Nr. 181.
1901.
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uS Glück Vorteil ziehen kann jeder; sein Glück bcnntzen ist dem
Hippel.
Weisen Vorbehalten..
(Nachdruck verboten.)
Gesprengte Fesseln.
Roman von Reinhold Ortmanm
(Fortsetzung.)
Sekutldenlänges Schweigen folgte dieser Erklärung, und der Ausdruck eitler grenzenlosen Ueberraschung auf dem Antlitz des Untersuchungsrichters inachte einer Miene tiefen, feierlichen Ernstes Platz, wahrend er in dem vor ihm liegenden Aktenstück blätterte und sich ganz in den Inhalt desselben •Vit Vertiefen । tfiien.
„Nehmen Sie, bitte, noch einmal Platz, Herr Assessor!" sagte er endlich, in auffallend verändertem T-one. „Wenn dieser Mantel, tote Sie sagen, der Ihrige ist, werden Sre mtt ja auch angeben können, auf welche Art er an seinen Fundort gelangte." , .
„Nein, das kann ich nicht. Den,t noch vor wentg Mt- nnten hätte ich darauf geschworen, daß er zu Hause in meinem Kleiderschrank hänge."
„Er niüßte Ihnen also gestohlen worden sem? Und danach wäre der Mörder des Doktor Müller zugleich auch ein Dieb." „ ,
„Ich kann dieser Vermutung utcht wtdersprechen — vorausgesetzt, daß es wirklich der Mörder war, der ihn dort ins Gestrüpp geworfen." .
„Darüber kann wohl kein Zweifel obwalten. Aber wenn Sie keinen 'Verdacht hinsichtlich der Person des Attentäters hatten, so haben Sie doch jetzt vielleicht einen Verdacht hinsichtlich der Person des Spitzbuben. Sind Ihnen denn in der letzten Zeit noch andere Gegenstände abhanden gekommen außer diesem einen?"
„Nicht daß ich Wüßte. Und ich wiederholte, daß ich auch von einer Entwendung des Mantels, den ich zuletzt im verflossenen Frühjahr getragen, nicht das Geringste ahnte."
„Aber Sie haben doch keine andere Erklärung als die eines Diebstahls?"
„Nein, ich habe keine andere."
„Wann müßte derselbe wohl Ihrer Meinung nach verübt worden sein?"
„Jedenfalls innerhalb der letzten drei Wochen; denn es kann noch nicht länger her sein, daß ich den Mantel an seinem Platze im Schrank gesehen. In Bezug auf die Person hege ich keinen Verdacht."
„Besitzen ©ie vielleicht auch einen weichen, ziemlich breitrandigen Filzhut von grauer Farbe?"
„Ja."
„Pflegten Sie denselben häufig zu tragen?"
>,Neuerdings nicht mehr."
„Und wo befitldet er sich in diesem Augenbltck?"
„In meiner Wohnung." '
„Sie sind also ganz sicher, daß er Ihnen nicht etwa ebenfalls gestohlen worden ist?"
„Ich glaube nicht, wenn ich mich auch in diesem Augenblick nicht erinnern kann, daß er mir in der letzten Zeit zu Gesicht gekommen wäre."
„Von Ihren Hausgenossen hatte niemand einen Haß -oder einen tiefer gehendett Groll gegen den Doktor Müller?"
„Soweit es sich um die Mitglieder meiner Familie handelt — gewiß nicht!"
„Aber Sie selbst hatten vielleicht irgend eure Ursache, ihn: unfreundlich gesinnt zu sein?"
Während alle seine bisherigen Antworten rasch tnti) bestimmt erfolgt waren, zögerte Herbert jetzt mit der Erwiderung. In merklich unsicherem Tone sagte er endlich:
„Eine Erklärung auf diese Frage muß ich zu meinem Bedauern verweigern."
„Der Diener des Doktor Hermann Müller hat ausgesagt, daß Sie sich sowohl bei Ihrem ersten Besuche vor einigen Tagen wie namentlich gestert: abend augenscheinlich in sehr übler Laune und, wie er gesehen ztt haben glaubt, sogar in großer Atisregung befanden. Ich habe diesen Bekundungen bisher keinen Wert beigelegt, möchte Sie aber nun doch bitten, sich darüber ztt äußern."
„Ich kann nicht bestreiten, Herr Rat, daß der Dtener meinen Gemütszustand ziemlich richtig beurteilt hat."
„Und welches war die Ursache Ihrer Aufregung? Stand sie etiva im Zusammenhang mit jener zwischen Ihnen und dem Doktor Müller obschwebeuden Privatangelegenheit, deren Sie vorhin. Erwähnung thaten?"
„In einem gewissen Sinne — ja."
„Sie beharren dabei, -eine nähere Auskunft über die Natur dieser Angelegenheit abzulehnen?" fragte der Landgerichtsrat. , ., ,
„Ich sehe mich außer stände, sie zu geben", erwiderte!
der Assessor. , L
„Und Sie wollen mir auch nicht sagen, ob etwa eine Dame dabei im Spiele ist?"
Die Antwort Herberts bestand nur in einem bedauernden Achselzucken. Und der Untersuchungsrichter, der wieder tu seinem Aktenstück geblättert hatte, fuhr fort:
„Bleiben wir also zunächst bei den offen zu Tage ltegen- den Thatsachen! Sie erfuhren von dem Diener Ptnmg, daß sein Herr nicht anwesend sei, und Sie erklärten, inner- halb einer Stunde bestimmt noch einmal vorsprechen zu wollen. Sie sind aber trotzdem nicht wiedergekommen.
„Nein. Ich hatte mich eben inzwischen eines anderen besonnen, und die Besprechung mit dem Doktor erschten nur nicht mehr so dringend, daß ich ihn deshalb zu dieser späten Stunde hätte belästigen müssen."


