743

reißende Zunahme hat ihre hauptsächlichsten Ursachen in dem schon erwähnten ungeheuren Ueberschuß der Geburten­zahl über jene der Sterbefälle und in dem bedeutenden Rückgang der Auswanderung. Ersterer ist ebenso ein Erfolg der guten wirtschaftlichen Verhältnisse der letzten Jahre, welche die Gründung und Vermehrung der Fa­milien begünstigten, wie der Besserung der hygienischen Verhältnisse, die zu einem Sinken der Sterbeziffern führten; letzterer aber findet seine Erklärung zum Teil ebenfalls in dem ökonomischen Gedeihen der Bevölkerung, zum Teil aber auch in dem Umstand, daß sich die Nord­amerikanische Union, das hauptsächlichste Ziel der Aus­wanderer, gegen die ihr zuströmenden Menschenmassen, die einst hochwillkommen waren, abzusperren beginnt. Diese Faktoren, welche jetzt die Volksvermehrung be­günstigen, können sich leicht zum Nachteil derselben ändern; denn auf Perioden des wirtschaftlichen Auf­schwunges folgen stets solche des Stillstandes, und selbst vor großen Epidemien sind wir nicht sicher. Es ist daher nur vorsichtig, statt des jetzt gültigen hohen Prozentsatzes der Volksvermehrung von 1,2 Prozent im Jahre, einen niedrigeren, etwa von 0,9 Prozent anzunehmen, wie er in Perioden langsamer Entwickelung geherrscht hat. Legt man diesen zu Grunde, so kommt man für das Jahr 2000 auf eine innerhalb der heutigen Reichsgrenzen mutmaßlich wohnhafte Bevölkerung von etwa 137 Millionen.

Wie viel deutsches Blut um dieselbe Zeit in den deut­schen Kolonien vorhanden sein wird, die uns hoffentlich nicht durch übermächtige fremde Seestaaten geraubt sein, sondern eine erhebliche Vermehrung erfahren haben wer­den, ist einfach unschätzbar. Gewiß ist nur, daß in jenen Kolonien, welche, wie Kamerun, Togo, Neuguinea nur tropischen Plantagenbau zulassen, auch in 100 Jahren keine nennenswerte deutsche Bevölkerung seßhaft sein wird. Wie der Holländer heute nach Java und Sumatra und der Engländer nach Indien geht, um, falls er inzwischen nicht den Fiebern erlegen ist, nach einem Jahrzehnt als wohlhabender Mann in die Heimat zurückzukehren, so wird auch. der Deutsche in den von der Malaria heim- Zesuchten Kolonien meist nur zeitweilig Aufenthalt nehmen, um mit der Göttin Fortuna ein Glücksspiel zu wagen, bei dem aus seiner Seite der Einsatz sein Leben ist. Ganz anders liegen jedoch die Dinge in Ostasrika und Südwestafrika. Hier bietet sich der Auswanderung ein Ansiedelungsgebiet, welches nach Abrechnung der gesund­heitsgefährlichen Küstenstrecken mindestens dreimal so groß ist als unser europäisches Deutschland, und was der Holländer und Engländer in den ähnlichen klima­tischen Verhältnissen der Kapkolonie, im Oranjefreistaat, Transvaal und Zululand vermochten, wird, wenn die zwingende Notwendigkeit herantritt, auch der Deutsche zuwege bringen nämlich sich einzubürgern, wenngleich dabei auch Tausende, die besser gethan hätten, daheim zu bleiben, unter den fremdartigen Lebensbedingungen zu Grunde gehen werden. Ist es auf diese Weise auch sicher, daß ein Strom ackerbautreibender Kolonisten sich zu dauerndem Aufenthalt in Afrika niederlassen wird, der in dem Maße steigen wird, als die Einwanderung in Nordamerika an Anreiz verlieren muß, so wäre es vermessen, eine bestimmte Zahl dafür angeben zu wollen. Eher läßt sich kalkulieren, wie groß die Zahl unserer schwarzen Mitbürger in den deutschen Kolonialgebieten sein wird. Die Schätzungen, nach welchen bisher etwa 9 Millionen Schwarze dort leben sollten, bleiben nach den Versicherungen der ersten Kenner weit hinter der Wirklichkeit zurück; denn man spricht heute schon von einer eingeborenen Bevölkerung von mindestens 20 Mill., die eine starke Tendenz zur Vermehrung zeigen und jeden­falls noch, schneller zunehmen werden, je mehr die schänd­lichen Sklavenjagden der arabischen Händler und die Kriege der Stämme untereinander unterdrückt werden. Eine Zahl von 5060 Millionen Schwarzen dürfte daher als das mindeste an der Jahrtausendwende zu erwarten fein.

Um das Jahr 2000 dürfte sich aber auch der An­schluß der stammesgleichen Niederländer an das Reiche vollzogen haben und damit der Zuwachs einer schon jetzt über 5 Millionen zählenden, dann aber sicher auf das Doppelte gestiegenen Bevölkerung erfolgt sein, welche in

die Gemeinschaft einen überaus wertvollen Kolonialbesitz von der vierfachen Größe des Deutschen Reiches mit einer sich gegenwärtig auf 35 Millionen belaufenden einge­borenen Einwohnerschaft einbringt, für die wir ebenfalls binnen einem Jahrhundert eine Verdoppelung annehmen können.

Es ist sonach^ keine Schwärmerei, daß in der kri­tischen Zeit, wo sich die Menschen in Nachahmung des Beispiels der Gegenwart darüber herumzanken werden, ob die Neujahrsglocken des Jahres 2000 oder des Jahres 2001 das dritte Jahrtausend einläuten, rund 150 Millionen Deutsche unter den Fittichen des Kaiseradlers zusammen­stehen und ihre kolonialen Produkte durch eine min­destens ebenso zahlreiche farbige Bevölkerung jenseits des Weltmeeres erarbeiten lassen werden.

Die Verteidiger malthusianischer Lehren ringen vor dieser Aussicht verzweiflungsvoll die Hände und fragen, wie eine solche Menschenmenge sich ernähren wird. Wenn der Hinweis auf vergangene Jahrhunderte nicht beruhigt, in welchen man bei einer drei- bis fünfmal dünner ge­säten Bevölkerung Deutschlands wiederholt über drohende Uebervölkerung jammerte, um sich hinterher zu überzeugen, daß die gefürchtete Volksvermehrung sich schließlich doch als ein nationaler Segen herausstellte, der möge be­denken, daß erstens trotz der steigenden Einfuhr fremden Getreides auch die Produktion des einheimischen Acker­baues fortwährend noch bedeutend zunimmt, und daß noch Hunderttausende von Hektaren Land intensiver be­wirtschaftet oder überhaupt neu unter den Pflug ge­nommen werden können, und zweitens, daß das Sprich^- worr, nach welchem man aus der Not eine Tugend macht, sich nirgends besser bewährt, als wenn ein energisches Volk um sein Dasein ringt. Wenn der angelsächsichje Stamm, der in der Union sich- noch fortwährend fremde Volksbestandteile angliedert, bis zum Jahre 2000 auf mindestens 300 Millionen Köpfe angewachsen sein wird, und wenn die Bevölkerung des Zarenreiches diese Zahl vermutlich noch übertreffen wird, ist es klar, daß jenes Volk, dessen Kopfzahl nicht steigt, wie z. B. die Franzosen, zur Bedeutungslosigkeit herabgedrückt sein wird, und daß nur die Nation eine Zukunft hat, welche sich schnell ver­mehrt und das Schwergewicht ungezählter Millionen waffengeübter und arbeitsgewandter Hände in die Schick- salswage werfen kann.

Sehen wir uns nun noch einen Augenblick nach, den außerhalb der Reichsgrenzen wohnenden Deutschen um. Am meisten fallen natürlich die acht ein halb Millionen Deutschösterreicher ins Gewicht, welche leider ebenso wenig einen Hang zur Vermehrung zeigen, wie die 2 200 000 Deutschen in Ungarn. Man wird kaum fehlgreifen, wenn man annimmt, daß sich diese zusammen in dem nächsten Jahrhundert bestenfalls auf 15 Millionen vermehrt haben werden. Ganz gleichbleibend an Zahl dürften die zwei Millionen Deutsche in Rußland erscheinen. Was sich, an Deutschen in Brasilien, Argentinien, Australien und in den verschiedenen europäischen Staaten noch befindet, und sich! zusammen noch nicht auf eine Million beläuft, ist Völkerdünger in des Wortes ureigenster Bedeutung, ebenso wie die 56 Millionen Menschen, die Deutschland bisher der nordamerikanischen Union geliefert hat. Es ist recht schön, von der Pflege deutscher Gesinnung in einem Gesangverein in Milwaukee oder einem Turnverein in Rio Grande do Sul oder Melbourne zu lesen; wer aber darauf politische Hoffnungen setzt, ist ein Illusionist; denn um zu entdecken, wie viele von den Urenkeln dieser Per- sönluhkeiten sich in 100 Jahren noch! auf ihr Deutschtum, besinnen werden, bedürfte es eines Seelenmikroskopes. Eher dürften noch die in rascher Vermehrung begriffenen zwei Millionen der Schweiz und die drei Millionen Vlämen in Belgien als eine moralische Stärkung des Deutschtums sich bemerklich« machen.

Wenn die deutsche Nation sonach mit einer Kopfzahl von 170180 Millionen in das dritte Jahrtausend ein- treten wird, kommt es zwar den unter russischem Szepter? geeinten slavischen Völkern ebenso wenig gleich, wie den Angelsachsen, welche Land für Kinder und Kindeskinder sozusagen reichlich vor der Thür haben und unvergleichlich, besser daran sind als wir. Immerhin werden aber die