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brachten wir dasselbe durch eine Drehung des Rades um eine oder zwei Speichen auf unseren Lee-Bug.
Alle Leute kamen an die Schanzkleidung, um es zu betrachten- sie bildeten mit ihrer bewegungslosen Haltung, ihren ernst dreinschauenden, bärtigen Gesichtern und ihrem leisen Geflüster die Passendsten Zuschauer sür das ebenso erhabene als furchtbare Schauspiel. Die Sonne lag schon fast auf dem Spiegel der See, als wir das Schiff längsseit bekamen- wir braßten in den Wind und drehten bei. Miß Franklin kam herauf, trat zu mir und fragte mich ängstlich, ob ich glaubte, daß noch jemand an Bord des Schiffes sei. Ich antwortete ihr, daß ich das für unmöglich hielte - denn kein lebendes Wesen könne in solchem Rauch existieren. Die Boote wären fort, aller Wahrscheinlichkeit nach wäre also die gesamte Bemannung schon lange abgesegelt.
Die untergehende Sonne warf ihre letzten Strahlen auf den dichten Rauch und färbte ihn mit einem schmutzigen Rot. Ich dachte, der Pfuhl der Hölle könne keinen erstickenderen, entsetzlicheren Qualm ausspeien. Obgleich wir uns noch eine gute Meile leewärts vom Schiffe befanden, war das Krachen seiner Spieren, das Zischen der glühenden Segel, der Raaen und des Tauwerks beim Niederfallen ins Wasser unserem Ohr deutlich vernehmbar. Manchmal wurde der Rauch dünner, und die Flammen züngelten zum Himmel empor. Wenn diese zusammensanken, quoll der Rauch wieder mit neuer Gewalt hervor, nicht in Säulengestalt, sondern in Reihenfolge wolkenförmiger Massen. Es war ein tief ergreifender Anblick- denn für das Auge eines Seemanns liegt etwas Menschliches in der Hilflosigkeit eines Schiffes, welches langsam von der mörderischen, rasenden Bestie — Feuer — verzehrt wird.
Die Sonne ging unter, und die Dunkelheit brach schnell herein- aber meilenweit war das Meer erleuchtet durch die ungeheure Fackel, welche infolge der Spiegelung im Wasser doppelt groß erschien. Der Kapitän war jedenfalls von dem Anblick ebenso benommen wie wir anderen- denn kein Ton entschlüpfte ihm. Bis neun Uhr wüteten die Flammen, dann fingen sie an in sich zusammenzufallen, und wir glaubten, das Schiff würde nun sinken, als es plötzlich in die Luft flog. Es sah aus, als würde es emporgehoben und das Meer speie die ganze Feuermasse auf einmal in die Höhe- mittägliche Helle herrschte weit und breit - hoch in der Luft wirbelten die Funken und leuchteten die Bruchstücke des Wracks wie riesige Kerzen in den Händen wild durcheinander tanzender Geister. Dann, rasch zurückfallend aus den Lüften, versank es im Wasser und wie eine Vision war das glänzende Schauspiel verschwunden. Finster und leer lag wiederum die weite See, nur im Zenit flackerten die Sterne.
„Alle Wetter!" muß da ein Haufen Schießpulver drin gewesen fein !" hörte ich den Maat zum Kapitän sagen. Darauf wurden die Raaen umgebraßt, und die Brigg steuerte wieder ihren Kurs.
(Fortsetzung folgt.)
Die Pfingstüberraschmig.
Eine tragikomische Festgeschichte von Friedrich Thieme.
----------- (Nachdruck verboten.)
„Nun, Müller, wieder von der Psingstreise zurück?"
Der junge Mann, dem die Frage galt, zog eine grimmige Miene.
„Na nu? Was ist denn das?" riefen die Stammtischgenoffen verwundert. „Du machst ja ein Gesicht wie drei Tage Hagel — das Wetter konnte doch nicht schöner sein — und Ihr seit erst seit Weihnachten verlobt —"
Müller seufzte.
„Hört Nur, wie es mir ergangen ist", erklärte er mit kläglichem Blick. „Und dann sagt mir, ob der Mensch wohl in der Welt größeres Pech haben kann".
„Los, los", erscholl es im Kreise, und der Alterspräsident
des Stammtisches rief mit Stentorstimme „silentium für pp. Müller, er hält Vortrag über seine Pfingstreise".
Müller zündete sich eine Zigarre an, stärkte sich durch einen kräftigen Zug und begann:
„Ihr wißt, meine Braut wohnt bei ihren Eltern in Weimar. Nun ist meine Zeit als Buchhalter der Kltemannschen Zigarrenfabrik eine knapp zugemessene, und ich finde höchstens dreimal im Jahre, Weihnachten, Ostern und Pfingsten Gelegenheit, meine Braut zu besuchen, denn von Frankfurt nach Weimar ist's immerhin eine tüchtige Strecke.
Nun stand jetzt wieder einmal Pfingsten vor der Thür, und ich will es nur gestehen, ich hatte mich schon wochenlang auf die Reise und die süßen Stunden mit meiner Eva gefreut. Da — was geschieht ein paar Tage vorher? Mein Chef erhält die Nachricht von einer gefährlichen Erkrankung seines Bruders in Hamburg. Natürlich mußte er sofort abreisen, und mit meinem Festurlaub war es vorbei. Resigniert setzte ich meine Braut von dem Zwischenfall nebst seinen unerbittlichen Folgen in Kenntnis und tröstete mich mit dem Gedanken baldiger dauernder Vereinigung. Eva schrieb auch sofort zurück, wie sehr ihr mein Ausbleiben zu Herzen gehe, das ganze Fest sei ihr dadurch verdorben, doch wolle sie sich, um mir die Erfüllung meiner harten Pflicht nicht noch schwerer zu machen, mit Geduld in das Unvermeidliche fügen. Du Armer, erklärte sie, wirst ein trostloses Fest feiern ohne Deine Eva, und uns wird es nicht besser ergehen!
So glaubte ich alles in bester oder vielmehr schlimmster Ordnung, als unerwartet zwei Tage vor dem Feste mein Chef zurückkehrte mit der Botschaft, sein Bruder sei Gott sei Dank auf dem Wege der Besserung, es sei nur ein schnell vorübergehender Anfall gewesen, und er sei daher unverzüglich zurückgefahren, um mir meine Reise noch zu ermöglichen. Ihr könnt Euch denken, Kinder, wie mir das Herz lachte. Du willst, dachte ich bei mir, Deiner Braut gar nichts schreiben, Du willst sie überraschen! Sie denkt, Du kommst nicht — ha, was wird sie für Augen machen, wenn Du plötzlich zur Thür hereintrittst!
Kurz sollte die Freude freilich nur sein, denn ich hatte nur die beiden Feiertage Zeit. Am dritten Feiertag früh mußte ich wieder zur Stelle sein, da es gerade alle Hände voll zu thun giebt. So setzte ich mich den Pfingstsonntag früh — das heißt die Nacht um 4 Uhr — auf die Bahn und fort ging es, der traulichen Residenz im Thüringerlande zu. Meiner Ungeduld bewegte sich der Schnellzug viel zu langsam. Immer wieder malte ich mir Evas freudige Ueber- raschung aus, wenn sich plötzlich die Thür öffnete und der Geliebte auf der Schwelle stünde. Schon einige Stationen vorher fing ich an, mich zum Aussteigen zurecht zu machen, und von der letzten an stand ich, meine Reisetasche in der einen Hand, den Stock in der anderen, marschbereit vor der Koupeethür. Endlich — Hurrah! Nun rasch ausgestiegen — fort nach der Kurtstraße! Der Weg war weit, aber der Tag schön- wie ein Pfeil flog ich mit meiner Tasche am Museum, am Schiller- und Göthedenkmal vorbei — da grüßte schon der alte gute Wieland, — nun stand ich herzklopfend vor meiner Herrin Haus. Das Dienstmädchen, das mir die Thür öffnet, schaut mich bestürzt an — ich winke ihr zu, zu schweigen, schleiche auf den Zehen nach der Stubenthür — klopfe an — herein!" — „Guten Tag, meine Lieben!"
Schwiegermutter, Schwiegervater, Schwager Fritz, Schwägerin Helene, alle zur Stelle, bloß Eva fehlt. WaS ist das? Alle blicken wie erstarrt —
„Ja, was ist denn los? Um Gotteswillen, 's ist doch nichts passiert?"
„Passiert ist gerade nichts", erwiderte mein Schwiegervater, mir herzlich die Hand entgegenstreckend. „Nur — nur Eva. —"
„Nun?
„Ist nach Frankfurt gefahren, um Dich zu überraschen!" „Ach, Ihr ewigen Götter!"


