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Der junge Mann fuhr zusammen:Wieso, Groß­mutter?"

Ein seines Lächeln glitt über die feinen Züge der alten Frau:Du willst doch nicht behaupten wollen, daß es nur Wald und Wildbäche, Gletscher und himmelanstrebende Berge dort giebt? Es giebt doch auch"

Das Kasino, die Trinkhallen, die Promenade?" Denk doch mal nach!"

Ich weiß nicht, was Du meinst"

Frau Rittner zögerte einen Augenblick. Dann sagte sie: Und die jungen Mädchen? Ich kenne so reizende, die Dir auch gefallen könnten!"

Schon wieder ! Jedes Jahr, wenn ich zurückkomme, dieselbe Frage! Laß mich doch damit in Frieden!"

Aber es ist ja zu Deinem Besten. Wie alt bist Du?" Achtunddreißig gewesen."

Nun, dann ist es Zeit; Du wirst doch sonst ein alter Hagestolz."

Und dann nach einer kleinen Pause wieder:Philipp, um Deine energische Weigerung zu rechtfertigen, mußt Du doch einen besonderen Grund haben!"

Ja, ich habe auch einen und will ihn Dir sagen, Großmutter. Du wirst, mich verstehen und mir dann nicht wieder mit solchen Plänen kommen."

Die alte Dame warf einen langen, fragenden Blick auf den Enkel und lehnte sich in ihren Stuhl zurück, um zu­zuhören.

Der schlanke, junge Mann richtete die Augen träumerisch auf das Kaminfeuer und begann:Jetzt werden es bald zehn. Jahr, da war ich in Homburg zur Kur. In der Pension, wo ich abgestiegen war, logierte auch eine Familie in dieser Familie war ein junges Mädchen! Ach, Groß­mutter! Wenn Du sie gesehen hättest. Du hättest sie auch lieb haben müssen, sofort, gerade wie ich! Du weißt, was das Badeleben ist. Man wohnt zusammen, man trifft sich im Haus, auf der Promenade, beim Konzert, auf der Terrasse, mit einem Wort, überall. Ich sand einen Bekannten, der mich vorstellte. Es war während des Nachmittagskon­zerts bei hellem Sonnenschein. Unter dem aufgespannten Sonnenschirm, in der lichten Kleidung, mit dem zarten Gesichtchen, von blondem Haar umrahmt, stand sie vor mir, und die Gestalt, die ich nun schon so oft und lange von fern betrachtet, gewann Form und Farbe. Jede- Be­wegung war harmonisch, und ihre Stimme, ach, Groß­mutter, welch bezauberndes Organ! Bei den gemeinsamen Ausflügen, beim Tennisspiel, beim Tanz hatte ich Gelegenheit, ihr näher zu treten. Bald ausgelassen lustig, bald ernst und in ihrem Urteil über Welt und Menschen weit über ihre Jahre hinaus reif, so lernte ich sie kennen und lieben.

Doch die Tage vergingen, der Herbst kam, und die Kurgäste zogen wie die Wandervögel auf und davon.

Als ich die Familie in ihrer Heimat aufsüchte, war ich über den Empfang, der mir werden würde, sehr beun­ruhigt.Eine Badebekanntschaft" hält selten noch bis in den Winter hinein.

Sie", Fräulein Klara, war gerade am Theetisch be­schäftigt, als ich in den Salon trat. Sie wandte sich; zu mir um und wechselte leicht die Farbe. So wie ich, sie auf dem Bahnhof im Reisekostüm verlassen, so fand ich sie im Hauskleid, mit den häuslichen Pflichten beschäftigt, wieder. In der Art, wie sie mich begrüßte, lag aufrichtige Zuneigung. Bald folgte ich ihr in ein kleines Zimmer, wo die Jugend zusammensah, und fast eine Stunde lang plauderten wir lebhaft über die Sommererlebnisse.

Du kannst Dir denken, wie sich danach der Winter für micht gestaltete. Ich hatte soviel Verabredungen. Da waren die Bilderausstellungen, da waren die Tanzverpflichtungen, die schon acht Tage vorher versprochen waren kurz und gut, tausend wichtige Sachen, die den Tag so rasch aus­füllten, ohne daß man etwas gethan hat."

Hier fiel Frau Rittner dem Enkel ins Wort:Nun kann rch mir auch erklären, was Dich! damals so verändert hatte. Aber warum hast Du nicht vertrauensvoll mit Deiner Großmutter gesprochen?"

Ja, siehst Du", entgegnete Philipp,ich bin scheu, wenn Du willst, empfindsam ich konnte nicht davon sprechen. Ich quälte mich mit Gedanken, ob ich! Klara auch wohl das, was wir MenschenGlück" nennen, bieten könnte, und in

diesen widerstreitenden Gefühlen fand ich nicht den Mut, meine Liebe zu gestehen. Immer ging ich mit der festen Absicht hin:heute sagst Du es", und dann überkam mich eine unsagbare Angst bei der Frage: was wird die Antwort sein? Und das Wort wurde nicht gesprochen! So verging der Winter, und das Frühjahr kam.

Ich reiste nach dem Süden, wie Du weißt. Wer die Trennung von Klara ließ mein Gefühl nur noch erstarken, und ich war fest entschlossen, bei meiner Rückkehr mit Dir zu sprechen und Klara für mich zu gewinnen.

Nach einer Reise, und wäre sie noch so kurz, die Heimat wiederzusehen, ist stets von neuem eine Freude. Noch am Tag meiner Ankunft wanderte ich planlos durch die Straßen, und als ich bei einer Kirche vorbeikam, trat üfy hinein und wurde fo Zeuge einer Trauung. Es schienen eine große Anzahl Teilnehmer zu sein. In ziemlicher Entfernung vom Altäre mußte ich stehen bleiben, und von den Haupt­personen, das heißt der Braut und dem Bräutigam, sah ich nur undeutlich die Umrisse der weißen und schwarzen Gestalt. Da entstand eine Bewegung und dadurch eine Lücke vor mir. Der feierliche Akt mußte vorüber sein. Die Men­schenmenge setzte sich in Bewegung, und da, Großmutter, da sah ich Klara,meine Klara", wie ich sie in Gedanken immer genannt, im weißen Gewand, mit Kranz und Schleier, an dem Arm des ihr angetrauten Gatten an mir vorüber­gehen. Unsere Augen trafen sich. Die ihrigen streiften gleichgiltig, wohl ohne mich zu sehen, über mich! hin. Was in meinen lag, weiß ich nicht. Ich war erstarrt vor Schmerz, wünschte mich weit fort, fern von den Menschen, und folgte doch dem großen Strom, von dem brennenden Wunsch getrieben, sie noch einmal, und zwar in der Nähe zu sehen und, wenn möglich, ihre Stimme zu hören. So kam ich in die Sakristei, wo das junge Paar die ersten Glückwünsche entgegennahm. Nun hieß es, all meinen Mut zusammen­nehmen. Ich machte meine Verbeugung und sagte verlegen: Gnädige Frau, ich erfahre soeben durch einen Zufall"

Sie schien mich nicht zu erkennen. Ich stotterte:Mein Name ist Hans Wahl, erinnern Sie sich?"

Sie reichte mir ihre Hand, die kleine Hand, die ich so oft an meine Lippen geführt, dann wandte sie sich zu ihrem Mann:Ein Freund der Familie, Arthur, den Mama sehr gern hat. Sie werden uns doch später auf­suchen, Herr Wahl?"

Kannst Du Dir vorstellen, Großmutter, was die nächste Zeit für mich war? Alle Erinnerungen fand ich wieder. Von den aufgehobenen Ballkarten bis zu dem kleinen Notiz­buch, das sie mir für eine verlorene Wette einst gegeben hatte. All die grausamen Erinnerungen, die diese kleinen Sachen in mir wachriefen!

Einige Zeit darauf bekam ich eine Aufforderung zu ihrem Gesellschaftstag. Ich nahm an und ging zu Fuß hin. Doch als ich das Haus betrat, da legte ich mir plötzlich die Frage vor: was willst Du eigentlich hier? Wie willst Du ihr gegenüber treten? Ich fühlte, daß ich mich schwer in die Rolle des mehr oder weniger gleichgiltigen Gastes würde finden können. Sie hatte vergessen, ich aber nicht. Sie traf keine Schuld, ich konnte fie nicht der Untreue zeihen, nur ich war der Schuldige, in meinem Zagen war das entscheidende Wort nicht von mir gesprochen worden. Einem andern ward zu teil, was ich nicht im rechten Augenblick für mich zu erobern gewußt. Ich hatte nichts mehr zu be­anspruchen; das, was ich begehrte, konnte mir nie werden, ich wollte ihren Frieden nicht stören, dazu hatte ich sie zu lieb.

Langsam, ganz leise, als wenn ich im Begriff gewesen wäre, das Glück von ihrer Schwelle zu verscheuchen, ging ich die Treppe wieder hinunter, und die Eichenthür fiel schwer hinter mir ins Schloß

Einen bitteren Kampf hatte ich mit mir zu bestehen, aber ich bezwang mich, Großmutter! Ich habe Klara nicht wiedergesehen, bin nicht zu ihr gegangen. . ."

Das Feuer im Kamin flackerte nur noch schwach! auf, und Frau Rittner strich liebkosend mit leichter Hand hin und wieder über das Haupt des Enkels.

Nun weißt Du, Großmutter, warum ich entschlossen bin, nicht zu heiraten."