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„Mr Herr Doktor entschuldigen — aber der Herr, der eben hier war, muß ja verdeubelt fuchtig gewesen sein. Ein Gesicht machte er beim Hinausgehen, als wenn er gleich die ganze Welt übern Haufen schießen wollte."
„Sie sollten sich nicht auf derartige physiognomische Studien einlassen, Pining! Machen Sie mir jetzt mein kaltes Bad zurecht, und sorgen Sie für das Frühstück! Ich möchte drüben im Hauptgebäude sein, bevor die Handwerker kommen."
Nm neun Uhr vormittags erschien Herbert Ignatius im Bureau der Staatsanwaltschaft, um seinem höchlichst erstaunten Vorgesetzten zu erklären, daß wegen der plötzlichen Erkrankung seines Vaters der Termin der Hochzeit verschoben worden sei, und daß er deshalb den ihm bewilligten Urlaub vorläufig nicht antreten werde. Eifriger als je vertiefte er fich in seine Arbeit, und in später Abendstunde erst kehrte er nach Hause zurück.
Hilde beantwortete seine Frage nach dem Befinden des Vaters durch die Mitteilung, daß der Kranke den ganzen Tag mit wenig kurzen Unterbrechungen in einem Dämmerzustände hingebracht habe, den man auf die Weisung des alten Hausarztes nicht habe stören dürfen. Ein paar Mal sei er wohl zu klarem Bewußtsein erwacht, aber die Erinnerung ,ait die letzten Ereignisse vor seiner Erkrankung fei ihm offenbar auch in diesen Augenblicken nicht zurückgekehrt; denu er habe fich ohne weiteres zufrieden gegeben, als man ihm auf seine Frage nach Felicia erklärte, sie würde durch, ein strenges ärztliches Verbot von seinem Krankenlager fern gehalten.
„Lauge aber toerbett wir diese Täuschung natürlich nicht aufrecht erhalten können", fügte das junge Mädchen bekümmert hinzu, „der Sanitätsrat glaubte mir gewiß etwas recht Tröstliches zu sagen, als er versicherte, daß auch, das jetzt noch fehlende Erinnerungsvermögen morgen wieder vorhanden sein werde. Und wenn diese Prophezeiung zutrifft, welche Unwahrheit sollen wir dann ersinnen, um den Vater zu beruhigen, und ihn vor neuen Aufregungen zu schützen? Tu hast ja noch immer nichts von Felicia gehört — nicht wahr?"
„Nein — nichts! Wer sie hat mir in ihrem Abschiedsbriefe Nachricht versprochen, mtb ich zweifle nicht, daß sie Wort halten wird. Bis dahin bleibt uns eben nichts anderes übrig, als geduldig zu warten."
„Wenn ich nur begreifen könnte, Herbert, wie Du bei alledem so ruhig und gefaßt bleiben kannst! Wenn ich an Deiner Stelle wäre, ich glaube, ich würde über der Qual dieser Ungewißheit den Verstand verlieren. Es gießt doch gewiß gar nichts Schrecklicheres, als die Angst, einen Menschen zu verlieren, den mau von ganzer Seele liebt."
„Tarin. magst Du wohl recht haben, meine liebe Hilde", sagte er bitter. „Einen Menschen zu verlieren, den man von ganzer Seele liebt, ist wahrhaftig die schwerste aller Prüfungen. Ich habe es hinlänglich erfahren. Aber es kommt jetzt am allerwenigsten auf mich und auf meine Empfindungen an. Tie Gesundheit des Vaters ist bei weitem das Wichtigste, und wir dürfen selbst vor einer Notlüge nicht zurückschrecken, wenn es gilt, sie zu schonen."
„Hätten wir nur jemand, der uns darin raten und beistehen könnte! Dem Sanitätsrat dürfen wir uns nicht anvertrauen; denn wir könnten es ebenso gut gleich auf die Straße hinaus schreien. Weißt Du auch, Herbert, daß ich heute mehr als einmal nahe daran war, dem Doktor Müller zu schreiben, und ihn trotz der angeblichen Absage um fernen Besuch zu bitten; denn außer der Mutter und Dir ist er der einzige Mensch auf Erden, zu dem ich rückhaltloses Vertrauen habe."
Der Assessor runzelte die Stirn, und in rauherem Ton, als sie ihn von ihm zu hören gewöhnt war, fiel er der Schwester in die Rede:
. „Laß Dir's nicht einfallen, Hilde, jemals etivas Derartiges zu thun. Mit diesem Herrn sind wir vorläufig fertig, uud wenn ich mit ihm noch einmal in persönliche Berührung kommen sollte, so dürfte sie für ihn nicht allzu erfreulich ausfallen. Es war schlimm genug, daß mrr die Rücksicht auf die Dienste, die er dem Vater gemistet hat, verbot, seine Handlungsweise schon heute mit dem rechten Namen zu bezeichnen."
' Sie waren der Thür des Krankenzimmers zu nahe gekommen, als daß Hilde noch hätte wagen dürfen, einen lauten Widerspruch zu erheben. In ihren Augen aber war
dieser energische Widerspruch ebenso deutlich, zu lesen ivie ™ dem trotzigen Zug, der um so markanter an ihren Mnnbwmkeln hervortrat, je seltener er auf dem weichen
blichen Kindergesichtchen erschien. Mit einer unwilligen Gebärde wandte sie bent Bruder bett Rücken, und er sah sie an diesem Wend nicht wieder.
Die erste Poft des nächsten Tages brachte einen Bries für den Assessor Ignatius, in dem er trotz der verstellten Handschrift der Adresse sofort das verheißene Lebenszeichen von ferner verschwundenen Braut erkannte. Er trug den Poststempel der Stadt A., derselben, die Felicia vor einigen
mit ihrer Studiengenossin zu kurzem Aufenthalt besucht hatte, imb er war nach dem Ausweis dieses Stempels erst in später Stunde des gestrigen Wends auf- gegeben worden. Allzu weit also war die Flüchtige an diesem ersten Tage jedenfalls nicht gekommen, und es schren wunderlich genug, daß keiner der Eingeweihten auf den Gedanken verfallen war, sie dort zu suchen.
Herbert schloß sich in dem Arbeitszimmer seines Vaters ein, und erbrach mit einer aus herzbeklemmenber Furcht, unb uneingestandener Freiheitshoffnung seltsam ge- mrschten Empfindung den Umschlag des Briefes. Mehrere eng beschriebene Blätter fielen ihm entgegen; aber wie laug auch immer dieser Herzenserguß Felicia's war, die mit Bestimmtheit erwartete Aufklärung brachte er nicht. Was sie in den ersten Zeilen über die Beweggründq ihres romantischen Entweichens sagte, war nur ein in andere Worte gefaßter abermaliger Hinweis auf die durch eilt furchtbares Verhängnis geschaffene unerbittliche Notwendigkeit dieses äußersten Schrittes. Sie deutete an, daß jenes Verhängnis urplötzlich über sie hereingebrochen sei und sie von dem höchsten Gipfel irdischer Glückseligkeit jäh in den tiefsten Abgrund des Jammers gestürzt habe. Aber sie gab ihrem Verlobten nicht einmal das Versprechen, ihm später zu enthüllen, was sie ihm jetzt verschwieg. Ihr Brief war vielmehr ein in den heißesten und leidenschaftlichsten Ausdrücken abgefaßter Appell an sein Vertrauen, eine immer und immer wiederholte flehentliche Bitte, an ihre Liebe zu glauben und großmütig auf jedes andere! Geständnis zu verzichten. So glühende, sehnsuchtsatmende, hingebende Worte fand sie für dies einzige Gefühl, das ihre ganze Seele erfüllte, daß der Empfänger des Briefes wohl an allem anderen hätte zweifeln können, nur nicht an der Tiefe und Wahrhaftigkeit ihrer Empfindungen für ihn. Aber sie mußte die gleiche Größe der Zuneigung wohl auch bei ihm voraussetzen; denn was sie forderte, konnte nur die schrankenlose, alle Hindernisse unbedenklich! niederreißende Liebe gewähren^
Felicia erklärte, daß sie niemals nach M. zurückkehren könne und wolle, daß sie aber ebensowenig im stände sei, auf die Vereinigung mit dem Geliebten zu verzichten. Und sie zeigte ihm den Weg, auf dem nach ihrer Meinung aller feindseligen Tücke des Schicksals zum Trotz das Glück zu erreichen war. Man mußte sich nur über einige kleine Vorurteile Hinwegsetzen, wie es schon Tausende vor ihnen ge- than hatten, die nicht die ohnmächtigen Sklaven der sogenannten guten Sitte, sondern die freien Herren ihres Geschickes fein wollten. Heimlich, in irgend einem versteckten Winkel des Deutschen Reiches, oder noch besser int Auslände, wo sich mit Gold alle Schwierigkeiten beseitigen ließen,- sollte ihre Vermählung stattfinden — ohne Hinzuziehung anderer Zeugen, als sie ihnen der Zufall eben zur Verfügung stellte, und ohne daß irgend jemand in M. davon wußte. Herbert sollte ihr den Ort bezeichnen, den er für die Trauung aus ersehen hatte, und an dem Tage, den er. ihr vor schrieb, wollte sie dort mit ihm zusammentreffen.! Aber er sollte ihr zuvor bei seiner Mannesehre gelobens daß er sie weder mit Fragen quälen noch von ihr verlangen werde, ihn jemals nach M. zurück zu begleiten- Sie forderte! sein Versprechen, daß er den Jnstizdienst quittieren und! sich mit ihr in Frankreich oder Italien niederlassen würde,, indem sie in einer zarten Umschreibung darauf hinwies, daß ihr Vermögen groß genug sei, ihm eine freie und unabhängige Lebensführung nach seinen Wünschen und Neigungen zu gestatten.
Seine Antwort erbat sie unter einer angegebenen Chiffre postlagernd nach N., und in eindringlich beschwörenden Worten fügte sie hinzu, daß er keinen Versuch machen dürfe, sie dort persönlich aufzusuchen.
(Fortsetzung folgt.)


