Freitag den 10. Januar.
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1902. — Nr. 5.
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<^Wo sind sie! Ja, das ist so ihre Art!
Mch Was lebt mit ihnen, achten sic gering,
Und zerren dran und treten cs mit Fußen!
Was ist, gilt nicht, nur was da war, ist heilig.
__ Halm.
(Nachdruck verboten.)
Verschollen.
Original-Erzählung von M. Ludolfs.
(Fortsetzung.)
„Die Madonna wolle unserer teuren Signora barmherzig sein, und ihr Thränen erbitten! — sie geht sonst an ihrem Kummer zu Grunde" sagte Bianca drunten im Gärtchen zu ihrem Franzesco, unterdem sie ihm erzählte: wie unheimlich starr die wunderschönen Augen der Herrin sie jedesmal anblickten, wenn sie es wage, das totenstille Gemach zu betreten — sie beginne bald iick au fürchten, verlassen aber lverde sie die Signora doch nie-' Franzesco belobte dies ihr Vorhaben mit leisem Vorbehalt, seine Hauptaufmerksamkeit aber richtete sich auf die Erzählung von dem geheimnisvollen Brief. Der war diesmal nicht aus Frankreich, sondern weit aus Deutschland gekommen und hatte den Poststempel Breslau getragen. Das hatte ihm der Bote bereits verraten, sonst freilich wußten weder er, noch Bianca kein Sterbenswörtchen weiter, um einen Halt auf denl weiten Felde der Vermutungen zu finden, das sich vor ihnen aufthat.
Darüber schwatzten sie dann tapfer, und kamen endlich, nachdem sie alle denkbaren und undenkbaren Möglichkeiten erwogen, darin überein, Franzesco solle diese Nacht in Nikolo's Hütte bleiben, um für alle Fälle bei der Hand zu sein; denn, erklärte Bianca's redselige Zunge: bei der Exzellenza ihrer stillen Verzweiflung sei's nicht geheuer, und wenn dem Prinzips in der Ferne ein Unheil zugestoßen sei, es könne niemand dafür stehen, daß die Signora hier sich nicht selber ein Leid anthue — da sei es doch ein Trost, Franzesco in der Nähe zu wissen! Und erst, als sie dieses Trostes versichert war, kehrte sie einigermaßen beruhigt in das kleine Haus zurück.
Während die beiden jungen Leutchen in dem kleinen Garten nicht müde geworden waren, fremdes Leid zu erörtern, und droben in dem stillen Gemach ein anderes junges Menschenherz einsam mit seinem wilden Weh rang, breitete sich ruhig die Nacht über das weltabgeschiedene
r111*3 ,®n dkm hohen, azurblauen Himmel zogen all- wieder die goldenen Sterne ans, zahllos, unzählbar-
Erfreuend und tröstlich grüßten sie die schlummer
stille Erde, und die jugendliche Gestalt, die nach Mitternacht, als ringsumher kein Wesen mehr sich regte, hinaustrat auf den hölzernen Ballon. Gegen dessen Geländer! gestützt, stand Clarita regungslos, die lichten Sterne leuchteten ihr keine Freude ins Herz, ihr brachten sie keinen Trost. Ihr Stern, ihr heller, glänzender Stern, der sie fortgelockt aus einer schuldlosen Kindheit, und einer glücklichen Heimstätte, er. war erloschen, versunken in finsterer Nacht.
Für sie blieb es finstere Nacht rings umher, gleichwie in ihrer sturmdurchtobten Seele. Sie starrte wob' empor zn dem wunderbar schönen Firmamente, aber, kein Hauch einer weicheren Gemütsregung spiegelte sich' in bleichen Zügen —. dieselben schienen wie versteinert- Wer.le sie sich gegen, die innere Empfindung, welche zurückwieS aus die verachtete Mahnung: „Einst wirst Du erkennen, welche Liebe Dich umgab, und welchen Wert die Treue wahrer Freunde hat, und wie die weite Welt die Nächsten nicht ersetzt?" Vielleicht! doch nein, sie wandte sich nicht zurück- Allen Trostes bar, mochte ihr stolzes Herz brechen — was kümmerte sie mehr die ganze Welt, wen» ihr Alexis —
Ju diesem Augenblick fühlte die tief in Gedanken .Verlorene plötzlich ihre Schulter berührt- Unwillkürlich zuckte sie zusammen, und sich hastig umwendend, sah sie Dominica vor sich- Ließ das Silberlicht des MondeA deren Antlitz so weiß und verstört erscheinen? Nein, ihre Lippen bebten: „Exzellenza — das Kind!"
Dies Zauberwort brachte die Verzweifelnde zu sich. Sie hatte ihrer kleinen Dolores völlig vergessen- Seit Gott ihr dies Kleinod geschenkt, war noch kein Abend gekommen, ohne daß. sie ihr. Töchterchen geküßt und geherzt hätte — bis heute, wo sie in leidenschaftlichem, sündhaftem Schmerz alles vergessen, selbst ihr Kind. Schwer fiel ihr dies auf die Seele- Hastig rief sie: „O, meine kleine Dolores, was ist mit ihr?"
„Sie leidet unter Zahnfieber", lautete die gepreßtö Antwort, „Ich befürchte Krämpfe, Signora!"
Mit der wachgerufenen Mutterliebe wurde Clarita sich jäh des Schatzes beivußt, für den es sich wohl noch zu leben lohnte- Ungestüm eilte sie in das Nebenzimmer au das Bettchen der Kleinen- Leises Wimmern klang ihr entgegen, des Kindes zarter Körper wand sich in Schmerzen — die befürchteten Krämpfe hatten sich bereits. eingestellt-
„Den Arzt! dein Arzt!" rief Clarita außer sich, während sie entsetzt über die jähe Veränderung in dem verzogenen Gesichtchen ihres Lieblings diesen mit ihren Armen umfing-
Und alsdann lief wiederum ein Bote, diesmal der flinke Franzesco, nach dem Arzte, dessen Hilfe und guter Mille am Morgen so höflich kühl zurückgewiesen worden war, Monsieur Berger war diesmal schneller gefunden, er mußte nur aus tiefem Schlafe geweckt werden, doch


