Ssmsiag den 15. November.
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1902. — Nr. 170.
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(Nachdruck verboten.)
Die Viper.
Nach dem Französischen bearbeitet von H, Revel,
(Fortsetzung.) ,L; ifT-J LJIJ l<l
66. Kapitel. ■"'! T~' 'r
Mit einigen Worten unterrichtete Müller Herrn Sänft- leben von dem Vorgefallenen. Er war so rücksichtsvoll, cheder über Hesekiel zu scherzen, noch Sanftleben daran zu erinnern, daß er von Anfang an in diesen Agenten, der für die Ueberwachung eines jungen und hübschen Mädchens zu jung und zu feurig war, kein rechtes Vertrauen gesetzt hätte. Nein, im Gegenteil, er beschuldigte sich selber wegen der Flucht Minnas, indem er zu Sanftleben sagte: „Wäre ich statt meines letzten Spielwurfs früher gekommen, hätten wir selbst schon einen stolzen Sieg errungen."
„Sie glauben also entschieden, daß dies Mädchen diese That vollbracht hat?" fragte Sanftleben.
„Ich bin vollkommen überzeugt davon."
„Weil sie durchgebrannt ist?"
„Das ist, Sie werden mir zugeben, ein schwerwiegendes Moment. Mer ich habe noch bessere Gründe, daran zu glauben, — und diese Gründe, Herr Sanftleben, veranlassen mich, Sie um eme Gefälligkeit zu bitten."
„Sprechen Sie! Wenn ich imstande bin, sie zu leisten
„O, es hängt von Ihnen allein ab. An dem Tage, da ich mir von Ihnen die tausend Mark als Vorschuß genommen habe, verpflichtete ich mich, auf Ihre Rechnung zu arbeiten. — Nun denn, so erlauben Sie mir, Ihnen diese Summe in Teilbeträgen, in Monatsraten zurückgeben zu dürfen, und fordern Sie nicht von mir, Ihr Angestellter zu werden."
„Ja, weshalb denn um aller Heiligen willen, lieber Müller."
„Weil mir soeben, als ich mich mit dem Mädchen Minna zu beschäftigen hatte, und ich bemüht war, herauszubekommen, wer sie wäre, eine Unmenge von Erinnerungen ins Gedächtnis zurückgekehrt sind, und mich gleichzeitig eine heftige Sehnsucht nach meinem ehemaligen Geschäft wieder gepackt hat."
„Aber, Herr Müller, Sie können es ja doch bei mir auch ausüben."
„O, das ist nicht dasselbe. — Sie sind zu verständig, um das nicht selbst einzusehen. Agenturen, wie die Ihrige, lieber Herr Sanftleben, sind Unternehmungen auf eigene Faust, Privatunternehmungen, die den Zweck haben, entweder die Direktion oder die Angestellten zu bereichern. Die eigentliche, wahre Polizei im Gegenteil I)at absolut kein materielles Interesse. Sie stellt sich nur bte eine Aufgabe, die ehrlichen Leute gegen hie Schurken zu schützen.
Tas sind alles pflichtgetreue Beamten, die nicht nur deshalb arbeiten, weil sie dafür bezahlt sind, sondern weit sie Interesse und Liebe für ihren Beruf zeigen. Sie sebett täglich ihr Leben zehnmal aufs Spiel, in rhnen lebt das Bewußtsein strengster und unerbittlichster Pflichterfüllung, und, — wo es ihre Pflicht gebietet — scheuen sie weder! Entbehrungen noch Angriffe Unverständiger, die eben vom ganzen Apparat unserer Polizei keine Ahnung haben. Und! vor allem, mein verehrter Herr, werden Sie unter den Beamten der wirklichen Polizei absolut keiner Taktlosigq feit begegnen. Ausnahmen grebt es ja überall, und solche, werden von den oberen Behörden sofort schonungslos! eliminiert. Wer einmal mit den Beamten unseres Kri- minalapparates zu thun gehabt hat, wird ruhigen Und! ehrlichen Gewissens bezeugen können, daß man feine, takt-i volle und liebenswürdige Menschen vor sich hat, Menschen von Mldung und Anstand, die gerade deshalb von Verbrechern und derartigem Gesindel gefürchtet sind, weil! diese wissen, daß zwischen ihnen und jenen ein tiefes Abstand liegt. Nur vor Ungebildeten hat der Verbrecher! keinen Respekt. Tie Detektives Ihrer Anstalten aber, die kleinen wie die großen, sind heutzutage durch die Bank! selbst von Dummköpfen oder von Verbrechern verachtet und genießen bloß die Achtung aller derer, die sie gut und genauer kennen. Jeder weiß, daß sie für mäßige Besoldung von- feiten des kleinsten Gewerbetreibenden das chwierigste und härteste Handwerk der Welt betreiben und tündlich ihr Leben riskieren. Nun, sehen Sie, Herr Sanft-, eben, lassen Sie mich wieder mein altes Geschäft ergreifen. Es ist einmal für mich und ich bin für jenes! geschaffen. Ja, ich weiß wohl, daß ich bei Ihnen mehr verdient hätte — aber, mein Gott — sehen Sie, ich glaube, ich habe einmal nicht die Bestimmung, reich zu werden. Das Roulette hat es mir deutlich genug bewiesen."
„Sie wollen also meinen Kunden, von Sempach, aus- geben?"
„O nein, im Gegenteil, ich werde für ihn arbeiten, und zwar besser, als man es bisher gethan hat — abey mit einer Karte in der Tasche und auch wahrscheinlich, mit Vollmachten —, nicht mit Geldvollmachten, sondern mit Verhaftsbefehlen."
„Dann gehören die 1000 Mark Ihnen. Sie brauchen mir dieselben nicht zurückzugeben. Ich werde sie Herrn! von Sempach verrechnen."
„Nein, nein, bitte, auf keinen Fall. Sie haben mich nicht verstanden. Von dem Moment ab, da ich nicht mehr in Ihren Diensten stehe, — da ich wieder in den Kriminals dienst zurückkehre, d. h. wenn man mich noch haben will, nehme ich von keinem Menschen mehr Geld an; ich stehe bann im Dienst und damit basta. Lassen Sie mich wieder etwas moralisch emporklettern. Man srnkt sehr tief, wenn man Roulette spielt."
„So handeln Sie denn, mein lieber Herr Müller, wie Me wünschen." ' ‘


