Nr. 7t
1902.
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W ast du gehorchen gelernt, so wirst du zu herrschen versteh'n.
Salon.
(Nachdruck verboten.)
Die Möve.
Roman in zwei Bänden von Zacharias Nielsen. Autorisierte Uebersetzung aus dem Dänischen von Mathilde Mann.
(Fortsetzung.)
Drüben auf Holmstrupshof wartete eine große, fette vierzigjährige Jungfrau auf ihn. Thomas hatte lange in aller Stille eine aufrichtige Liebe zu — ihrem Geld sack gehegt. Schließlich wurden seine Gefühle so heiß, daß er einen reinen Kragen umband, den Stab in die Hand nahm und hinüberwanderte, um die Besitzerin des großen Geldbeutels noch einer letzten Besichtigung zu unterwerfen: im selben Augenblick aber, wo er den Blick auf die bleichen Mangen und die beiden wurmzerfressenen Schauzpfähle warf, die ihr ans dem Unterkiefer vorragten, schob sich der Kopf eines jungen Mädchens, den ein blaues wollenes Tuch umrahmte, zwischen ihn und die Jungfrau, und mit einer nichtssagenden Ausrede, daß die Frühlingsluft einen doch ganz matt in den Beinen mache, warf er sich in einen Schaukelstuhl.
Abermals ging er eine Zeitlang umher und träumte.
Jedesnral, wenn er in die Stadt kam, und das Pflegte mehrmals wöchentlich zu geschehen, hatte er einen Korb leerer Flaschen auf dem Wagen.
Am besten befand er sich des Abends, wenn er zu Bett gegangen war und sich selbst in den Schlaf fang,während Der Wein und der Rum ihm heiß durch die Ädern liefen und bengalische Flammen über seinem Gedankenleben entzündeten.
Sein Vater war der einzige auf dem Hofe, der einigermaßen den Kopf oben behielt. Wie immer zeigte seine Nase geradeaus, der Kopf mochte noch so tief im Kragen stecken. „Wir müssen uns wirklich bemühen, an unserer alten, heiteren Lebensbetrachtung festzuhalten", lautete sein stete Ermunterung Thomas gegenüber. „Mein alter Schulmeister lehrte mich ein Wort von dem weisen König Salomo: „Es kommt alles auf Zeit und Glück an", — das ist ein gutes Wort, daraus hab' ich manchmal Trost geschöpft." An jenem Tage, als ihm Thomas verblümt zu verstehen gab, daß er jetzt hingehe und um Karoline werbe, wurde der alte Mann so jugendlich und mobil, als sei er plötzlich in den Wandelstern Venus versetzt (wo ein Mensch nach Aussage der Sternkundigen bekanntlich ein Fünftel seines Gewichts verliere« soll); als Thomas aber schlendernd heim
kehrte und erzählte, jetzt sei er da drüben gewesen, aber ev wisse nicht, wie es zugehe, sein Appetit sei doch nicht so recht nach der Art — da hatte der Mte die Nasenhaut in; die Höhe geschoben und den Kopf geschüttelt. „Ja, ja, wir finden schon eine — hm, — hm!"
Als der Frühling ins Land zog, meldete sich ein neues Unglück, indem der unruhige alte Mann ein Bein brach; es war das zweite Mal, daß dasselbe Schienbein dran glauben mußte. Er hatte auf dem Rücken eines vierjährigen Fohlens! über einen breiten Graben setzen wollen, war aber abgeworfen worden und hatte das eine Bein gebrochen und das andere verrenkt. Er lag volle sechs Wochen und hielt während der ganzen Zeit standhaft an seiner Lebensanschauung fest . Als er aber wieder aufkam und hinter den Kälbern herlaufen wollte, verweigerten ihm seine Unterthanen den Dienst, und da der alte Mann unter keiner Bedingung seine täglichen Besuche bei den Tieren des Feldes aufgeben ivollte, sah sich Thomas genötigt, einen Rollwagen zu kaufen, den er meistens selbst schieben mußte.
So ging denn Thomas Rabe tagaus, tagein umher, die beiden alten Brüder pflegend, bald den einen während seiner stöhnenden Gartenwanderungen stützend, bald den andern über Gras- und Kleefelder rollend.
Im Juni wurde ein Posten von zwanzigtausend Kronen gekündigt, der auf dem Hof stand.
Wermals reiste Thomas umher, um Geld zu schaffen, bald in die Provinzialstadt, bald nach Kopenhagen. Geld brachte er nicht mit nach Hause, aber die Getränke flössen reichlich, wohin er kam.
„Ja, ja, dann müsse es mit dem ganzen Krempel gehen, wie es wolle — bitte schön: die Mühle —.beide Mühlen — die Bäckerei, der Hof und das Gut, die ganze Bescherung!"
Endlich gelang es der Fürsorge des Vaters, drerß-lg Tonnen Land zu verkaufen. Hierdurch wurde nicht allein der eine Schuldposten, sondern auch noch verschiedene andere kleinere Forderungen gedeckt. Wer der alte Müller meinte an dem Tage, als er zum letztenmal vor dem Verkauf das Feld beschaute: „Hm, hm! Ja, ja! Die „Konturen" können sich ja wieder heben!"
Dann ging es wieder eine Weile, aber Thomas erkannte nur' zu gut, daß sich die „Konturen" nicht heben würden; es war nur eine Frage der Zeit, wann all das andere nachfolgen würde. Er saß zu tief drin!
Am peinlichsten war ihm unter diesen pekuuiärenSchwie- rtgfeiten der Anblick des Gerippes da oben auf dem Hügel. Er wünschte, daß irgend ein hergelaufener Bandit durch vernünftige Anwendung eines Streichholzes ihm das Gespenst vom Halse schaffen und ihm die Summe in die Hände spielen möge, für die es versichert war. Oder daß doch der liebe Gott ein Einsehen hätte und einen Blitzstrahl tn das Holzwerk sendete! Aber das that er wohl kaum.
Mit der alten Frau ging es sehr zurück. In der Regel saß sie still in ihrem Lehnstuhl und strickte. Sie klagte


