Nr. 56.

1900.

Sonntag den 22. April

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'SS?ol" Menschen ein Adler, vor Gott ein Wurm, Si^.stehst du fest im Lebenssturm;

Nur wer vor Gott sich fühlet klein, Kann vor den Menschen mächtig sein.

E. M. Arndt.

Nachdruck verboten.

Das Pflegekind.

Roman von Elsbeth Meyer-Förster.

(Fortsetzung.)

Die Mutter und die Großmutter sie würden viel­leicht gestorben sein, Paul verheiratet, vielleicht mit Jo­hanne, vielleicht mit einer anderen. Man hatte sie vergessen, wie man die Undankbaren vergißt, die, welche sich.niemals Liebe errangen, und sie würde vielleicht als eine Ungebetene an die Thüren der Ihren klopfen.

Aber keine Bitterkeit empfand ihr Herz bei diesem Gedanken, sie fühlte nur die tiefe Gerechtigkeit.So mußte es njir gehen, ich habe mich selbst so gebettet", sagte sie sich. Und still ging sie den Weg zurück, der belebten Stadt wieder zu.

In einem Hospiz für heimatlose Frauen, dessen Schild sie trostverheißend vor sich aufleuchten sah, verbrachte sie die Nacht. Am anderen Morgen war sie schon zeitig auf, und trotz der entmutigenden Gedanken vom vergangenen Abend durcheilte sie die Stadt, durchstöberte sie die Adreß­bücher, um Brinkmanns zu finden.

Es gelang ihr nicht. Kein Adreßbuch lvies Paul's Namen oder den seiner Mutter aus. Sie mußten verzogen sein, in einem der Bororte wohnen, oder den Wanderstab in die Fremde hinausgesetzt haben.

Nettchen konnte es nicht fassen. Immer und immer wieder versenkte sie sich in die ungeheuren, schwarzen Bücher, grübelte und suchte sie.

Als es Abend wurde, begann Angst sie zu überfallen. Sie nahür ihr Täschchen, zahlte in der Konditorei, wo sie mit einer Tasse Kaffee und Semmel ihren Hunger gestillt hatte, und trat auf die Straße hinaus.

Obdachlos und ohne Geld! In das Hospiz mit seiner behaglichen Wohlanständigkeit, unter die ruhigen, gebor­genen Frauen, Lehrerinnen, Pastor- und Beamtenwitwen, die alle ihr gutes Scherflein für das ihnen gewährte Logis bezahlten, würde sie nicht zurückkehren.

Nein, schrecklich war es gewesen unter den Zigeunern von Montmartre, aber schrecklicher noch war's in dieser strengen, kalten Wohlanständigkeit, wo man sie, die her­gelaufene Fremde, mit tadelnden Blicken betrachtet hatte.

Ihr alter Stolz bäumte sich in ihr auf. Bettelnd wollte sie vor diese Schwelle nicht kommen.

Gott würde sie nicht verlassen. Sie hatte so viel Schwereres ertragen, sie würde auch eine Nacht unter Gottes freiem Himmel durchmachen können. Und eine fast freudige Stimmung bemächtigte sich ihrer, während sie sich langsam durch den Strom der hastenden Menschen drängte.

Sie war ja frei! Frei war sie, bei aller Ratlosigkeit und Not, die furchtbare Kette, die ihr Leben die letzten Jahre zu Boden gedrückt hatte, war von ihr genommen. Ruhig durfte sie wieder unter den Menschen wandeln, von keiner jgährenden Bitterkeit, keinem! Haß erfüllt. Das Band, das sie. an Jerome gekniipft hatte, war zerschnitten für immer, die unselige Leidenschaft, die sie so elend gemacht hatte, aus dem Herzen gerissen.

Und sie fühlte, das Leben, an dem sie fast ver­zweifelt hatte, gehörte wieder ihr! Mit der Genesung waren Hoffnung, Lebenskraft und Liebe zum Dasein zurück- gekehrt. Ja, sie liebte wieder das Leben, und während sie obdachlos durch die Straßen eilte, freute sie sich Über ihre Rettung.

Alle Häuser waren längst geschlossen, die Thorwege verrammelt, die Passanten wurden einzelner, als Nettchen in jder Schöneberger Vorstadt landete. Die glänzende Pots­damerstraße war sie entlang gewandert, immer entlang, und sah sich nun plötzlich in einer Gegend, die fast dem Dorfe ähnelte. Die stille Pfarrkirche, die hinter großen Oekonomiehöfeu versteckten reichen Bauernhäuser, Vor­gärten und Wiesenecken konnten die Illusion wohl aufrecht erhalten. Aber zwischen die giebeligen Häuser schoben sich dann und wann noch immer riesige Mietskasernen, häßliche, hohle, kahle Gebäude, an denen der Blick freudlos abgleiten mußte. Alles noch Berlin, Großstadt bis hier hinaus aufs freie Feld, auf dem das im dürren Sand­boden kraftlos emporgeschossene Wiesengras gemäht lag.

Noch ein Stück weiter hinaus aber, und freies Land mußte endlich beginnen. Immer lückenhafter tvnrde die Straße, jetzt kamen Gärtnereien, vereinzelte Schuppen, ein­sames Gemüseland.

Hier war es, wo sich Unterkunft finden lassen mußte. Weiter hinaus zu wandern auf der nächtigen, einsamen Chaussee, das schien Nettchen nun nicht mehr verlockend. In einem der offenen Schuppen konnte sie sich verbergen.

Sie verließ die Chaussee, sprang über den Grabenrand, und schlüpfte über niedrig geschnittenes Buschwerk ins fremde Terrain. Ein Stück verwilderter Garten, mehr Wiese, mit Gurkenstauden, Kürbispflanzen, allerlei Küchen- pflanzen überwuchert. Holzteile und Bretter lagen umher, und drückten an einzelnen Stellen das Gras zu platter Ebenheit nieder.