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Sie konnte sich kaum entsinnen, daß in Dievenows Gegenwart überhaupt die Rede auf Leonhard gekommen wäre.Ach!" meinte sie etwas verlegen. Wie er sie beobachtet hatte! Aber sie freute sich doch, daß er ein Interesse für Leonhard an den Tag legte.

Sie werden meinen Bruder bald kennen lernen. Er wird uns auf einige Tage besuchen. Dann hat er sich bis zum Oktober eine Stellung bei einem Rechtsanwälte in seiner Universitätsstadt gesichert, um nicht müßig zu gehen - und im Herbst tritt er als Freiwilliger hier ein."

Er hat noch nicht gedient?" fragte Dievenow.

Nein. Er ist sehr jung auf die Universität gekommen und hat sich dann zurückstellen lassen, um seine Studien nicht zu unterbrechen. Auf die Militärzeit freue ich mich."

Sie?"'

Ja- weil wir ihn dann oft sehen werden. Er wird Ihnen sicher auch gefallen."

Ich zweifle nicht daran," antwortete Dievenow höflich, und damit war für den Augenblick seine Teilnahme erschöpft.

Zwei Tage später stellte sich Leonhard ein, frisch und blühend trotz der gehabten Prüfungsanstrengungen- überglück­lich, sein Ziel erreicht zu haben, in einer Stimmung, daß er die ganze Welt hätte umarmen mögen.

Wenn Papa das erlebt hätte!" sprach Martha bewegt.

Du sollst sehen, Martha," rief Leonhard mit freudigem Selbstbewußtsein- ich werde ihm Ehre machen! Andree jun. wird auch ein tüchtiger Jurist- darauf verlasse Dich!"

Marthas Augen leuchteten in freudiger Zuversicht.

Vorläufig hatte Andree jun. den Kopf voll Tollheiten. In liebenswürdigem Uebermute brachte er die ganze Pension in Aufruhr: er setzte durch seine burschikosen Redewendungen den sörmlichen Dievenow in unwilliges Erstaunen und fand es ganz besonders belustigend, seine gestrenge Schwester zu necken, sie, die bisher so weit erhaben über alle Neckereien gewesen war, und die nun doch nicht verhehlen konnte, daß der Pseil des kleinen Liebesgottes ihr Herz getroffen habe.

So sieht also der Mann aus, der meiner großen Schwester gefährlich werden könnte," begann er einmal, indem er sie halb von der Seite musterte.

Sie errötete heftig.Aber Leonhard!" wehrte sie ärgerlich ab.

Er kümmert sich nicht um mich- und ich nun ich leugne ja gar nicht, daß ich viel von ihm halte, aber von da bis zu bis zu dem, was Du meinst, ist noch ein weiter Weg."

Natürlich!" stimmte Leonhard ganz ernsthaft bei. Entschuldige Dich nicht so eifrig, Schwesterchen. Du kennst wohl das Sprichwort: Qui sexcuse"

Nein, das ist zu arg!" zürnte sie.

Sie wußte ja nur zu gut, daß ihr Bruder recht hatte. Jahr um Jahr hatte sie sich in quälerischer Sehnsucht an ihre Jugendschwärmerei angeklammert, die Augen geschlossen für die Vorzüge anderer Männer es mochten sich wohl auch nicht gar viele dem armen, einsamen Mädchen genähert haben. Jetzt zum erstenmale versuchte ein anderes Bild die mädchenhaften Züge des blonden Jünglings mit den innigen blauen Augen zu verdrängen- auch blond und blau­äugig, aber doch so verschieden von dem ersten- nicht zart und weich, sondern kräftig und gestählt, stolz und hoch. Zu hoch für sie! so hoch, daß er ihr fast über der Liebe zu stehen schien, und daß sie schnell die Vision verscheuchte, ehe sie festere Gestalt anzunehmen begann. War es nicht genug an der einen Enttäuschung im Leben?

Fräulein Andree," sagte Dievenow eines Tages, ich möchte Sie gern etwas fragen."

Martha wandte langsam den Kopf. Sie saß am Fenster der Wohnstube und hatte den Blick auf die Straße schweifen lasten, wo bläuliche Dämmerung Häuser und Menschen zu umfangen begann. Dievenow war schon vor ein paar Minuten ins Zimmer getreten- und sie hatte gefühlt, daß seine Augen auf ihr ruhten.

Nun?" antwortete sie leise mit stockendem Atem.

Glauben Sie mir, daß es nicht Neugier, sondern warme Teilnahme ist, die mich zu meiner Frage veranlaßt- und zürnen Sie mir nicht, wenn ich etwa unbescheiden und zudringlich erscheine. Ich habe Sie schon früher einmal gefragt, ob Sie immer so ernst gewesen wären"

Er hielt inne, nach Worten suchend.

Mein Vater starb, als ich siebzehn Jahre alt war- das erklärt alles," bemerkte sie einfach, da er noch immer nicht fortfuhr.

Ja und nein," erwiderte er bedächtig.In Ihren Augen leuchtet ein Strahl von Schwärmerei, den ich nicht auf seine Rechnung setzen möchte, um Ihren Mund schwebt ein Hauch von Melancholie, von Resignation, für den ich auch eine andere Erklärung suche. Ich habe darüber manch­mal nachgedacht. Darf ich Ihnen sagen, zu welchem Schlüsse ich gekommen bin?"

Ihr Blick irrte am Boden umher.Nein," wollte sie sagen, doch ließ er ihr nicht Zeit zur Antwort, sondern fuhr sogleich fort:

Ich glaube, Sie haben eine unglückliche Liebe gehabt, vielleicht schon vor Jahren, kaum dem Kindesalter entwachsen, und doch können Sie noch immer nicht darüber hinweg­kommen."

O!" unterbrach ihn Martha lebhaft.Das'letztere ist falsch. Den Anfang haben Sie richtig erraten- das Ende nicht. Ja, ich habe einmal jemand sehr lieb gehabt und er mich auch. Dann ist er ohne Abschied von mir gegangen und hat mich vergessen, und ich hab' ihn auch vergessen, und alles ist längst, längst verschwundrn. Er ist in die weite Welt gegangen auf Nimmerwiedersehen"

Dievenow war nicht völlig bet der Wahrheit gebieben. Er hatte den Vorgang nur zum kleinsten Teil erraten, die Hauptsache hatte ihm Leonhard auf sein Befragen erzählt. Es war inzwischen dunkel geworden im Zimmer. Er konnte Marthas Gestchtszüge nicht mehr unterscheiden- er hörte nur ihre vor Erregung zitternde Stimme, aus der eine Liebe sprach, die sich in Haß verkehrt, und hätte sie umarmen und an sein Herz drücken mögen dafür, daß sie so leidenschaftlich bemüht war, ihn zu überzeugen, daß ihr Herz frei sei, frei für ihn?--

Wirklich, Fräulein Martha? wirklich?" flüsterte er.

Ja wirklich," bestätigte Martha,das darf Sie nicht wundern. Wieviel hatte er meinem Vater zu ver­danken. Er war ohne alle Angehörigen, ein junger Schwede" Dievenow zuckte zusammenund uns schnöde zu verlassen, gerade als Papa starb und wir ins Unglück ge­kommen waren."

Ein junger Schwede! Was war es, das ihm in dieser Stunde mit zwingender Gewalt den Mund schloß, der sich eben öffnen wollte zu einer großen, wichtigen, glückbringenden Frage?

Eine lange Stille trat ein. Immer inniger umspann das Dunkel die beiden, die einander schweigend gegenüber­standen. Schweigen ringsum. Nur die Uhr tickte, und von der Straße herauf drang das Geräusch der vorüberrollenden Wagen. Verwirrt und erwartungsvoll fühlte Martha, wie die Augenblicke langsam zu Minuten wurden- und noch immer kein Wort.

Es war Dievenow eingefallen, ein junger Schwede wurde mit Gerüchten in Zusammenhang gebracht, die über Marthas Vater im Umlauf gewesen waren. Und das führte ihm mit einem Schlage deutlich vor die Seele, wie unüber­legt er eben zu handeln im Begriffe gewesen war, er, der besonnene, der korrekte Dievenow! Was würden die Seinen, die vornehme, stolze, begüterte Bremer Patrizier­familie wohl gesagt haben, wenn er ihnen eine Frau ins Haus gebracht hätte, deren äußere Lebensbedingungen so wenig den seinen entsprachen? Nicht was das Vermögen anbetraf- darüber würde man sich schließlich hinweggesetzt haben. Aber im übrigen. Die undurchsichtigen Familien-