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Inzwischen sagte ich dem Papa, daß meine Reise zu ihnen eine eigenwillige sei, denn von meiner gesammten Familie wäre ich die Einzige, die Herrn Wulffens Andeutung über die Ansprüche seiner Tochter ernst nehme. Für Lebensgewohnheiten, wie das sichtbare Umher sie kennzeichne, fei die Summe indeß eine Bagatelle, über welche eine Unterhandlung nicht lohne.
Herr Erder war anderer Ansicht. Mit einem Aufwand von Sanstmuth machte er mir begreiflich, daß viele Flüßchen einen Strom ergeben. Das leuchtete mir ein. Zur selben Zeit kam seine Tochter wieder. Sieht man von aller Künstelei ab, womit sie sich umgiebt, bleibt wirkliche Schönheit übrig, aber eine kalte, selbstgefällige — oder weht sie bloß mich eisig an?
„Ohne Zweifel," fragte Erder, „verbinden Sie, meine Gnädigste, mit dem Aufenthalt hier auch schöngeistige Interessen?" b 1 ö
//In Wahrheit, nein. Doch Acht mir nichts so nahe wie die Kunst."
„Ah Musik?" fragte Ines schnell, daß ihre Armbänder klirrten.
„Leider nur Kinderkrankheit bei mir gewesen. Doppelt gern laß ich mich daher von den Berufenen bezaubern — möchten Sie das versuchen, Fräulein Erder?"
Sie lief sehr schnell voran — wollte sie mir wirklich gern imponiren? Dergleichen bliebe ein gutes Zeichen: absichtlich störte ich sie. ö '
//Führt der Weg vielleicht am Bilde meiner Mutter vorbei? Ich möchte sie gern einmal sehen — wir haben keine Erinnerung an sie," bat ich.
Erder wich zurück, Ines' Augen funkelten.
„Meine Mutter!" sagte sie trotzig.
„Ihre, gewiß!"
Sie führten mich vor ein großes Gemälde. Mir klopfte das Herz, als ich das Frauenbild ansah. Wie lange ich davor stand, weiß ich nicht- dann fand ich Erder mir gegenüber, er benahm sich ganz wie ein alter, guter Mann: Seine Kinnladen zitterten und seine Augen blinkten. Ines kniete auf einem Sessel, die Arme auf seine Lehne gestützt sah sie mich an.
„Sie wären Mamas Liebling gewesen," sagte sie langsam und mühevoll.
„Das war ich noch von keinem Menschen," antwortete ich ihr.
„Ihres Papas?"
„Papa besitzt zwei Töchter, jetzt hat er bereits Enkel."
Da klopfte die niedliche Zofe, sie meldete einen Grafen, der gleich danach recht lebemannsmäßig über die Schwelle trat. Er küßte der Dame vom Hause mehr den Arm als die Hand, mich faßte die Tollheit, ihn durch keinen Blick zu hindern, mich ähnlich zu behandeln, dennoch hatte er sich orientirt- er trat unmerklich zurück und verneigte sich- dann kam die Unterhaltung! Schließlich sang uns Fräulein Erder in wunderbarer Begabung Einiges.
„Sie verstehen wirklich zu bezaubern", sagte ich nachher beklommen.
Sie lächelte perfid.
„Hielten Sie mich für eine Chansonette?"
„Pardon! Ihre Lebensauffassung verwirrte mich", bat ich bescheiden.
Aber genug für heute. Sei vielmals gegrüßt, lieber Papa." (Schluß folgt.)
Verkehrte Welt.
Von Bernhard A. Günther.
------- (Nachdruck verboten.)
Als die ersten Erforscher Australiens von ihren Reisen zurückkehrten, wußten sie Wunderdinge von diesem jüngsten Continent zu berichten. Sie erzählten, daß dort Alles gerade umgekehrt sei, wie bei uns, wenigstens soweit die Thier- und
Pflanzenwelt und der landschaftliche Character des Landes in Betracht kommt. Und in der That — sie haben nicht Unrecht. Die Thier- und Pflanzenwelt Australiens bot ein derart eigen- thümliches Bild, daß man wohl von einer verkehrten Welt zu sprechen berechtigt ist. Zunächst muß schon der eigenartige Character der australischen Landschaften und Wälder unser Interesse erregen.
Das fruchtbare Land befindet sich in anderen Ländern in der Regel an den Mündungen der Flüsse. In Australien beginnt die größte Fruchtbarkeit dagegen meist erst da, wo es mit der Schiffahrt zu Ende ist. Bei uns sind fast immer die Thäler fruchtbar, während die Vegetation abnimmt, je weiter man die Gebirge hinaussteigt. In Australien findet man auf den Spitzen der Hügel das beste Gartenland. Bei uns finden wir den schönsten Schatten in den Wäldern, sodaß man geradezu von schattigem, kühlem Walde spricht. Anders in Australien, wo die Wälder zu den lichtreichsten Plätzen gehören, und die Bäume keinen Schatten geben. Die australischen Wälder haben nämlich zumeist ein parkähnlichcs Aussehen, sie entbehren des Unterholzes, und die Bäume stehen soweit auseinander, daß sich ihre Kronen nicht berühren und deshalb der Sonne allenthalben Zutritt gestatten. Die Bäume sind aber auch an sich nicht geeignet, Schatten zu spenden, da ihre Blätter dem Nadelförmigen zustreben, ohne daß die Bäume zu den eigentlichen Nadclbäumen gehören. Auch kehren die Letzteren nicht wie bet uns der Sonne ihre Breitseite, sondern ihre scharfe Fläche zu, sodaß sie nicht mit dem Laub, sondern allein durch ihren Sramm und ihre lichten Zweigkronen Schatten werfen. Es kommen hier hauptsächlich die Eucalypten, Casuarbäume und Akazien in Betracht, welche überhaupt die Hälfte aller Pflanzenindividuen bilden. Die Casuarinen tragen dem australischen Grundsatz der Verkehrtheit dadurch Rechnung, daß bei ihnen die Functionen der Blätter durch die Oberfläche der schachtelhalmartig gestreiften Zweige verrichtet werden, während die Blätter nur in der Andeutung vorhanden sind. Die Eucalypten sind es, deren schief säbelförmig gestellte Blätter derartig am Zweige herabhängen, daß sie der Sonne nur eine sehr geringe Fläche bieten. Im Uebrigen wachsen sie zu den riesigsten Pflanzenformen der Welt heran und übertrumpfen selbst noch die berühmten Mammuthbäume Californiens. So kennt man Exemplare des mandelblättrigen Gummibaumes, welche bei einem Stammumfang von 30 Metern am Boden eine Höhe von über 150 Meter besaßen, und deren Stamm bis zur Höhe von 90 Metern keine Verzweigung zeigte. Dabei besitzen einige Eucalypten ein so rasches Wachsthum und eine so bedeutende Verdunstungskraft, daß sie sumpfige Gegenden schnell zu entwässern vermögen. Vor Allem der blaue Gummibaum (Eucalyptus Globulus) erfreut sich großen Rufes in vieser Hinsicht. Man nennt ihn geradezu den Fieberheilbaum, ein Renommee, welches er außer der erwähnten Eigenschaft auch seinem reichen Gehalt an ätherischem Oel verdankt. In neuen Jahren erreicht er oft schon eine Höhe von 20 Metern bei einem Stammdurchmesser von 1 Meter. Gewisse australische Akazien bringen — was eine weitere Verkehrtheit einschließt — statt der Blätter nur verbreitete Blattstiele hervor, welche in ihrem Bau den echlen Blättern ähnlich sind und ganz wie bei uns die echten Blätter die Ernährungsorgane der Pflanze darstellen.
Während bei uns die Flora einer Gegend ein Gesammt woduct der mannigfaltigsten Pflanzenarten ist, zeigen die Landschaften Australiens vielfach auf weite Strecken hin nur eine einzige Thier- und Pflanzenart. Die Wiesen bilden keinen zusammenhängenden Grasteppich, sondern einzelne Grasinseln. Das Sonderbarste aber ist, daß die Bäume nicht wie bei uns, periodisch ihr Laub, sondern vielmehr ihre Rinde abwerfen. Der Engländer Henderson berichtet über diese seltsame Erscheinung: „Einmal im Jahre häutet sich eder Baum, und zwar im März, dem ersten Herbstmonate. Die äußere Haut der Rinde scheint dann, von der Sonne versengt, Blasen zu bekommen, rollt sich auf und fällt in


