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zivilisierten Völker geworden ist. Und wenn alle Völker dieser Erde ihn vergessen würden, so müssen doch der Tautropfen im Grase und der Regenbogen am Himmel die Verkünder seines Ruhmes sein, denn zu seinen Lebzeiten bannte er die Lichtstrahlen in seine Dienste und brach sie nach seinem Willen, wie das Sonnenlicht sich bricht nach dem Willen seines
Gustav Robert Kirchhoff war zu Königsberg, der Universitätsstadt am Pregel geboren. Sein Vater war daselbst Justizrat, ein stiller, ernster Mann, und seine Mutter, deren er stets mit aufrichtiger Pietät gedachte, war eine geistig aufgeweckte, lebhafte Frau. Seinen ersten Schulunterricht empfing Kirchhoff' im kneiphöfischen Gymnasium seiner Vaterstadt, von welchem er mit achtzehn Jahren, versehen mit dem Zeugnis der Reife, abging, um sich an der Albertus- universttät daselbst dem Studium der Mathematik und der Physik zu widmen. Er war so glücklich, den Vater und Nestor der neuen theoretischen Physik Franz Neumann und den berühmten Mathematiker Richelot zu seinen Professoren zählen zu können. Des ersteren Einfluß auf Kirchhoffs Vorlesungen und Forschungen blieb bis in die späteste Zeit bemerkbar, des letzteren Tochter Clara wurde 1857 Kirchhoffs
Schöpfers.
Nichts außergewöhnliches in Kirchhoffs Leben entsprach der Außergewöhnlichkeit seines Genies- seine Laufbahn unterschied sich fast in nichts von der gewöhnlichen eines deutschen Universitätsprofessors. Die großen Ereignisse vollzogen sich bei ihm lediglich in seinem Geiste.
Als 21jähriger Jüngling schon brachte er seine erste Arbeit „lieber den Durchgang der Elektrizität durch Platten» in die Oeffentlichkeit. Mit 23 Jahren machte er sein Doktorexamen und erhielt ein, damals selten gewährtes Stipendium,
nächsten in Wernigerode zu, wo er, der stets ein warmer Naturfreund gewesen, im Kreise seiner Familie noch einmal Ausflüge im Rollstuhl machte. Körperlich gebrochen, aber noch immer geistig frisch und heiter kehrte er nach Berlin zurück. Bald erregten jedoch wiederholte Fteberanfälle die Besorgnis seiner Umgebung. Seine c rau, welche die letzten Nachte wachend an seinem Bette zugebr.-cht hatte, ruhte am I 17. Oktober 1887 morgens kurze Zeit aus; als sie erwachte 1 war sie — Witwe. Ein großer Geist und edler Mensch war I sanft und friedlich entschlafen. Ein schweres, aber schmerz- I loses Gehirnleiden hatte, der Aussage der Aerzte nach, seinem I Leben ein Ende gemacht.
Der Name Kirchhoff ist berühmt und unsterblich ge- I worden durch die Entdeckung der Spektralanalyse. Schon I Newton ahmte den Regenbogen künstlich durch das Prisma I nach. Wollaston gelang es sogar, die Farben des dadurch
Der Entdecker der Spektralanalyse. Zum 75. Geburtstage des Physikers Gustav Robert Kirchhoff. Geboren am 12. März 1824.
Von Dr. L. Ohnesorg.
mein liebes Kind. Es ist das Schicksal auf Erden, daß sich i welches ihm die Möglichkeit einer wissenschaftlichen Reise nach Mutter und Tochter trennen müssen." I Paris gewährt hätte, wenn nicht die politischen Unruhen chn
„Oh, meine Mutter, meine Mutter!" schluchzte Elsie an der Ausführung seiner Absicht gehindert hatten. So und umschlang die Kniee der Fürstin. habilitierte er sich denn 1848 in Berlin und verweilte dort,
„Ich will Ihnen Mutter bleiben, Elsie - wir sprechen bis er 1850 als außerordentlicher Profeffor nach Breslau noch weiter zusammen. Aber nun weinen Sie nicht mehr- I berusen wurde, wo gerade der berühmte Frankenheim er gehen Sie — ich selbst möchte weinen. Es muß sein, mein Ordinarius für Physik war. Ein günstiges Geschick, welches Kind, es ist zu Ihrem, es ist zu seinem besten." für Kirchhoffs Leben entscheidend wurde, führte 1851 Bunsen
Sie küßte Elsie innig auf die Stirn, streichelte ihr die von Marburg nach Breslau. Der freilich nur ein Fahr blaffen Wangen und nickte ihr unter Thränen lächelnd zu. | währende geistige Verkehr mit diesem Gelehrten hatte zedoch
Elsie wankte davon. Im Vorzimmer traf sie auf die I ausgereicht, beide Männer sur's Leben Wissenschaft ich und alte Kammerfrau. persönlich mit einander zu verbinden, so daß Bunsen, als
„Soll ich zu Ihrer Hoheit kommen, gnädiges Fräulein?" 1854 die Profeffur für Physik frei wurde, keinen besseren fragte sie. als Nachfolger des berühmten Jolly, welcher nach München
Elsie nickte ihr ein „Ja" zu und schritt wie in einem ging, vorzuschlagen wußte, als Kirchhoff.
Traum befangen weiter. Kirchhoffs damalige theoretische und experimentelle Vor-
Dann blieb sie plötzlich aufschluchzend stehen und lehnte lesungen erfreuten sich bereits des Besuches von Schülern das schmerzende Haupt an die kalte Scheibe eines Fensters. I aus allen Ländern, denen er nicht blos ein verehrter Lehrer So war denn der Augenblick gekommen, den sie seit Wochen | und mächtig anregender Berater, sondern auch ein warmer und Monaten gefürchtet. Sie sollte fort von hier, fort von I Freund war. Sein Vortrag war ruhig, klar, sorgsam durch- der gütigen Freundin, der hochzerigen Gönnerin, der Wohl- I dacht- kein Wort zu viel, keins zu wenig, weshalb er in thäterin, der Mutter, die ihre Jugend bewacht, die die heiß I kurzer Zeit ungewöhnlich Vieles und Reichhaltiges zu bleten aufwallende Leidenschaft ihres Herzens besänftigt, ihre Seele I vermochte. Bei seinen Vorträgen liebte er es, seine Zuhörer mit dem Edelmut, der Geduld, der Stärke der eigenen Seele I anzusehen und ihnen gewissermaßen an den Augen avzute,en, erfüllt, die ihren Ehrgeiz in edlere Bahnen gelenkt, die ihren ob sie das Vorgebrachte auch gefaßt hatten. Seine expert- Geist mit den Idealen des ewigen Leben erquickt hatte. I mentellen Demonstrationen waren stets präzise und elegant k^ortieünna solat ) ausgeführt, oft sogar durch selbsterfundene Apparate, wie
(Fortsetzung folgt.) z. B. seinen Elektromotor gestützt. 1869 starb Kirchhoffs
erste Frau und hinterließ ihm zwei Söhne und zwei Töchter. Schon 1868 hatte sich Kirchhoff durch Uebertreten eines Beines ein hartnäckiges Fußleiden zugezogen, welches ihn lange Zeit nötigte, auf Krücken zu gehen oder im Rollstuhl zu fahren. Das Nebel ließ später wieder etwas nach, hat ihn aber nie ganz verschont. Um Weihnachten 1872 ver- t , heiratete er sich zum zweitenmale mit einem Fräulein Louise
(Nachdruck verboten.) I Brömmel aus Goslar, welche damals die Oberaufsicht in
Der 12. März des Jahres 1824 soll im deutschen Volke I der Augenklinik in Heidelberg führte. Diese Ehe war zwar nicht vergessen werden, denn er brachte ihm einen seiner ge- I kinderlos aber wieder so glücklich wie die erste, so daß
lehrtesten Söhne, dessen Name längst ein Gemeingut aller I Kirchhoffs Aenßerung: „ihm habe des Lebens Mai zweimal
----- 1 » ........ 1 geblüht" in diesem Sinne wahr geworden ist.
Bald erhielt Kirchhoff einen Ruf an die leitende Stelle der inzwischen in Potsdam errichteten Sonnenwarte, doch der Zauber der schönen Neckarstadt und der altehrwürdigen Ruperto Carola war so mächtig, daß er den Ruf ausschlug. Erst als ihm zunehmende Kränklichkeit die experimentelle Thätigkeit mehr und mehr verleidete, gelang es der Universität Berlin, ihn nach dreimalig wiederholter Berufung im Jahre 1875 zu gewinnen. Hier eröffnete sich ihm als Profeffor der theoretischen Physik eine neue glänzende Laufbahn. 1884 daselbst zum Rektor gewählt, schlug er wegen Kränklichkeit dieses Ehrenamt aus und mußte bald auf dringendes Raten seiner Aerzte hin seine Vorlesungen aufgeben- im Wintersemester 1885/86 nahm er dieselben unter Aufbietung aller seiner Kräfte noch einmal auf — zum letzten Male. Den Sommer darauf brachte er in Baden und den


