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III.

Ein bitteres Erwachen.

O Milon, mein Gemahl so süß, Die Flut verschlang mir Dich, Die ich um Liebe alles ließ Nun läßt die Liebe mich!

H hlan d.

Hell und strahle;..- ging der neue Tag über dem kleinen Thale der Ansa auf, hell und lockend fielen der Sonn« Strahlen in das Stübchen Claritas; sie wurden von dieser freudig begrüßt. Sie hatte trotz allen vorhergegangenen Kummers eiue erquickende Ruhe genossen. Tiefer Schlaf, jener milde Tröster der Jugend, hatte seine Macht bei ihr bewährt. Unter seinem Einfluß hatten ihre Nerven sich Sestärkt, und der getrübte Mut in ihrer Seele sich neu elebt. Ihr inneres Gleichgewicht schien wieder hergestellt. Morgenstund hat ja Gold tut Mund! wie man zu sagen pflegt. Jedenfalls flohen vor dem Goldglanze jener lichten, reinen Morgensrische aus Claritas Geiste alle trostlosen Ge­danken an den bitteren Tod, der ihr Lebensglück gestört haben könne, dient, ihr geliebter, in der Fülle von Jugend und Kraft stehender Alexis lebte, um bald, vielleicht heute, zu ihr zurückzukehren. Die Stitnme ihres Herzens sagte es ihr. Wie oft diese in dem Punkte sie schon ge­täuscht, das war vergessen; denn einzig unter dem beleben­den Hauche jener.hoffnungsvollen Vorahnung gewantt das Leben des neuen Tages Reiz für sie. Und doch stand bereits, während sie voll erneuter Zuversicht auflebte und die Ge­danken an den Tod entflohen, dieser unerbittliche Gast un­sichtbar in nächster Nähe ihres reizenden Idylls, um sachte dort die blumenumrankte Pforte zu öffnen und leisen Schrittes einzutreten.

Clnrita war in den Garten hinuntergegaugen. Sie trug ihr Töchterchen auf den Armen; scherzend spielte sie mit der Kleinen, die auf die melodische Stimme ihrer Mutter lauschte, wie auf den frischen Morgensang der Vögel, und Wohl dazwischen selber aufjauchzte. Die Wärterin, welche bereits in Mailand bei der Geburt des Kindes dessen Pflege übernommen, stand in ehrerbietiger Entfernung, dem munteren Treiben zuschauend, während der mächtige Hund stets dicht zur Seite der Herriu blieb und seinett Schützling auf deren Armen im Auge behielt. Plötzlich wandte er den Kopf, hob die Schnauze hoch und witterte in die Luft hineiu, alsdann trabte er majestätischen Schrittes dem Garteueingang zu. An der Pforte, der Grenze seiner Do­mäne, blieb er stehen.

Clarita, durch des Tieres Gebühren aufmerksam ge­worden, schante fragend den Pfad nach der Landstraße ent­lang ein Bote, augenscheinlich von der Post zu Pallanza, schritt auf demselben dem kleinen Hause zu. Der Bernar- diner erwartete ruhig dessen Nahen, seine Herrin hingegen wurde kaum des Kommenden ansichtig, als sie eilig die kleine Dolores der Wärterin übergab und jenem entgegen lief. Sie hatte sich tticht geirrt. Der Mann kam von Pallanza. Ein Brief war dorten für sie eingelaufen, und eingedenk ihrer genauen Weisung und stets freigebigen Ver­gütung, hatte man keinen Moment mit dessen Beförderung gezögert. Dennoch hielt der Bote, fei es nun aus Respekt vor dein Wache stehenden Hunde, sei es aus einem unbe­stimmten Gefühle, daß er das Ersehnte nicht bringe, fast zaghaft den mit vielen Stempeln versehenen, offenbar lang gereisten Brief der Adressatin entgegen. Diese, welche in unnennbarer Hast die Hattd danach ausgestreckt, erblaßte bei dessen Anblick. Das war das Schreiben nicht, was sie erhofft. Fremd blickte ihr das ziemlich umfangreiche etwas defekte und befleckte Couvert mit den großen, unförmlichen Buchstaben, vermittels welcher die Adresse auf das Papier gemalt war.

Fürwahr! das war nicht ihres Gatten elegante Hand- schrift. Unbekannt und doch als ob sie jene groben, steifen Schriftzüge schon einmal im Leben gesehen habe, blickten diese sie an. Ein Blitz der Erinnerung durchzuckte ihr Hirn, unterdes sie das Couvert aufriß und ihre ganze Auf­merksamkeit auf dessen Inhalt, einen unförmlichen Bogen voll großer Buchstaben konzentrierte.

Kaum jedoch hatte sie die ersten Zeilen überflogen, als ihr Blick sich hob und sie den neben ihr wartenden Boten mit gar seltsam, wirrem Ausdruck anstarrte, um fast int selben Momente schon grell und hell aufzulachen. Der Mißton in diesem Lachen klang so schrill, daß sowohl die Wärterin mit dem Kinde, wie Bianca ans dem Sixiitfe herbei­

eilten. Letztere kam gerade rechtzeitig, denn plötzlich drehte sich alles vor Claritas unheimlich leuchtenden Augen; über all' das srische herrliche Morgengrün zog ein düsterer, grauer Schleier, die niederhangenden Blütenzweige ringelten sich zu Totenkränzen vor ihrem unsicher werdenden Blick, in ihren Ohren hallte fernes, fernes Läuten und Klingen, die hohen Bäume in nächster Nähe wankten und fielen, und Clarita selbst brach mit einem dumpfen Stöhnen zusammen. Die flinke Bianca fing sie itt ihren Armen auf. Das Bewußtsein war Clarita völlig entschwunden, doch krampf­haft hielt ihre Rechte den verhängnisvollen Brief fest.

Oben in dem stillen Gemache lag mit geschlossenen Augen Donna Clarita auf dem Divan neben dem weit ge-, öffneten Fenster. Sorgsam hatten die erschreckten Leute sie dorthin gebettet, und während Bianca sich noch um die Bewußtlose bemühte, hatte sie dem Boten zugeflüstert, in die Nachbarschaft zu laufen, um Franzesko, oder falls dieser schou zur Arbeit gegangen, Nikolo herbeiznrufen.

Nikolo erschien alsbald; er war so schnell gelaufen, als seine Füße ihn nur tragen konnten, und in gleichem Tempo lies er auch bereitwillig hinauf in die Berge, um aus dem nächsten Orte den Arzt zu holen.

Unterdes blieb Clarita Stunde um Stunde in fast dauernder Ohnmacht.

Zuweilen zwar schlug sie die trockenen, brennenden Augen weit auf und blickte stumm in dem Zimmer umher.- Ueber ihre fahlen Lippen drang keine Silbe, kein Schluchzen/ feilt Stöhnen. In wortlosem Schmerz zuckte und krampfte ihr ganzer .Körper sich zusammen, und ihre Seele sie rang in stillem Kampfe mit der Verzweiflung, so oft sie wieder Wort für Wort, Zeile um Zeile des Briefes durch­buchstabierte, um dessen ganzen Sinn zu erfassen. Es ge­lang ihr kaum. Stets aufs neue verließ sie ihre Kraft, ihr Fassungsvermögen, ihre Besinnung.

Dominica, die Wärterin, stand mit Bianca ratlos da­neben; sie wußten nicht, was beginnen. Teilnahme und Neugierde hatten letztere gedrängt, sich einen Einblick in das' verhängnisvolle Schreiben zu verschaffen, aber ohne Erfolg. Die Sprache, in der es gefchrieben war, verstand sie nicht; nur ihre Herrin verstand dieselbe, verstand sie so, baß ihr Herz darüber zu brechen drohte. Umsonst mühte sich Bianca, nur ein einzig Wort ihr zu entlocken, nur ein1 Zeichen von Nachgiebigkeit oder wiederkehrender Kraft zu erlangen die arme Exzellenza wehrte jeden Zuspruchs ab, wies alle Speise und Stärkung zurück; nicht ein er­quickender Tropfen kam über ihre trockenen Lippen. Zumeist bedeckte sie mit den schmalen, heißen Händen ihr völlig farbloses Gesicht.

Die Wärterin brachte das Kind zu ihr, sie hob den! leeren Blick, starrte einen Moment die Kleine an und winkte dieselbe fortzutragen. Selbst ihre liebliche Dolores mochte sie nicht sehen, sie wollte allein sein mit ihrem Jammer.

So verrann Stunde um Stunde; der Helle, lichte Morgen neigte einem heißen Mittag zu. Endlich kam der Arzt. Nikolo hatte ihn lange suchen müssen, ehe er ihn fandt Nun betrat er das Haus. Clarita hörte die fremde Stimme, unwillig fchlvß sie die Augen. Erst als der Arzt neben ihrem Lager stand, sich zu ihr niederbeugend, da! wandte sie sich ihm, wie aus dem Schlafe erwachend, zu und versuchte möglichst gleichmütig zu sagen:Ah! Der Herr Doktor, man hat Sie hierher bemüht!"

Sie bedürfen meiner Hilfe, Signora", unterbrach Cla­rita der Doktor teilnehmend, aber die Patientin lieh ihn nicht recht zu Worte kommen. Obgleich ihre Stimme äußerst schwach klang, blieb ihre entschiedene Meinung doch leinen: Moment mißzuverstehen, da sie in herkömmlichem Tone citittoortctc *

Entschuldigen Sie, mein Herr, ich bin_ nicht krank, es wandelte mich nur eine kleine Schwäche an; ich kenne das, meine Leute jedoch haben sich erschreckt unnötigerweise.- Jch bedauere es, daß man Ihre kostbare Zeit in Anspruch genommen. Wollen Sie nicht einen Moment Platz nehmen?

Clarita hatte sich emporgerichtet, es kostete ihr offenbar Anstrengung, aber ihr Streben nach Selbstbeherrschung errang den Sieg. Kein Unberufener sollte sehen, was sie litt; sie bedurfte keines Arztes. Was sollte er ihr! Er konnte ihr nicht helfen! Nicht ihr Körper, ihre Seele rang mit Todesqualen.

Wenn Schwäche den ersteren niederwarf, was lag daran! .Sie wollte keine Hilfe! sie wollte Mr Zeit,