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nehmen und hinunterzugehen. Als die Leute dies be- merkten, setzten sie sich in Bewegung und kamen in geschlossener Kolonne nach achtern. Mein Mann stand neben dem Kajütenoberlicht, und die Mannschaft stellte sich etwas achterlich vom Leesallreep aus. Jetzt lag in ihrem Auftreten entschieden nichts Unentschlossenes mehr.
Zwei Leute, von denen ich schon früher sagte, daß sie mich an amerikanische Matrosen erinnerten, verliehen der Gesamtheit hauptsächlich einen bestimmten Ausdruck. Es waren ein paar hagere, kraftvolle Gestalten mit schmalen Hüften und dunkelbärtigen Gesichtern, geschmeidig wie Stahlklingeu. Ihre dunkelblau gefärbten Drillichbeinkleider trugen sie in die halbhohen Stiefel hineingestopft. Die ganze Gesellschaft bestand aus sieben Personen, vier Vollmatrosen, zwei Leichtmatrosen und einem Schiffsjungen; der fünfte Vollmatrose stand am Ruder.
(Fortsetzung folgt.)
„Für die Armen."
Novellette von HeleneLang-Auton.
(Nachdruck verboten.)
Auf allen Bällen, Festlichkeiten und Wohlthätigkeits- bazaren machte Miß Sigrid Aruson, die schöne, reiche . Amerikanerin Aufsehen. Sie war mit ihrem Vater übers Meer gekommen, um in der Residenz einen Winter zu verleben, und, wie mau sich heimlich zuflüsterte, sich einen Mann zu holen.
Der Millionärin öffneten sich leicht alle Thüren, und sie war bald der Mittelpunkt der vornehmsten Kreise, die sie mit Aufmerksamkeiten und Liebenswürdigkeiten überhäuften. Die jungen Männer bildeten einen Hofstaat um sie, und jeder wünschte sehnlichst, der jungen Miß Herz und Hand zu erringen. Auch alte Herren verloren ihre Köpfe und versuchten noch Bresche zu schießen, was allerdings nur ein spöttisches Lächeln des schönen Mädchens zur Folge hatte. Selbst die Damen der höchsten Aristokratie, Mütter armer, heiratsfähiger Söhne, übersahen des jungen Mädchens exzentrische Launen, die sie in einem andern Falle unbarmherzig verurteilt hätten, und ließen sich herab, sie mit Schmeicheleien zu überschütten.
Sigrid Arnson sah all dies, das mehr ihrem Gelde als ihrer Person galt, und amüsierte sich köstlich darüber. Sie that, was sie wollte. Vielleicht manchmal des Guten zu viel, um die Langmut ihrer vielen Verehrer zu erproben, und ließ sich von aller Welt verwöhnen. Allen voran ihr eigener Vater, der sein einziges Kind vergötterte, und ihr jeden Willen bedingungslos erfüllte. Er träumte von einer Herzogskrone für seine Tochter, würde ihr aber auch den ärmsten und unbedeutendsten Manu gegeben haben, wenn sie es verlangt hätte.
Auf dem Wohlthätigkeitsbazar heute stand Sigrid in entzückender Toilette, duftig und schön, wie ein Frühlingstag, und bot den Herren Zigarren und Zigaretten an. Natürlich waren alle Herren plötzlich leidenschaftliche Raucher, und man raufte sich förmlich, um aus ihrer kleinen Hand die Zigarren oder Zigaretten für teures Geld zu erstehen.
Wenn sie die Zigarre oder Zigarette anzündete, kostete diese mehr, noch mehr — wenn sie sie anrauchte. Trotz ihrer großen Beschäftigung schaute sie öfters über die sie umringenden Herren nach. dem roten Vorhang links in der Ecke, wo Baron Kallnow hinter einem Blumenarrangement halb verborgen stand. -
Der hübsche Mann in der kleidsamen Husarenuniform betrachtete sie unausgesetzt. Sein ganzes Herz drängte sich in seine Augen, und diese redeten eine Sprache, die nicht mißzuverstehen war. Er liebte dieses schöne Mädchen glühend und ehrlich, und dennoch spannte er sich nicht gleich den andern an ihren Triumphwagen. Er wollte nicht einer von vielen sein. Entweder der eine — oder gar keiner.
Der alte, reiche Geheimrat Forstuer hatte sich zu Sigrid Arnson durchgedrängt und bat sie um eine Zigarre. Sie fragte: „Anrauchen?"
„Natürlich", schmunzelte er. „Wenn man keinen wirklichen Kuß bekommen kann, so muß man sich mit solchem telephonischen begnügen."
Sigrid lachte, sie betrachtete das dicke, behagliche, rote Gesicht des alten Junggesellen. Sie sah, wie seine kleinen
Augen sie auztvinkerten, und es kam ihr plötzlich ein Gedanke:
„Warum sollte man für die Armen nicht einmal wirklich küssen?" Sie sprach es so laut, daß man es weit hören konnte.
„Sehr richtig", stimmte lebhaft der Geheimrat zu. „Topp, es gilt", und er hielt ihr die Hand hin.
Sie zögerte einen Augenblick. Wie würde man diese neue Laune' in der Gesellschaft aufnehmen? War das nicht zu viel, was sie da wagte? Die Deutschen sind so schwerfällig in solchen Sachen. Aber nur einen Augenblick dauerte ihre Unentschlossenheit, dann schlug sie kräftig ein.
Entzückt hielt der Geheimrat ihre Hand fest.
„Kostenpunkt?" fragte er.
„1000 Dollars."
Alles hatte sich herzugedrängt, um das seltene Schauspiel zu genießen. Fast alle beneideten den alten Herrn, der einen Check auf tausend Dollar ausstellte mit einer Gleichgiltigkeit, als wenn es ein Almosen wäre, um ihn der schönen Amerikanerin zu überreichen. Diese nahm das Papier, legte es aus den Teller zu dem übrigen Gelde, neigte sich über den Verkaufstisch und reichte dem Geheimrat ohne Ziererei ihre frischen, roten Lippen.
Während der Geheimrat sie beseligt küßte, sahen ihre Augen nach Kallnow, der totenblaß geworden war und die Augen geschlossen hatte. Er wollte offenbar diesen Kuß, der ihm entsetzlich war, nicht sehen. Sigrid lächelte. Ein Strahl voll Zärtlichkeit traf aus ihrem Auge den Fernstehenden.
Im Saale wurde dieser „neue Sport der Wohlthätig- keit" viel bekrittelt. Man fand ihn doch etwas M frei und unerlaubt.
Und die Damen des Komitees zuckten die Achseln, sahen mit empörtem Augenaufschlag nach oben, und notierten dann mit Befriedigung in ihr Vereinsbuch die 1000 Dollars.
Selbst die Herren fanden diesen Kuß nicht ganz einwandfrei, weil sie ihn sich nicht leisten konnten, und dem alten Geheimrat, der dickgeschwollen vor Vergnügen als der Löwe des Abends stolz im Saale herumging, dies fabelhafte Glück nicht gönnten.
Miß Arnson hatte ihren Platz in der Verkaufsbude einer andern Dame abgetreten und war auf das große Blumenarragement, hinter welchem Kallnow lehnte, zugegangen. Der Husarenoffizier bemerkte sie erst, als sie knapp vor ihm stand. Er sah sie so schmerzlich und unglücklich an, daß sie, ihrem impulsiven Gefühl nachgehend, ohne recht M wissen, was sie that, nach seiner Hand griff, und leise fragte: ,
„Was ist Ihnen nur, was haben Sie?"
Er drückte ihre Hand heftig:
„Wie konnten Sie es thun?"
Sie erglühte bei diesem Vorwurf und senkte leicht den Kopf.
„Ist es denn etwas so schreckliches, mich zu küssen?"
„Das höchste (Älück ist es, die unsagbarste Wonne", flüsterte er mit bebender Stimme.
„Und das sagt lein Mann, der sich nie um mich kümmert." .
„Ein Mann, der Sie über alles liebt, der Sie anbetet, dessen einziger Gedanke Sie sind. Und der nicht weiß, wie er das Leben weiter tragen soll, wenn er Sie verliert."
Das tiefste Gefühl durchzitterte diese Beteuerungen und berührte eine Saite in ihrem Herzen, die bis jetzt noch- nicht erklungen war.
„Warum denn verlieren?" kam es wie ein Hauch von ihren Lippen.
Sigrid!" jubelnd klang es Sie sahen sich in die Augen. In süßer Beklommenheit standen sie dicht nebeneinander. Keiner von beiden vermochte zu reden. Sie fühlten sich mit magnetischer Gewalt zueinander gezogen. Und lautlos, jede Vorsicht vergessend, sanken sie sich in die Arme, durch die hohen Pflanzen den Augen der Außenwelt verborgen.
In demselben Augenblick, als ihre Lippen sich zum Kusse fanden, und Kallnow sie heftig an sich preßte, stieß er mit dem Rücken gegen die Blumentöpfe, die mit lautem Gepolter zu Boden stürzten, beide den neugierigen Blicken der andern preisgebend.


