(Nachdruck verboten.)
Ein Staatsstreich in Hessen.
Historische Erzählung von Wilhelm Wagner.
(Schluß.)
Tie Eintretenden waren der landgräfliche Zivilkommissär, du Thil, Major Beck und Leutnant Rabe.
Der Regierungsrat verneigte sich, trat vor, und sprach ernst und gemessen:
„Herr Waltbott von Bvssenheim, regierender Graf von Hegbach und derzeit Burggraf der Burg Friedberg. Im Namen unseres erlauchten Landgrafen Ludwig X. von Hessen-Darmstadt nehme ich hierdurch von der Burg Friedberg Besitz. Tie vorgefundenen Burgsoldaten gehen als Kriegsgefangene an Hessen-Darmstadt über, während Sie, Herr Burggraf, als Gast meines großmütigen Fürsten die Erlaubnis haben, in diesem Hause wohnen zu dürfen. Ihre persönliche Freiheit soll nicht im geringsten behindert werden; auch dürfen Sie zwei Burgsoldaten als Ehrenwache behalten."
Der Vertreter der Regierung verneigte sich abermals förmlich und trat zurück. Der Burggraf hob stolz das Haupt.
„Ich habe die Erklärung vernommen, ich vermag derselben augenblicklich nur eine mündliche Protestaktion entgegen zu setzen. Seien die Herren versichert, daß, wenn man auf ehrliche Weise die Burg angegriffen hätte, man nicht herein gekommen wäre, oder nur über unsere Leichen!"
„Unser fürsorgliche Fürst hat uns streng vorgeschtieben, das edle Leben des hochgeborenen Herrn Burggrafen und seiner Getreuen zu schonen."
„Es ist gut. Melden Sie Ihrem Fürsten, daß ich sofort alle Schritte beim Kaiser und dem römischen Reich unternehmen werde, um diesen unerhörten Staatsstreich rückgängig zu machen. Ich bin überzeugt, der Kaiser wird diese Schmach rächen, die man mir angethan hat, und gegen die ich protestieren werde bis zu meinem letzten Atemzug!"
„Ich habe als Vertreter meiner Regierung gesprochen, nun will ich es als Vetter thun", sprach du Thil freundlich. „Lieber Waltbott, ich rate Dir, gieb nach. Ich bin in diesem Falle von meinem edlen Fürsten beauftragt, Dir die Versicherung zu geben, daß Tu in seinem Lande eine gleiche hohe Stellung erhalten sollst, wie als Burggraf."
Rr. 105.
W-
..... I
MM
ufrichtigkeit ist die Quelle aller Genialität, und die Menschen wären viel geistreicher, wenn sie sittlicher wären.
B ö r n e.
Statt aller Antwort schritt der Graf zu einem Schrank, und holte mehrere alte Dokumente heraus.
Hier ist die Urkunde vom 10. August 1219!" sprach er triumphierend. „Tie hat Kaiser Friedrich den Burggrafen von Friedberg ausgestellt, und danach sind wir die Herren dieser Gegend für ewige Zeiten, nicht aber Euer Fürst! Und will man noch mehr sehen? Hier sind die Urkunden vom Kaiser Rudolph, hier die ewigen Satzungen des Kaisers Albrecht vom 21. Juli 1306, hier eine Abschrift zur goldenen Bulle. In dieser bedeutsamsten aller Urkunden, erhält die Burg Friedberg neue Ehren für ewige Zeiten, und hier —"
„Genug, genug, lieber Vetter!" unterbrach der Regierungsrat den Erregten. „All diesen Dokumenten konnte ich ebenso viel andere entgegen halten, in denen gezeigt wird, daß die Burg mit all ihren Rechten und mittelalterlichen Einrichtungen eine fortgesetzte Plage für die Stadt Friedberg und die ganze Gegend ist. Deshalb muß dieses alte Institut fallen, und es ist gefallen mit dem heutigen Tage! Lieber Vetter, füge Dich dem veränderten Zeitgeist, und Du wirst es nicht bereuen."
„Niemals! Tie kaiserliche und des heiligen römischen Reschs Burg Friedberg soll nur mit dem römischen Reiche untergehen!"
„Laß uns von etwas anderem reden", meinte du Thil lächelnd. „Wo ist Deine Tochter, meine liebliche Nichte? Da steht mein Neffe, der Leutnant Hans Rabe, der sehr nach der schönen Henriette verlangt."
„Dieser Verräter wird niemals meine Tochter zur Frau bekommen! Meine Antwort kennt er ja!"
Hans trat vor.
„Herr Burggraf, Sie sagten mir neulich: Tot sollt Ihr sie haben, lebendig — nie!"
„Und bei diesem Worte bin ich geblieben!"
„Mein Gott, Sie haben doch nicht Henriette töten lassen?!"
In diesem Augenblick trat Sergeant Kreß in das Gemach, und winkte seinem Herrn triuinphierend zu.
„Fragt den Sergeanten ob meiner Handlungsweise!" „Sergeant, wo ist die Tochter des Grafen?"
„Tot könnt Ihr sie haben, Herr Leutnant, lebendig — nie!" sprach Kreß mit Würde.
„Ihr habt sie getötet!" schrie der Liebende außer sich, und riß den Degen aus der Scheide.
Der Regierungsrat trat dazwischen.
„Halt! — Was sind das für Thorheiten?! Vetter, wo ist Deine Tochter?"
„Ich habe geschworen, sie nicht lebendig in die Hände des Feindes zu geben!"
„Wie man hat hier einen Mord begangen?!"
„Sie ist verschwunden, gestorben, tot",. sprach der Sergeant stolz.


