1903.
Mttwoch den 11. Movemöer
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(Nachdruck verboten.)
Uschemädche« non der Bretizie.
Von B. W. Howar d.
(Fortsetzung.)
, An den Fliederbüschen vorbei, durch den Torweg, in dem sie an jedem frostigen Wintermorgen auf ihn gewartet hatte, eilte sie in wilder, blinder Hast. Dunkle, unheimliche Gestalten schienen nach ihr über die Mauer zu langen. Sie knixte höflich vor ihnen. „Ihr Schatten, ich fürchte mich nicht, vor euch, wenn ihr nur keine Gesichter habt, ich bin ja Guenn Rodellec, die sich noch nie gefürchtet hat. In Plouvcnec kennen sie mich alle." Ihre Stimme klang so fremdartig, sie floh, um die Schatten los zu werden, aber sie folgten ihr auf dem Fuße, über alle Mauern bogen sie sich zu ihr herab, und — heilige Mutter Gottes — sie hatten alle Gesichter — und alle dasselbe böse Gesicht, das so höhnisch zu ihr gesagt hatte: „Er ist für immer fort." Schneller und schneller lief sie: „Ich muß etwas suchen", dachte sie, „ich kann mich jetzt nicht darauf besinnen, weil mein Kopf so heiß ist. Ah — richtig, es war sein schönes Gesicht. Ich finde es Wohl noch, aber es wendet sich ab."
So kam sie hinab an den Strand. Der Sturm sprach mit tausend Stimmen zu ihr, unaufhörlich stöhnten die brandenden Wogen. „Ich höre eilch alle", sagte sie lächelnd, und streckte die Arme aus gegen die stürinische See. „Bittet doch nicht so kläglich um Euer Begräbnis, ihr armen Ertrunkenen! Ihr macht mich traurig. Wenn ich könnte würde ich euch helfen und euch alle auf den Friedhof betten. O, ich höre euch — auf jeder Woge ist eine Seele >— Mütter, Kinder, Brüder und Schwestern, die alle einander suchen, und dann die Liebenden, — die armen Liebenden' Habt ihr auch so zu Yvonne gesprochen? Sie kam ja auch hierher, als ihr Maler von ihr gegangen war. Ob wohl M armer Kopf auch so heiß war? Ich muß meine Stirn ruylen, sonst bin ich morgen, wenn Monsieur von Lorient zuruckkehrt, nicht frisch und hübsch. Yvonne schnitt ihr schönes braunes Haar ab - Huh, wie kalt sich die Schere ansuhlte! Es reichte ihr bis an die Kniee. Sie gab es dem alten Andre, der sollte es ihr in Quimper verkaufen, weil — hort ihr auch zu, ihr Wogen? ihr sprecht selbst so viel, daß rhr kaum Horen könnt, was ich euch erzähle — weil sie keine hübschen Kleider hatte, um sie beim Neviner Gnadenfest zu tragen. Und wie sie dann tanzte, und alle auf sie schauten, da wandte er sein Gesicht ab, — er wandte sein Gesicht
Dvonnes Herz und sie stürzte sich von der Klrppe hinab rn die See. Yvonne, Yvonne! Aber es war la Guenn, die zu Nevin tanzte. Tas hatte ich vergessen, wert mein Kopf so weh tut! Guenn war die hübscheste Tänzerin in ganz Cornouaille; aber etwas brach ihr das Kerz> und da hat sie nie mehr getanzt. Guenn, bist Du dort
auf den . Wogen? Guenn, gib mir Antwort! Mein Gott! Ich! bin ja selbst Guenn!" Sie lachte laut und lange.
Tann setzte sie sich auf den wohlbekannten Felsvorsprung, wo sie damals mit Thymert gesessen, den brennenden Kopf mit den Händen fyaltenb. Noch immer riefen die Wogen nach ihr. Deutlich hörte sie Yvonnes Stimmer „Komm, Guenn, komm!" Es wäre ja auch so leicht, und der kühle Strudel würde die Glut in ihrem Kopfe lindern. Aber vorher mußte sie sich besinnen, was sie Thymert versprochen hatte. Dort hatte er gestanden, sie hier gesessen. Ja, jetzt wußte sie die Worte: „Wenn je etwas geschieht und ich- Hilfe brauche, dann werde ich zu Ihnen kommen, nach den Lannions, so sicher wie der Wind und die Wellen." Das hatte sie ihm mit einem Handschlag gelobt: „Es ist em gutes, bretagnisches Versprechen", hatte sie ihm gesagt."
„Komm, Guenn!" rief Yvonne.
„Ich kann nicht, ich muß mein Versprechen halten. Ganz, Plouvenec weiß, daß Guenn Rodellec ihr Wort niemals bricht", rief sie mit dem alten Stolze. „Der recteur und ich, wir sind Bretagner!"
„Hilfe? Ja, ich brauche Hilfe. Ich weiß nur nicht recht warum! Aber der recteur wird mir's sagen. Er war immer so gut zu mir. Ich bin unglücklich, ich weiß nicht warum. Ich verstehe nicht, warum ich so bitterlich weine, aber ich bin wirklich verlassen und allein, ich kenne hier niemand, außer der armen Yvonne. Die andern Stimmen sind so fremd. „Wenn je etwas geschieht", hat der gute curs damals gesagt, als Jeanne und Nannic lustig waren auf den Felsen. Meurices Boot kam mit vollen Segeln daher. Ein Sturm war im Anzug. Ist denn etwas geschehen. Warum weine ich denn? Wonach suche ich? — Thymert wird mir's sagen, er soll sehen, daß ich mein Wort halte. Yvonne, es macht mich so traurig, wenn ich an Dich denke, so sterbenstraurig. Hätte er nur das Gesicht nicht abgewendet. Und Deine Seele ist auf der Welle, die an die Klippen schlägt!"
Sie sprang herab vom Felsvorsprung, die Stimmen der vielen, vielen Seelen klangen ihr im Ohr, sie riefen einander zu, zu ihr herüber, ruhelos, ohne Aufhören: „Ich kann nicht kommen, ich muß mein Versprechen halten. — Was ruft Ihr mich so laut?" fragte sie vorwurfsvoll. „Ihr! seid doch auch Bretagner."
Wie ein Pfeil flog sie an den Buchten dahin, durch das stille Dorf, in dem nur noch wenige Lichter schimmerten, bis zu der dunkeln Landspitze, auf der sie wohl hundertmal das Einlaufen der Boote erwartet hatte. Den Quai entlang eilend, hatte sie bald Meurices Boot heraus gesunden und den Anker gelöst — das große, schwere Boot, das sonst mit drei Matrosen und einem Schiffsjungen bemannt war, ging mit vollen Segeln vom Land ab.
„Mein Kopf wird kühler sein, wenn ich nach den Lan- nions komme, und hier sehe ich doch auch nicht das böse, grausame Gesicht —" sie schauerte in sich zusammen — „für immer fort? Was ist für immer fort? — es ist ia aleickü


