höhe des Weges dann Bezzuglio selbst, mit seinen grauen Häusern an der Bergeslehne hängend, vom weißen Kirchengiebel in Re- naissaneeform überragt, durch die vertikal in braunen, weißen und schwarzen Streifen gemusterten Zitrvnenhäuser den anderen Orten an dieser milden Küste so nahe verwandt. Edith hatte die Bauten dieser Art zu Anfang sehr häßlich gefunden, jetzt waren auch sie ihr lieb geworden, und gern übte ihr scharfes Auge sich damit, in den schwarzen Lücken zwischen den Pfeilern und hölzernen, braunen Verschlüssen das Gold der Zitronen zu erkennenj die gleich kleinen Sternen aus der scheinbaren Finsternis innerhalb der Gebäude hervorleuchteten. Von dort stieg ihr Blick dann noch höher hinan und ruhte liebend auf dem mächtigen Amphitheater, zu dem die Berge sich hier emportürmten, dorthin, wo nur ein mattes Grün zwischen Grau und Weiß noch lebte, und rotbraune Flecken die Stellen anzeigten, an denen Bäume ihr trockenes Laub noch festhielten wie einen verwitterten Mantel gegen den Frost, Hier unten aber das immergrüne Leben, und ganz in der Tiefe der See, — das Meer, wie ihn Edith zu nennen pflegte, — von dem die Sonne den Nebel fast schon hinweg getrunken hatte, so daß nur noch an einzelnen Stellen ein durchsichtiges Weiß in Streifen und Flächen über der blauen, dunkel heraufleuchtenden Flut kaum erkennbar mehr schwebte.
Wohl eine halbe Stunde lang hatte Edith so gesessen, als der Don eines Schrittes, von rechts her sich nähernd, sie aufhorchen ließ. Noch konnte sie niemanden erkennen^ die Biegung des Weges entzog den Kommenden dem Auge, — warum nur klopfte ihr das Herz? Und warum klopfte es noch stärker, als eine Gestalt jetzt nahe vor ihr erschien, in der sie Rauchmanil erkannte? Er sah sich nicht gleich; seine Blicke waren zu Boden gerichtet, er schien sehr ernst und ging nur langsam vorwärts. Erst als er unmittelbar vor der Bank angekommen war, schaute er empor, doch heiterte sein Gesicht nicht auf; mit einer gewissen feierlichen Höflichkeit hob er die Hand «n den Hut und iagte:
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