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Dovoukosf. Jeden Tag UM drei Uhr betrat er das Palais Und begab sich sofort in das Ateiier nach oben auf jenem Weg, den er nun schon so gut kannte. Und sie erwartete ibn schou immer voll Aufregung, sobald sie nur seinen Schritt auf der Treppe erkannt hatte.
Kaum waren die Thüren geschlossen, die Portieren herabgelassen, als sie ihn mit sich in den Hintergrund des Ateliers zog, sich an seine Seite setzte, ihre Hände in den seinigen, und ein Strom von gehasteten Worten und Fragen, die keiner Antwort harrten, entströmte ihren schönen, schwellenden Lippen:
„Was haben Sie seit gestern begonnen? Wo waren Sie? Haben Sie an mich gedacht, — immer, immer nur an mich? Ah, — die Zeit schien mir so endlos lang! Tiefe Nacht hab' ich von Ihnen geträumt. Mir Ivar, als liebten Sie mich nicht mehr; ich glaubte, wahnsinnig zu werden. Was soll der Traum bedeuten? Tu liebst mich doch, nicht wahr? Tu wirst mich ewig lieben. Ich kann ja ohne Dich nicht mehr leben. Tu bist ja mein Alles, mein ganzes Sein. Tie Welt ist mir gleichgiltig geworden. Ich mache keine Besuche mehr, empfange nicht mehr, gehe nirgends hin. Ich lebe nur, wenn Tu hier bist, hier an meiner Seite. Wenn Tu fort bist, dann bleibe ich noch in diesem Atelier, dann bilde ich mir ein, daß ich! Tich immer noch sehe. Ich spreche mit Dir, und Tu giebst wir Antwort."
Sie sprach die Wahrheit und übertrieb nicht. Sie liebte nur ihn allein, mit rasender Leidenschaft. Sie rächte sich an der Vergangenheit, — an ihrem Strebertum, an ihren Io lange unterdrückten Leidenschaften, — sie rächte sich für ite der Welt gebrachten Opfer, für ihre so lange geheuchelte Kälte, für ihre stolze Zurückhaltung, ihren Hochmut.
Wie war es nur gekommen, daß sie ihn so rasch, so Unsagbar lieben gelernt? Oft schon hatte sie versucht, sich das klar zu machen. Da sie vor ihm kerne Geheimnisse hatte und an seiner Seite oftmals ganz laut dachte, erzählte sie ihm urrumwunden, an ihn gepreßt, ihre Augen in die seinigen versenkt:
„Tu hast wir gleich das erstemal gefallen, als ich Dich sah. Ich war betroffen von Deiner zugleich mannhaften und milden Schönheit. Dein Blick, der ununterbrochen wechselt, bald wild, bald weich, — bald müde schläfrig, bald erglühend, — hatte mich durchdrungen. Ich bemühte mich Mängel an Dir zu entdecken; ich fand keine. Ich dachte mir: „Das' ist das Mensch gewordene Ideal, das ich ersehnt; so war oer, den ich als jrrnges Mädchen wir erträumt hatte, den ich mir zum Manne gewünscht hatte." Tu hattest damals die Angelegenheit Deines Freundes mit Leidenschaft vertreten, und Deine etwas langsam betonte, warme Stimme erfüllte mich mit Entzücken. /Wenn er seine Freunde bis zu dem Punkte lieben kann", sagte ich mir dann wieder, wenn er schon die Freundschaft so güt versteht, wie muß der Mann erst eine Frau tieben können."
Sie unterbrach sich, uw sich nur dichter an ihn zu schmiegen, und fuhr fort:
„Trotzdem hatte ich Dir meinen Namen verborgen, hatte ich Dich getäuscht und war Dir entflohen. Bangte ich bloß für weinen Ruf? Ich glaube nicht. Ich mußte auch einem anderen Gefühle gehorcht haben. Ich hatte Angst vor mir, vor Dir. Und als Tu mir endlich mein Bild geschickt hattest, da rief es in mir: „Taß er mich bloß aus dem Gedächtnis so ähnlich macht, daß er mein Bild so behalten hat, welchen Eindruck muß ich auf ihn gewacht haben!" Und unbewußt fühlte ich mich glücklich und befriedigt. Ich schrieb Dir dann, Tu möchtest kommen, ich wollte Dich sehen. Du kamst sofort. Welcher Empfang wurde Tir damals zuteil! Wie war ichi kalt und hart! O, heute darfst Tu Tich darüber nicht mehr wundern. Ich gab _ mir Mühe, mich gegen mich selbst zu schützen, Hindernisse, Eisberge zwischen uns aufzutürmen, doch sie zerschmolzen im Feuer Deines Blickes. Ich sagte zu Tir: „Kommen Sie wieder!" Und Tu kamst wieder. Und als wir hier stundenlang plauderten, als Tu mir Dein Leben, ich Dir das meine erzählte, da mußte ich Tich nach und nach aus voller Seele lieben, nachdem ich Tich bis dahin NUr als Künstlerin mit dem Auge geliebt hatte."
So sagte sie ihm alles^ was sie dachte, was ihr auf kein Herzen lag; und er — er ließ sie reden, ohne sie zu Unterbrechen, selig, ihr zu lauschen, in seiner Eitelkeit leise geschmeichelt — in eine Seligkeit, in jene Halbekstase ge
taucht, die sich geliebt weiß'. — Doch wachte er bald auf, um sie voll Aufregung und Ungestüm an sich zu ziehen und ihr seine Liebe in noch beredteren Wörter: zu gestehen, als sie ihm eben die ihre gestanden hatte.
Tie Frau, die bis dahin so sorgfältig um ihren Ruf bemüht war, auf ihren Namen so stolz schien, die ehedem so unendliche .Vorsichtsmaßregeln ergriffen, so tausend Listen ersonnen hatte, um sich zu Sempach nach Friedenau zu begeben, diese Frau fürchtete heute nichts mehr und hatte ihren ganzen Mut wiedergefundeu. Allerdings hatte sie Vorsichtsmaßregeln ergriffen, um sich gegen Indiskretionen und Ueberraschungen der Bediensteten zu sichern; unter dem Vorwande, sich! vor der Zugluft zu schütze::, und im Atelier mehr Schatten zu erzeugen, hatte sie im Atelier mehrere spanische Wände und große Schirme auf- gestellt, die so das Gemach in mehrere Teile teilten, kleine Zimmerchen bildeten, und zwischen der Eingangsthür und dem Hintergründe, nach dem sie sich mit Vorliebe zurückzogen, verschiedene Mauern darstellten.
„Und schließlich, was liegt auch daran!" rief sie ost. ,/Jch liebe Tich grenzenlos, und für einen solchen Mann kann man sich wohl zu Grunde richten!"
53. Kapitel.
Nie ward ein Spion besser überwacht, niemals ein Polizeiagent besser an der Nase herumgeführt, als Hesekiel von Julie Farkas. Und es ivar wirklich traurig, daß Julie Hesekiels Handwerk ohne Besoldung betrieb, indes der Beamte Sanftlebens für das {einige hohe Summen erhielt.
Schon am zweiten Tage ihres Dienstantrittes bei dem Mieter der fünften Etage wußte Julie, woher er kam, was er beabsichtigte, auf wessen Rechnung er arbeitete, kurz und gut, sie hatte ihn, wie sie sich selbst trivial ausdrückte, durch und durch „ausgesackt". Er hatte sich jedoch durch nichts selber verraten; man konnte ihm weder eine Indiskretion noch eine Unvorsichtigkeit vorwerfen. Aber diese kleine Viper war heimlich hinter ihm hergeschlichen, ohne daß er sie gesehen, hatte langsam denselben Weg verfolgt wie er, ohne daß er sie bemerkt hätte, und so kannte sie ihn nun vom Scheitel bis zur Sohle.
„Ein Provinzler?" hatte sie sich erst gesagt. „Warum nicht gar! Ein Provinzler, der hätte eine andere Wäsche, als er sie hat, und Kleider in besserem Zustand. Seine Hemden sind gestopft, und seine Kleider riechen nach der Seine; nur das, was er an hat, ist sein Eigentum, weil er es sicherlich soeben gekauft hat, und da er dessen zu seinem Dienst bedurfte. T!ann hat ein Provinzler, der in Berlin ankommt, nur einen Gedanken: Unter den Linden und in der Friedrichstraße zu bummeln, ins Theater zu gehen, Abenteuer zu suchen; mein Mann aber rührt sich den ganzen Tag nicht von zu Hause weg. Und warum? Weil ihn eine Thätigkeit zurückhält. Worin besteht diese? Tas ist leicht zu erraten: er geht um mich herum wie die Katze um den Brei, starrt mich an, versucht, mich zum Reden zu verleiten. Er hat es also auf mich abgesehen. Sobald er mich in Ruhe läßt, so schreibt er. An wen? An eiinen Verwandten oder an einen Freund? Er würde mich in diesem Falle mit dem Brief auf die Post schicken« Nein, er trägt ihn selber dahin, nachdem er ihn heimlich adressiert hat. Tas ist kein Bries, sondern nichts weiter als e>in Rapport für die, die einen solchen verlan/gen."
Diesen Folgerungen und Schlüssen folgten bald viel wichtigere Entdeckungen. Verschiedene Anzeichen hätten auch eine minder Erfahrene als Julie auszuklären vermocht. Sa z. B. ein über die Schulter Hesekiels hinweg flüchtig gelesenes Wort des Rapportes oder ein technischer Ausdruck seines Berufes, der ihm plötzlich entschlüpft war, oder ein Stück Papier, das er in der Tasche vergessen hatte, als er Knall und Fall packen mußte, oder auch eine buntfarbige Auszeichnung im Knopfloch eines alten Rockes, die sie bemerkt hatte.
Ta sie trotz ihres genugsam verwerteten und reichlich ausgefüllten Lebens immerhin noch jung war und sich infolgedessen fürchterlich langweilte und Unterhaltung liebte, spielte sie von morgens bis abends Komödie, nachdem ihr das Komödienspielen von ihrem Spießgesellen schon längst beigebracht worden war. Sie hielt es für eine Ungerechtigkeit, daß sie ihn so genau kannte und er von ihr gat; nichts wußte, und deshalb begann sie, ihm ihr Leben zu erzählen. Ihre Eltern, die einst sehr reich gewesen waren. Hatten ihr eine vortreffliche Erziehung augedeihen lassen und waren, nachdem sie sich auf der Börse zu Grunds


