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„Warkenthin. Bitte nehmen Sie Platz. - Womit kann ich | Ihnen dienen?"
„Cornelius Severs ist mein Name." I
Der Fremde wiederholte die Vorstellung, indem er auf dem Vornamen einen besonderen Nachdruck legte. j
Ter andere sah ihn erstaunt an: „Bitte Herr Cornelius I Severs, womit kann ich Ihnen dienen?"
Die harten grauen Augen des Fremden hefteten sich auf das Gesicht seines Gegenübers, das sie auch nicht verliehen, als die schmalen Lippen weitersprachen:
„Früher hieß ich nur Cornelius." I
Warkenthin lehnte sich hastig in den Stuhl zurück, und seine gepflegten Hände faßten krampfhaft um die geschnitzten Löwenköpfe, in welche die Armlehnen ausliefen. I
Der Fremde erhob sich langsam und legte seine knochige Rechte, aus der die dicken blauen Adern stark hervortraten, dem andern auf die Schulter und sagte, seine Stimme dämpfend: „Nun bin ich wieder da, Friedrich."
Auch Warkenthin stand nun auf, es war, als habe ihn I die Berührung des Fremden aus seiner Erstarrung geweckt. Sein Gesicht war noch blaß, ober seine Hand zitterte nicht, als er auf den Knopf der Klingel drückte.
„Sorgen Sie dafür, daß ich von niemandem tn der I nächsten Zeit gestört werde." I
Ter Diener zog sich erstaunt zurück. Er hatte also dre I Bedeutung dieses so dürftig gekleideten Menschen doch unterschätzt. I
Warkenthin ging im Zimmer aus und ab, ferne Erregung war noch nicht vorüber, mit einem Male blieb er I hart vor dem andern stehen und fragte, indes er ihm ins I Auge sah: „Und was hat Tich zurückgeführt?"
Die Not" I
Er trat zurück. „Ich glaube Dir." Er ließ seinen Blick langsam an Cornelius hinabgleiten. Das graue, stark in I Weih hinübergehende, aber noch wolle Haar, das von zahl- I losen Falten durchzogene Gesicht, die abgearbeiteten Hande erzählten keine Geschichte von Ruhe und Ueberfluß.
„Du hast also kein Glück gehabt - drüben?" _ „Trüben nicht und auch hier nicht." Der Fremde sprach ^Jch schickte ^Tir doch — reichlich — sollte ich meinen." „Das thatest Du, wenigstens anfangs; denn —" ',3a, später ging ich auf Reisen, ich war selten mehr in Deutschland," „
,Ta haben Dich also meine Briefe nicht getrosfen.
„Also nichts, gar nichts hast Du vor Dich gebracht?"
Es klang sehr mitleidslos, und der andere mußte es 1 deutlich herausfühlen; denn er zuckte zusammen, als habe ihn jemand geschlagen.
„Ich hatte kein Glück."
Glück, Glück", spottete Warkenthin. „Das sagen fte alle.' Was heißt Glück? Arbeit, Fleiß, das ist Glück." „Ich habe gearbeitet, da", er streckte die Hande vor, die braunen behaarten, derben Hände.
„Da hast Du's nicht richtig angesangen, Du hattest werter kommen müssen. Also die Tausende, die ich Dir so nach und nach schickte, siwd umsonst gewesen."
„Du konntest sie doch entbehren, ohne daß Du Not aelitten." , , , .
Cornelius Stimme klang hart, so hart, als seine Augen dreinschauten. .... . ...
„Du hast Dich nicht geändert, Friedrich, m all den Jahren. Bist der alte geblieben, ganz der alte."
„Auch mich hat das Leben hart angefaßt, — hart. Mir ist's nicht immer so gegangen, wie heul'."
„Dafür geht's Dir aber jetzt um so besser."
Tie Augen des Fremden glitten im Zimmer umher, über die geschnitzten Möbel, die seidenen Tapeten, den dicken $ ^Dir ist es auch immer Lesser gegangen, Friedrich. Du nahmst die Menschen, wie sie sind. Tu hast keinen gebebt, keinem vertraut."
Warkenthin fuhr auf: „Was weißt Du davon?
Ter andere lächelte ironisch: „Du müßtest Dich sehr verändert haben, freilich sind es nun auch schon zwanzig Jahre her oder mehr, daß wir uns trennten. — Und sie ist — Du weißt ja, wen ich meine, — glücklich geworden mit — mit Dir!"
Warkenthin bezwang sich: „Sie hat gewußt, was sie that, als sie mich nahm —"
„That sie es gern?" ...... .
„Sie war geborgen, ihr fehlte nichts, sie hat tue geklagt, sie ist glücklich gewesen."
„Gewesen?" „
„Ja ----sie starb vor acht Jahren. Sie konnte
ruhig sterben, die Kinder waren wohlgeraten — in jeder Beziehung, sie hatte ihre Pflicht gethan."
Ter andere hörte nicht auf ihn, er saß zusammengesunken da und sagte leise: „Tot — und ich habe sie nicht wiedergesehen." c , ,, ,, . ...
Nach einer Weile fragte er: „Und Tu hast mich das mcht wissen lassen?"
„Wozu? — Ich wußte ja auch nicht, wo Tu warst, und weshalb die alte Narbe aufreißen?"
„Ta müßte ich mich eigentlich noch bedanken für dre Rücksicht." m
„Sie hat von Dir gesprochen — noch manches Mal.
„Sie hat mich also nicht vergessen?"
„Nein, ich glaube, das hat sie nie. Und ich habe es Dir auch uicht vergessen. Du standest zwischen uns. Dein verfluchter Schatten siel über mein Glück." Er ballte die Faust gegen ihn. „ „ .
„Laß das alte vergessen und begraben fern, Friedrich.
Eine lange, lange Zeit ist darüber hingegangen."
„Und doch in dieser langen, langen Zett hat sie Tich nicht vergessen." .... . ..
„Und ich sie auch nicht. Ich habe feine andere geliebt.
Warkenthin trat ans Fenster und riß die Flügel weit auf. Eine warme, weiche Lustwelle strömte hinein,, der Tust der Akazien und Jasminsträucher erfüllte alle Winkel des hohen dämmerigen Raumes.
„Ich habe das Glück verscherzt, damals--"
„Tu mußtest fort, Du mußtest--"
„Freilich, Du fingst es geschickter an."
„Laß das ruhn." .
„Und doch ein Wort nur kostet's mich, Dich, von Deiner Höhe in den Staub zu ziehen."
„Tu willst mir drohen. Du —"
„Ich erfuhr's bald genug, wie Tu mich betrogen hast; drüben, wo sie mich nicht kannten — daß Tu ebenso betrogen hast wie ich und nicht nur die Bank, sondern mich. Tu plündertest den Rest der Kasse und schobst die Schuld auf mich, ich konnte mich ja nicht verantworten. Tu bliebst der Reine, Unschuldige, auf Tir ruht kein Verdacht. Dir hat auch das gestohlene Geld Glück gebracht. Und ich bin elend verkommen." ~ ■ ■ „
„Ich habe Tir geschickt, es ging tn die Tausende."
’ „Ich wollte mir das Schweigen nicht abkaufen lassen."
„Ich habe das gut gemacht dann, ich ließ mir nichts I mehr zu Schulden kommen. "
„Und doch bist Tu ein Dieb, ein Betrüger, em mein- I eidiger Schuft." . c.
Warkenthin sprang auf ihn zu: „Ich lasse Dich auf die I Straße werfen."
„Versuch es, versuch es."
„Wie willst Du jetzt beweisen, daß alles so war, tote I Tu gesagt hast?"
Er fragte ruhig und leidenschaftslos.
„Tu warst so unvorsichtig, mir selbst mal in einem I Brief zu schreiben, daß---und t - Brief ist mir
I heilig." , .
„Und diesen Brief würdest Tu nicht hergeben?"
Es klang wieder wie eine ganz geschäftsmäßige Frage.
„Nein."
„Tu kannst fordern."
Cornelius lachte auf. „Tu kaufst alles, Liebe und Ehre."
„Fordere."
„Ter Brief ist mir heilig."
„Was gedenkst Tu zu thun?"
„Ich weiß es nicht."
„Weshalb kamst Du?"
Ter Fremde lächelte: „Vielleicht wars Sehnsucht nach Tir - und----Ich will nun gehn."
Er wandte sich zur Thür..
„Wir sehen uns doch morgen?"


