(Nachdruck verboten.)

Die Göttin des Glücks.

Roman von Reinhold O r t m a n n.

(Fortsetzung.)

Drittes Kapitel.

Am folgenden Nachmittag führte Bernhard Sylvander seine Schwester in eine jener neu entstandenen, eleganten Straßen, deren gleichsam über Nacht aus dem Boden empor gewachsene Prunkbauten dem Westen Berlins ein bei aller Pracht und Verschwendung doch etwas einförmiges Aus­sehen verleihen.

Als Hanna ihre Verwunderung darüber Ausdruck gab, daß die Restorps in einem so vornehmen Viertel wohnen könnten, erwiderte der Rechtsanwalt mit jenem Anflug von Verlegenheit, der sich oft bei ihm zeigte, wenn er eine auf die Familie seiner Brant bezügliche Erklärung abgeben mußte-

Herr von Restorp sagt, daß er um seiner alten Be­ziehungen willen darauf halten müsse, den Namen einer guten Straße auf seinen Visitenkarten zu führen. In Wirk­lichkeit ist es allerdings eine Art von harmloser Täuschung, die er damit gegen seine Bekannten verübt; denn der vornehme Name der Straße ist auch zugleich das einzige vornehme an seiner Wohnung."

Hanna konnte sich bald von der Richtigkeit dieser Ver­sicherung überzeugen: denn sie betraten das mit seinen Altanen, Erkern und Loggien fast palastartig wirkende Haus, welches Bernhard als das Ziel ihres Weges bezeichnete, nicht durch das prächtige, marmorbekleidete Vestibül, das durch ein besonderes Schild alsAufgang nur für Herr­schaften" bezeichnet war, sondern durch einen zweiten, un­scheinbaren Eingang. Ein langer, schmuckloser Gang mit kahlen, weiß getünchten Wänden führte in den schmalen Hofraum, an dessen Ende sich ein dreistöckiges, mit, allerlei wohlfeilem Stuckzierrat ziemlich geschmacklos anMechltztes Quergebäude erhob.',.

Das nennt man in den westlichen Stadtteilen ^Berlins ein Gartenhaus", erläuterte Bernhard, wobei cs ganz und gar keine Rolle spielt, ob ein Garten vorhanden ist oder nicht. Die freundlich klingende Bezeichnung bedeutet im Grunde nur ein Zugeständnis an die verschämte Armut der höheren Stände, die sich natürlich lieber in einGarten haus" als in eineHoswohnung" zurückzieht.

1901.

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nospm gleicht der Gedanke, es gleichen den Blüten die Worte; Aber der labenden Frucht gleichet die kräftige That.

Schnorr.

Hanna kräuselte geringschätzig die Oberlippe.

Wie lächerlich!" sagte sie.Nichts ist erbärmlicher, als das Bemühen, sich selbst zu belügen."

Auf steilen, knarrenden Treppen, die indessen auch hier noch mit einem billigen Läufer aus Kokosfasern belegt waren, stiegen die Geschwister bis in das dritte Stock­werk empor.

Georg von Restorp", war auf einem großen, prahler­ischen Messingschilde zu lesen. Aber ehe er den dayeben befindlichen Glockenzug in Bewegung setzte, wandte sich Bernhard noch einmal an seine Schwester.

Sei freundlich gegen Inge, liebe Hanna! Sie ist eine schüchterne Natur, und wan muß sie ein wenig er- mntigen, damit sie sich offen und herzlich giebt."

Er mochte erwartet haben, daß seine Braut selbst ihnen öffnen würde, wie es sönü immer geschah; aber statt ihrer erschien eine ältliche Person mit einer großen weißen Schürze, und mit einer fürchterlichen Haube auf dem schlecht frisierten, grauen Haar.

Ei, Frau Bading in io feierlichem Aufzuge?" fragte der Rechtsanwalt freundlich.Wo ist denn das Fräulein?"

In der Küche", erwiderte die Aufwärterin mit vor­sichtig gedämpfter Stimme.Es ivird ja mörderisch groß­artig heute abend ! Und ich soll servieren ! Mein Lebtag habe ich so was noch nicht gethan, und mir ist schon ganz dumm int Kopf von all den Anweisungen und guten Lehren, die mir der Herr Baron gegeben hat. Passen Sie auf, Herr Rechtsanwalt, es passiert ein Unglück; beim auf das Feine, versteh ich mich nicht, ich bin nun einmal an das Grobe gewöhnt."

Na, machen Sie sich nur keine Sorge, Frau Bading, es wird schon gehen. Sind die Herrschaften im Wohn­zimmer?"

Jawohl! Aber Sie dürfen nicht so ohne weiteres hinein. Ich muß Sie erst anmelden."

Tainit steuerte sie auch schon auf die Thür des Wohn­zimmers los, aber die Wirkung, die Herr von Restorp sich von den sorgsam angeordneten Förmlichkeiten auf seine Gäste versprochen haben mochte, wurde nicht ganz erreicht, da er leider versäumt hatte, die Auftvärterin auch über die herkömmliche Art einer Anmeldung zu unterrichten. Tie gute Frau begnügte sich nämlich, die Thür aufzu­reißen, und mit lauter Stimme hineinzurufen:

Jetzt sind sie da, Herr Baron! Können sie rein kommen?"

Du hättest unseren Besuch nicht vorher ankündigeu sollen", flüsterte Hanna ihrem Bruder zu.Das giebt, wie es scheint, eine Menge von Verlegenheiten."

Aber der Hausherr war offenbar nicht der Mann, sich leicht in Verlegenheit bringen zu lassen. In der nämlichen Sekunde schon erschien er auf der Schwelle, und wenn er auch der armen Frau Bading einen vernichtenden Blick