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Um das Bild herum war ein schwarz-gold-grünes Band ge* schsungen.
Zu gern hätte ich gewußt, welche Bewandtnis es mit diesem Bilde hatte;chenn es nahm sich in seinem altmodischen Rahmen und verblaßt, wie es war, merkwürdig genug inmitten der sonst so eleganten Einrichtung der Villa aus.
Viele Jahre später erst habe ich aus Onkel Lothars Munde erfahren, welche Erinnerungen sich für ihn an die kleine Photographie knüpften. Wie so oft saßen wir wieder einmal auf der Veranda beim traulichen Schein der Lampe. In unseren Gläsern funkelte Onkels Lieblingswein, der rote St. Estephe. Vom Garten her drang zu uns der betäubende Duft der Lindenblüte.
Lange Zeit hatten wir uns schweigend gegenüber ge- sessen. Dann hatte Onkel Lothar plötzlich, völlig unvermittelt zu erzählen begonnen:
„Als ich die Universität bezog, war ich etwa 22 Jahre. Zu meiner Zeit begann man etwas später als jetzt das Gymnasium zu besuchen und kam demgemäß auch, ziemlich spät auf die Universität. So war ich denn stark und kräftig genug, um die Strapazen des Korpslebens ■— ich wurde schon am zweiten Tage nach meiner Immatrikulation für das Korps Nassovia „gekeilt" — zu ertragen, ohne daß mich dasselbe sehr angegriffen hätte. Nachdem ich sieben Semester flotter Korpsstudent gewesen, wollte ich mich eigentlich im achten Semester inaktivieren lassen, aus Rücksicht darauf aber, daß wir nur vier Burschen waren und keinen Fuchsen hatten, entschloß ich mich, noch; ein Semester Couleur zu tragen.
Noch nach Pfingsten, als wir schon alle Hoffnung auf neuen Zuwachs für das Sommersemester aufgegeben hatten, gelang es uns, einen Renoncen zu keilen. Otto Meßmer war noch sehr jung. Er hatte in einer kleinen Provinzstadt, dem Wohnort seiner Eltern, das Gymnasium besucht und glatt absolviert. Er war ein ausgesprochenes Muttersöhnchen, und als er erst drei Wochen nach seinem Eintritt ins Korps seinen Eltern davon Mitteilung machte, kam sofort seine Mutter nach, der Universitätsstadt, um ihr Söhnchen unseren Klauen zu entreißen. Jedoch gelang es meiner glänzenden Beredtsamkeit, die Mutter versöhnlich zu stimmen und uns unseren einzigen Fuchs zu erhalten. Ich hatte sogar das Glück, daß Otto mich zum Leibburschen wählte. Ich hatte ihn wohl darauf aufmerksam gemacht, daß noch zwei Burschen ohne jeden Nachwuchs herumliefen, während ich bereits stolz auf die stattliche Nachkommenschaft von fünf Leibfüchsen blicken konnte. Jedoch bat mich, Otto in seiner kindlich-naiven Weise so inständig, doch sein Leibbursch zu werden, da er zu mir so großes Vertrauen hätte, daß ich es ihm nicht abschlagen konnte.
Allmählich entwickelte sich zwischen uns eine warme, innige Freundschaft. Ich habe mich stets redlich bemüht, das Versprechen, das ich der Mutter des Jungen gegeben hatte, über ihren Sohn zu wachen und ihn vor Thorheiten zu bewahren, zu erfüllen, und es gelang mir, aus Otto Meßmer einen flotten Korpsburschen zu machen, ohne daß er die Schattenseiten des nach außen hin so schönen Korpslebens allzu sehr kennen lernte. Nur vor einem konnte ich ihn nicht bewahren. Er führte eine miserable Klinge, und so viel Mühe ich mir auch in- und außerhalb der Fechtstunden gab, ihm die richtige Deckung beizubringen, so war doch bei jeder Mensur schon nach dem ersten Gang die Quartseite Ottos völlig ohne Deckung, sodaß dieselbe einen Riegel neben dem anderen aufzuweisen hatte.
Anfangs waren die Eltern über das scharf gezeichnete Gesicht ihres Sohnes entsetzt, als sie aber sahen, daß sich derselbe bei uns zu einem kräftigen, selbstbewußten Jüngling entwickelte, schwand ihre Voreingenommenheit immer mehr und mehr. Schließlich wurde ich sogar am Ende des Semesters eingeladen, mit meinem Leibfuchfen die Ferien bei dessen Eltern zuzubringen.
Dieser Ferienbesuch sollte eine wichtige Wendung in meinem Leben herbeiführen. Ich lernte die Schwester meines jungen Freundes kennen und verliebte mich in sie. Als wir wieder ins Semester gingen, nahm ich Magdalenens Versprechen mit, auf mich zu warten, bis ich Assessor sein würde, und dann meine Frau zu werden.
Zunächst aber hatte ich ja noch das Referendarexamen zu machen. Ich. legte die Couleur ab, und nach zwei So-
obaleich wir uns noch, etwas nördlich von den Breiten befanden, wo dieser Wind gewöhnlich sein Ende erreicht.
Es war der heißeste Tag, den wir bis jetzt erlebt hatten. Alles, was man in der Sonne etwa mit der Hand berührte, brannte wie heißes Eisen. Das Pech in den Nahten der Decksplanken war weich wie Glaserkitt, lieber dem Deck schwebte ein bläulicher Dunst, ähnlich wie der Nebel, der frühmorgens über sumpfigen Landstrecken zu liegen pflegt. Ein tiefes, wundervoll zartes, afrikanisches Blau zog sich ohne jede weitere Schattierung über das ganze Himmelsgewölbe bis hinab zur Wasserlinie.
Den ganzen Nachmittag hindurch dauerte die Stille und mit einem Gefühl aufrichtiger Dankbarkeit sah ich die glühende Sonne, eine blutrote Feuerkugel, hinter der See versinken. Gleich darauf brach auch die Nacht herein; nur eine ganz kurze Dämmerungspause lag dazwischen.
Mein Mann hatte die erste Wache, d. h. von acht bis zwölf Uhr. Ich blieb aus Furcht vor der drückenden Hitze in der Kajüte noch bis gegen elf Uhr bei ihm. Es lag etwas »wunderbar Schönes und Anziehendes in der gewaltigen, weiten Fläche der schweigenden, schwarzen Gewässer. Hier und dort leuchtete ein schwaches, phosphorartig leuchtendes Blitzen über der Dünung, und erhöhte noch den geheimnisvollen Zauber der bodenlosen, finsteren Tiefe mit den silberglänzenden Sternspiegelbildern. Zuweilen hörte man das leise Flappen der Segel oder das seufzende Geräusch des Wassers arrt' Vordersteven, wenn die Bark schlingerte. Die Luft war entzückend kühl, und so schwer mit Tau durchtränkt, daß es jedesmal, wenn die Segel sich hin und her bewegten, wie ein kleiner Regenschauer auf das Deck herabplätscherte.
Um elf Uhr ging ich hinunter. In der Kajüte war alles still; die Lampe brannte trübe. Die Luft in der Kammer war sehr heiß, wenn auch nicht so drückend, wie ich gefürchtet hatte. Ich blikte durch das offene kleine Seitenfenster und stand noch einige Minuten in den Anblick des, kreisrunden Stückes von dem sternenbesäten Himmel versunken, das durch diese Oeffnung sichtbar war. Dann ging ich zu Bett und schlief auch sofort ein.
Ich erinnerte mich dunkel, daß Richard am Schluß seiner Wache herunterkam; mir fielen jedoch sofort wieder die Augen zu.. Er war stets sehr leise in allen seinen Bewegungen und störte mich niemals im Schlafe.
(Fortsetzung folgt.)
Bmschentreue.
Von G. Günter.
(Nachdruck verboten.)
Mein Onkel Lothar war das, was übelwollende Leute mit dem Worte „Sonderling", wohlwollende mit dem Worte „Original" bezeichnen. Allerdings war bei dem sehr zurückgezogenen Leben, das Onkel Lothar führte, der Kreis der ihm wohlwollenden wie der ihm übelwollenden Menschen äußerst beschränkt. Den Kreis der F r e u n d e bildeten meine Mutter, Onkel Lothars Schwester, und mein Vater — den der Feinde zwei alte Tanten. In ihren Augen war mein Onkel das Schreckenskind der ehrsamen Familie, und schon als Kind wurde ich von den beiden alten Damen immer und immer wieder gewarnt, nicht wie Onkel Lothar zu werden, der im Leben nichts erreicht habe, und der sogar so schlecht sei, daß er bereits „gesessen" habe. Als ich entsetzt der Mutter dieses Geheimnis anvertraut hatte, war mir erzählt worden, daß Onkel ein halbes Jahr Festungshaft wegen Duellangelegenheiten verbüßt habe. Diese Mitteilung ließ bei den unklaren Begriffen, die ich von Duell und Festungshaft hatte, meinen Onkel in meinen Kinderaugen geradezu als einen Helden allerersten Ranges erscheinen, zu dem ich mit ehrfürchtiger Bewunderung emporschaute. Onkel Lothar aber vergalt mir die Begeisterung und Bewunderung, die ich ihm entgegenbrachte, mit grenzen- lvser Güte und Nachsicht gegenüber allen losen Streichen, die ich bei den häufigen Besuchen in seiner Villa ausübte.
Nur einmal habe ich Onkel Lothar zornig gesehen, und das war, als ich ihn neugierig fragte, wen wohl das kleine verblichene Bild über seinem Schreibtisch darstelle. Es war dies die Photographie eines hübschen jungen Mannes, den die bunte Burschenkappe und das Burschenband zierten.


