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„Ms ob sie eine Königin wäre", dachte Herwarth abfällig für sich.
Er bat als höflicher Ritter um ihre Tasche nnd Ottilie fragte, wie es mit dem übrigen Gepäck stände. Bell hatte nur einen einzigen Koffer mit, der jetzt aus dem Gepäckwagen herausgeschafft wurde. Dann stieg man in eines der bereitstehenden Fuhrwerke.
Herwarth sagte sich während der Fahrt, daß er als Dritter in diesem Wagen ziemlich überflüssig war. Aber Ottilie hatte ihn um seine Begleitung gebeten. Offenbar hatte sich Ottilie mit ihrer Freundin mancherlei zu erzählen, was er nicht hören brauchte. Eigentlich begriff er Ottilie nicht — so eine Freundin zu haben. Eine unverheiratete Dame, die ohne Begleitung reiste. Bell erzählte von ihrer Ueberfahrt. Tie Fahrt von New-Jork nach Cuxhaven war bei dem schönsten Wetter verlaufen. Erst an der Elbemündnng fing Sturm und Regen an.
„Gerade so lrebe ich das Wetter", sprach sie, „mir thut es nichts. Ich bin es gewöhnt."
„Emaneipiert!" sagte er sich. Tas stand nun für ihn fest.
Sie sprach das Deutsche fließend, mit klarer, wohllautender Stimme und mit kaum merklichem Aecent. Ihr ganzes Wesen hatte etwas Sicheres, Gesetztes, Festes, was ihm aber gleichfalls unangenehm vorkam, weil es auf ein ausgeprägtes Selbsiuefühl hinzudeuten schien. Aber schließlich — was ging ihn diese Dame überhaupt an? Ottilie hatte ihm die Gewähr gegeben, daß er sich ihretwegen keine Umstände zu machen brauchte, geschweige, daß er verpflichtet war, ihr die Kur zu schneiden. Sie war nur eben eine Störung, mit der man sich also auf die angängigste Weise abzufinden hatte.
Ter Wagen war vor der Billa angelangt und hielt.
Franz, der Diener, eilte herbei, er schaffte das Gepäck ins Haus und man trät nun in den Gartensalon.
„Verzeihen Sie, Miß Cookson", rief der Geheimrat, sich mühsam in seinem Stuhle aufrichtend, dem Gast entgegen, „wenn ich Ihnen nicht entgegenkommen kann, wenn ich Sie s o unter unserm Dache willkommen heißen muß."
Durch Ottiliens Briefe war Bell auf ihren Gatten vorbereitet.
„I eh habe Sie um Verzeihung zu bitten, Herr Geheimer Rat", sagte sie, indem sie schnell an seinen Stuhl herantrat Und ihn, seine Hand ergreifend, freundlich niederzwang, mit warmer Herzlichkeit, „ich hätte bedenken müssen, welche Unbequemlichkeit ich Ihnen durcb mein Kommen verursache."
Es war etwas in ihrem Gesicht, in ihrer Stimme, was einem Hilfsbedürftigen sofort zu ihr Vertrauen einflößen mußte.
„Ich denke, Miß Cookson oder Miß Bell — wenn Sie einem ungefährlichen Manne diese Anrede erlauben — daß tote mit einander keine Komplimente und Entschuldigungen nötig haben. Blos um Ihre Nachsicht möchte ich noch bitten."
„Und ich — ich möchte Ihre Freundin werden, Herr Geheimrat, wie die Ottiliens."
„Abgemacht, Miß Bell."
„Abgemacht!"
Sie schüttelten sich die Hände wie zwei Menschen, die sofort zu guten, treuen Kameraden geworden waren.
In der Küche machte Frau Kruse inzwischen geräuschlos den Kaffee und das Abendbrot zurecht, denn man wollte diesen ersten Wend zu Hause, nicht in einem der gedrückt vollen Hotelsäle, wo man sonst die Mahlzeiten einnahm, verbringen, und Ottilie führte Bell auf ihr Zimmer hinauf.
„Nun, wie gefällt sie Dir?" fragte der Geheimrat, als er mit Herwarth allein war.
„Ich finde, daß sie uns i) er angieren wird."
»Tas finde ich nicht. Mir hat selten ein Mensch so rasch Sympathie erweckt. Und daß sie mit dem Schiffe gekommen ist, das zeigt ihre Courage. „Weibliche Kraft" heißt es bei Goethe von seiner Dorothea. An die erinnert sie Einen."
„Ich habe also einen verkehrten Geschmack", spottete Herwarth.
„Tas ist gut, dann wirst Du Dich nicht in sie verlieben." Herwarth lachte über den Spaß.
„Tärauf kannst Tu Dich verlassen."
Tas Zimmer, das für Bell eingerichtet war, lag int oberen Stockwerke. Tie beiden mit einfachen Gardinen umrahmten Fenster gingen nach der dem Garten entgegen- Letzten Westseite hinaus'. Man sah Wer die mit noch
anderen vereinzelten roten Ziegelhäusern besetzte Haide bis hinten an die Dünen, hinter denen das Meer rauschte. Auf den Tisch hatte Frau Kruse zum Willkommen ein Rosen- bouquett gestellt.
Sie waren mit einander allein.
„Hast Tu, was Tu mir versprochen hast, gehalten?^ fragte Bell zuerst.
„Da Du es nicht anders haben wolltest — natürlich".
„Und Niemand weiß, wer ich bin?"
„Niemand. Nur mein Mann."
„Er ist ein guter, ein vornehmer Mensch. Das merkt man an ihm im ersten Augenblicke und er wird mir meine Gründe vielleicht nachfühlen können."
„Tas thut er bereits, Bell. Nur mir mußt Du Dich noch erklären. Denn ich gestehe Dir, mir kommst Du etwas romantisch vor, was doch sonst nicht in Deiner Art lag."
Ottilie zog sie nieder auf das Sofa.
„Denkst Du noch manchmal an unsere Peusiotiszeit zurück?" begann Bell. „Damals war ich glücklich und zn- friedey. Damals war ich ein Mädchen wie Ihr! Wir mußten uns verlassen, mein Vater starb und nun stand ich allein in der Welt. Ich war mit einem Male eins andere geworden, eine der reichsten Erbinnen von ganz New- York. Die Veränderung, die mit mir vorging — ich kann Dir das jetzt nicht erzählen. Aus den einfachen Verhält- niffen, in denen ich wie Ihr in Dresden gelebt batte, sah ich mich plötzlich in eine Umgebung versetzt, _ die mich blendete, verwirrte. Mein Vater hatte mir einen Vormund bestellt, und damit fing das Ungemach, das ich mir jetzt nahen fühlte, an. Dieser Mann wünschte, ich sollte einen Verwandten von ihm heiraten, einen Menschen, zu dem mich nichts hinzog, der mir, je dringlicher er wurde, nur die tiefste Abneigung einflößte. Ich betrachtete mich int Spiegel, ich sah, daß ich nicht hübsch war, daß ich nichts hatte, was einem Mann an mir gefallen konnte — außer mein Geld. Ich wurde mündig, ich wurde meine eigene Herrin. Die Schar meiner Werber, die Schar der Menschen, die mich als ein Spekulationsobjekt betrachteten, wurde unerträglich. Meine Person war Nichts — mein Geld Alles. Andere Menschen, andere Mädchen sah ich um ihrer selbst willen geliebt. Mir war dies Glück verschlossen. Auch ich ersehnte Freundschaft, Liebe. Wer wenn man sie mir erzeigte — wie konnte ich unterscheiden, ob sie mir selbst, ob meinem Gelde galt. So lernte ich, die Menschen verachten und meinen Reichtum hassen. Was konnte er mir bieten? Schöne Kleider, Diamanten. Wäre ich hübsch — vielleicht hätte ich daran Gefallen gefunden. Aber ich bin nicht hübsch. Oder er hätte mich dazu verleiten können, eitel zu werden. Wer ich bin die Tochter meines Vaters und mein Vater ist bis zu seiner letzten Stunde ein einfacher schlichter Mensch geblieben, derselbe Mensch, der er in feiner armen Jugend war. Meine materiellen Bedürfnisse wären mit ein paar hundert Dollar jährlich zu befrieoigen. Meine einzigen Freuden sind noch dieselben wie damals in der Pension! Ein gutes Buch die Bildung meines Geistes, die Bewegung in der Natur und nach meinen Kräften der Armut und dem Elend aufhelfen zu können. Ich habe Millionen zu frommen Stiftungen gegeben, es war ein Trost, den mir der Reichtum gewährt hat, aber auch hier mußte ich inne werden, daß ich getäuscht wurde und daß sie in die unrichtigen Hände kamen. Laß mich nicht weiter reden. Jahr und Jahre Habe ich es ertragen. In einer goldenen Hölle habe ich gelebt. Meine Sehnsucht war, ein einfacher, ein freier Mensch zu fein. Nun habe ich das Mittel gefunden."
Bell hatte geendet. Sie erhob sich und trat ans Fenster, öffnete es und sog wie einen Odemzug der gewonnenen! Freiheit den frischen salzigen Hauch ein, den der Wind' durch den herabsinkenden Wend von den Dünen her durch die trocknende Lust trug. Sie hatte Hut und Mantel abgestreift und stand nun in einem einfachen, braunen, ganz schmucklosen Tuchkleid da, das aber ihre schlanke, edel gebaute Gestalt unbeabsichtigt znr besten Geltung brachte.'
Auch Ottilie stand auf.
„So danke ich Dir dafür", sagte sie, „daß Du wenigstens mir noch Dein Vertrauen schenkst".
Mit ernstem Blick sah Bell sie an, aber ihre Worte waren weich.
„Du! — Du warst meine Freundin, als wir von der Zukunft, die mir bevorstand, noch nichts wußten. Was könnte ich Dir geben, was könntest Du von mir verlangen,


