Samstag den 8. August.

1903. Nr. 117.

(Nachdruck verboten.)

Schloß Osterno.

Ronran von S. Merriman.

(Fortsetzung.)

21. Kapitel.

Die Spinne und die Fliege.

Nelly saß ganz allein in dem großen Salon des Palars am Ende des Englischen Quais, als Paul in die Tur trat. Sie blickte ruhig von ihrem Buche auf und schaute zu ihm hinüber.Waren Sie heute aus?" fragte sie.

Ja, wir haben Besuche gemacht."

Er trat näher, blieb mit auf dem Rücken verschränk­ten Händen neben ihr stehen, und blickte ins Feuer.

Meine Erfolge in der Gesellschaft sind nicht gerade glanzende zu nennen", sagte er lächelnd.

K Sie. ließ das Buch in den Schoß fallen, verschränkte berde Hande über den Seiten und starrte in die glühenden Scherte, als seien seine Gedanken dort ausgeschrieben. Ein leichtes Lächeln lag aus ihrem Gesichte, das jedoch nicht durch seme Bemerkung hervorgerufen worden war; 'e§ ]ai) aus, als lächle sie über etwas ganz anderes; was nur ihrem eigenen geistigen Auge sichtbar war.

. »Vielleicht geben Sie sich nicht die richtige Mühe", memte sre in praktischem Tone. Nelly war immer praktisch.

O doch, aber das sogenannte leichte Geplauder ist Nicht Niem Fall."

Sie wandte sich zu ihm um und betrachtete die .hünenhafte Gestalt an ihrer Seite, während abermals lenes sonderbare Lächeln über ihr Gesicht zog.

Ja, das sieht man Ihnen an", antwortete sie leise.

Ein paar Augenblicke verstrichen, ohne daß eines von ihnen sprach, und ein friedliches Schweigen herrschte.

Sie eigentlich?" fragte sie mit einer ruyrgm Stimme, wie eine, die vollauf Zeit und Muße hat. ?e<u Lanowitsch, wo wir den Baron Chauxville getroffen haben."

Ah!"

Was bedeutet dieses Ah?"

. den Baron Chauxville nicht leiden", ant­wortete Nelly m ihrer entschiedenen Art.

mich; denn ich Hasse ihn", sagte Paul.

Hat Ihre Abneigung einen Grund?"

,, Zraulein Nelly hatte einen Grund, aber sie konnte ihn Paul mcht nennen und umging daher die Frage.

P«"3cVfene den Baron besser als Sie", sagte sie Sre; an Ihrer Stelle würde ich Herrn $01,1 VteI tote möglich aus dem Wege gehen,

Er hatte sich nach einem Blick auf die Uhr erhoben.

Sie kniff die Seite ihres Buches ein, schaute plötzlich aus, ,lnd eine Sekunde lang trafen sich ihre Micke.

Es wird sich wohl schwerlich eine enge Freundschaft zwischen uns entwickeln", meinte Paul.Mer er kommt nach Thors, und das ist blos zwanzig Meilen von Osterno enbfernt.

In den Augen des Mädchens erschien ein flüchtiger, ängstlicher Ausdruck, und sie wandte sich ab, um ihn zu verbergen.

Tas tut mir sehr leid", sagte sie.Weiß Herr Steinmetz davon?"

Noch nicht."

Nelly hielt einen Augenblick inne, fuhr mit der Fingerspitze über das Muster, das sich auf dem Deckel des Buches befand, und es schien, als wollte sie noch etwas sagen. Plötzlich aber stand sie auf und entfernte sich wort­los.

Mittlerweile hatte Herr von Chaurville die Gräfirt Lanowitsch geschickt dahin gebracht, ihn zum Diner einzu­laden. Er wußte, daß man das Eisen schmieden muß, so­lange es heiß ist, besonders bei Frauen. Außerdem kannte er die Gräfin und wußte, daß sie seiner Gesellschaft bald überdrüssig werden würde; denn sie besaß ein beklagens­wertes Talent, die Unterhaltungsgabe ihrer Freunde in wenigen Tagen zu erschöpfen. Er hatte die Wsicht, die Einladung nach Thors festzumachen und dann die Gräfin für einige Zeit zu meiden.

Beim Diner spielte er den Liebenswürdigen und er­zählte eine Menge Pariser Anekdoten, die die Gräfin Lano- wrtsch sehr amüsierten und Katharina, die durchaus nicht modern war, entsetzten.

Nach dem Diner bat der Gast Fräulein von Lanowitsch, ihm etwas vorzuspielen, und öffnete den großen Flügel nn kleinen Salon mit solcher Galanterie und Beflissenheit, daß die sanguinische Gräfin, die sich bereits auf ihr Nach­mittagsschläfchen im Fauteuil vorbereitete, zu überlegen begann, in welcher Art und Weise sie ihren Schwieger­sohn, den Baron, vorstellen sollte.

Ja", murmelte sie vor sich hin.Und Katharina ist schrecklich häßlich."

Tann schlummerte sie ein.

Baron Chauxville besaß ein gutes Gedächtnis und war überdies ein fähiger, geschickter Lügner. Katharina bemerkte daher nicht, daß er absolut nichts von Musik ver­stand. Während die Wogen der Töne, die ihn gänzlich kalt ließen, stiegen und fielen, beobachtete er das häßlich« Gesicht des Mädchens, und wartete schlau, bis Katharina von der Musik beinahe berauscht war, ein Rausch, dem alle großen Musiker leicht unterliegen.

Ach, ich beneide Sie um Ihre Macht", sagte er. Bei solchen Tönen kann man sich fast einbilden, daß das Leben so ist, wie man es sich wünscht."

Sie gab keine Antwort, sondern ging zu einer an­deren Melodie über.