Freitag den 17. Januar.
Nr. 9.
1902.
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ieles Lesen macht stolz und pedantische viel Sehen macht weise, verträglich nnd nützlich. Lichtenberg.
(Nachdruck verboten.)
Verschollen.
Original-Erzählung von M. Ludolfs-
(Fortsetzung.)
Diesen weitgehenden Vorsätzen entsprechend, arbeitete Clarita unermüdlich, soweit es ihre Kräfte nur zuließen, wobei sie es nicht verschmähte, noch einmal Schülerin zu werden, um ihr reiches musikalisches Talent auszubilden, ihre klangvolle, schöne Stimme zu schulen. Beides sollte ihr helfens ihr Mittel zum Zweck werden, da gerade in Rußland, wo Musik und Musikunterricht solch angesehene Rolle spielen, ihr vervollkommnetes Talent sie am leichtesten dem vorgesteckten Ziele zuzuführen vermochte. Dieserhalb wandte sie ihrer musikalischen Ausbildung volle Aufmerksamkeit zu. Um Versäumnisse in der Beziehung nachznholen, war gerade Wien der rechte Ort. Clarita nutzte mit eisernem Willen und Fleiß dies aus; binnen kurzem war sie nicht nur die eifrigste, sondern auch die bevorzugte Schülerin eines berühmten Maestro, der ihr bereits — gelegentlich von ihrer bevorstehenden Reise nach Petersburg hörend — Empfehlungen an dortige Musikgrößen versprochen, ja, Empfehlungen, das war's, dessen sie bedurfte, nm jung, unbekannt und allein, nicht in der Weltstadt an der Newa zu verschwinden, insbesondere bedurfte sie deren, die ihr den Weg zu den glänzenden Salons der vornehmen Petersburger Welt etwas kürzten und ebneten.
Gerade in dieser Beziehung sollte ihr Schwester Stefanie Beistand leisten. Diese hatte in ihrer stillen hingebenden Thätigkeit für andere ihre Clarita auch keineswegs allein arbeiten lassen, und der Oberin des Klosters Bemühungen hatten bei den Mitschwestern, in deren Kreis so ziemlich älle Nationen vertreten waren, solch' bereitwillige Unterstützung gefunden, daß das Gewünschte bald erreicht ivar.
Eine der Ordensfrauen, die eine Schwester an einen deutschen Legationsrat in Petersburg verheiratet hatte, sowie eine andere, eine Polin, deren Verwandte dort lebten, stellten gern der jungen, heimatlosen Fremden als einem einstigen Zögling ihres Ordenspensionates empfehlende Briefe zur Verfügung, die Clarita in der fremden großen Stadt, auf einem ihr völlig unbekannten Terrain einen Kalt zu geben vermochten. Jedenfalls gab das Bewußtsein, die Freundin mit zwei guten Empfehlungen ausgerüstet zu wissen, der treuen Stefanie einige Beruhigung, K näher der Tag der Trennung kam. Nur die unabweis
bare Notwendigkeit hatte Clarita denselben hinausschieben lassen; sowie jedoch ihre Gesundheit sich ausreichend gestärkt zeigte, setzte sie denselben fest, und so stand sie denn eines schönen Herbstmorgens ausgerüstet mit allem, was die guten Ordensfrauen zu geben hatten, scheidend auf der gastlichen Schwelle, die sie zwei Monate früher krank und elend überschritten.
Nun war an die Stelle jener tiefen Ermattung neue Zuversicht, an die verwirrender Ratlosigkeit eine feste Willensrichtung getreten, die sich in ihrer weltabgeschiedenen Klosterstille gebildet, von wo aus Clarita auch ihre sonstigen Verhältnisse geordnet, indem sie nicht allein dem Marseiller Bankhaus bestimmte Weisungen übermittelt, sondern sich auch in Wien den Beistand eines sachverständigen Vertrauensmannes gewonnen, und sich so zu ihrer eigenen Legitimation eine Sicherheit und eine Unterstützung geschaffen hatte, auf die sie im Notfälle zurückgreifen konnte. Außer diesen, bei ihrer gänzlichen Heimatlosigkeit gewiß wünschenswerten Stützpunkten, hatte die arme Frau jedoch noch eins gewonnen, und sich zu eigen gemacht, den Glauben, der bereits bei ihres Kindes Tod gleich einem hellen Stern an ihrem dunklen Lebenshimmel ihr gewinkt, sie hinweisend auf die Allmacht Gottes, dessen Wege wunderbar sind, um die zu suchen, die ihn verlassen.
Entschuldige, o entschuldige Herr! hatte sie noch manchesmal in der stillen Klosterkapelle vor dein Altäre aus tiefstem Herzensgründe wiederholt; denn dem Schmerz war es eben Vorbehalten gewesen, ihren geistigen Blick zu schärfen, und sie zu dem Bewußtsein ihrer Schuld, ihrer eigenen Schuld zu bringen. Sie durfte nicht andere anklagen, nur sich selbst. Dabei stand eine Lehre, die ihr einst vor Jahren Don Jose gegeben hatte, lebhaft vor ihrem Geiste: „Nutzlose Magen helfen nimmer: Hast Du den Mut gehabt, ein Unrecht zu begehen, so habe auch den Mut, es zu sühnen, durch starkmütiges Ertragen seiner notwendigen Folgen."
Das war's, was die junge Frau wollte in hochherziger Treue und Ausdauer, dabei bauend auf die Barmherzigkeit Gottes. In diesem Sinne hatte ihre ganze Geistesrichtung sich geläutert; an Stelle maßlosen Schmerzes und leidenschaftlicher Verzweiflung war mitten in ihrem Summer etwas von dem inner« Frieden über sie gekommen, der die Schwachen stark macht, und in aller Verlassenheit Mut gewährt durch das Bewußtsein: „Wo alle Menschenhände zu kurz sind, da ist Gottes Hand noch lang genug." .....
Jene Zuversicht belebte Clarita angesichts des Unternehmens zu dessen Ausführung ihre thatkräftige Natur so unabweisbar drängte, um so mehr, weil auf alle unter der Hand versuchten Erkundigungen nach Alexis bte. Antworten ausblieben. Nich um einige Kunde, um keinerlei Auskunft über das Geschick des Verschollenen war die arme Frau reicher geworden, da sie nun Abschied «ehmenv!


