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Rollen begann, die Wagen der Gäste kamen an, und Droschken fuhren auf gut Glück vor dem erleuchteten Hause vor.
„Nu gehn die Ersten!" sagte Walther, „die Pflicht ruft!"
Die Kammerjungfer und der Groom flogen empor, die Hausmädchen folgten und nur die alte Fischern und die Köchin blieben zurück.
„Ein Lied kannte ich," sagte die Alte, „das war zu schön, es war von der Schäferin Sudle — aber, ich bringe es nicht mehr zusammen." —--
Langsam schlichen die Stunden in dem Krankenzimmer- von Zeit zu Zeit fragte Henny, aus dem Schlafe emporfahrend: „Kommt Mama nicht?"
„Sie muß bei den fremden Leuten bleiben, mein Liebling!"
Bruno Hallsberg dachte, daß die Characteristik Ebbas in jenen zwei Sätzen läge. Er wußte, daß er nie wieder den Zauber empfinden könne, dem er sonst in ihrer Gegenwart unterlegen war. Den fremden Leuten galt Ebbas Interesse — sie suchte Pflichten und Lebensausfüllung draußen und hätte sie so nah, so leicht und köstlich gehabt bei ihren Kindern.
Auch hier oben vernahm man das Rollen der Wagen, nun ging das Fest zu Ende.
Herr Johann Conrad lehnte in seinem Coupo; er sah auf den leeren Platz an seiner Seite. „Den hätte „sie" gerade ausgefüllt mit ihrer schlanken Gestalt — schade, schade! Er fchleuderte den baumelnden Quast neben dem Fenster zur Seite — dummer Tand! Aber davor, daß er sich nicht zum Narren gemacht vor sich selber und zum Gespött der Leute, davor hatte ihn doch die Klugheit und Erfahrung seines Sohnes bewahrt. Sie hatte doch wohl Recht, in sein Haus gehörte eine Dame mit grauen Locken und gerader Haltung — um zu repräsentiren.
„Teufel auch," brummte Wiesenau, als er auf eine Droschke zweiter Klasse zuschritt, „mir wärs auch lieber, ich hätte das, was der Zauber heute gekostet hat, in meiner Tasche. Morgen werde ich mit einem Katzenjammer aufwachen. Von dem verflucht guten Wein trinkt man regelmäßig zu viel." !
Eine Commerzienräthin konnte es Jfaum erwarten, daß hinter ihrem einsteigenden Gemahl der Schlag zufiel. „Wenn Du mir nicht zwei Reihen Perlen mehr kaufst, geh' ich nicht wieder in das Haus, dann kannst Du machen, was Du willst."
Die letzte Schleppe verschwand unten in der Hausthür unter einem Plüsch-Abendmantel, und der letzte militärische Schritt verklang auf den Marmorstufen — da trat Ebba in die Thüre ihres Schlafzimmers.
Mochten sie jetzt die Fenster öffnen, die Gläser wegräumen, die Blumenreste zur Seite fegen — sie haßte nichts so sehr, als unordentliche Festgemächer, die eben von den Gästen verlassen sind.
Noch erregt, noch schön aussehend, ging sie an den Spiegel. — Hatte es vorgehalten bis zu Ende? — Ja, auch heute! Sie durfte zufrieden sein. Dann ein leises Gähnen. — Morgen würde man überall davon sprechen, wie schön es einmal wieder bei Lunds gewesen war — dann hatte ihr Gatte seine Genugthuung, und sie? — Nun, sie wußte es wohl, so wie sie dastand, in dem weißen, einfachen Gewände, mit der kindlichen Frisur, den schimmernden Perlen um den Hals, ging sie durch die Gedanken des Mannes, der für „sie allein" auf der Welt war.
Dann drückte sie auf die Klingel. Wo blieb Marianne? — gellend klang es durchs Haus, in dem alle Thüren offen standen. — Da kam ihr ein schwerer Seufzer entgegen, und die Gestalt der Fischern wälzte sich auf sie zu.
„Ebbachen, ich will nun absolut nicht, daß es noch länger verheimlicht wird. Unser Kind, unser Hennhchen ist krank, und der Doetor hat die ganze Nacht oben gesessen, — und keinen Andern hat die unverschämte Person rein- gelassen! Gerade eben erst hat Walther den Mund auf« gethan."
„Doetor Hallsberg?"
„So mag er ja wohl heißen!"
Ebba faßte nach dem weißen Spitzenshawl und schlug ihn um die Schultern. „Hm, ja, es zieht jetzt natürlich
überall," sagte die Fichschern, die Lehne eines Stuhles
fassend. „Und nicht hereingelafsen, und mit dem Arzt blos — und das, ja — da sagten sie unten nämlich — und
die ersten Rechte hatte ich doch dazu —!" Thränen rannen
über die runzeligen Backen- die Fischern mußte immer weinen, wenn sie reichlich Wein getrunken hatte.
Frau Ebba eilte an ihr vorbei, die Treppe empor.
Doetor Hallsberg beugte sich wieder einmal über das Kind, das Rollen da draußen störte den Schlaf nicht mehr, die Fieberhitze hatte nachgelafsen, die Athemziige waren regelmäßig — dann richtete er sich langsam auf und machte einen Schritt auf die am Fußende Sitzende zu.
„Außer Gefahr!"
Line hob wie dankend die Hände, und dann stürzte sie auf ihn zu. Das arme bleiche Ding, das sie lieb hatte, das erklärte er außer Gefahr, und er war's doch gewesen, der sie abgewendet hatte, er, deffen Erscheinen das letzte Lächeln auf die erschlafften Züge ihres Vaters hervorgerufen — in diesem Augenblicke war Alles nur Freude, Vergessenheit ihrer selbst.
„Außer Gefahr," murmelte sie, einen Freudenschein auf den überwachten Zügen, und sie nahm seine beiden Hände und preßte sie fest: „Gerettet durch Sie!" und dann schien ihr das plötzlich noch nicht Dankesbezeugnng genug für das kleine, schwache Leben da, das er erhalten — mit einer rafdjejt Bewegung zog sie seine Rechte an ihre Lippen.
„Was thun Sie da!" murmelte er überwältigt, erregt —
Nun erst kam sie zu sich, begriff sie, wie sie sich hatte hinreißen lassen — ein unarticulirter Laut drang aus ihrem Munde, sie blickte um sich, als müsse sie nach einer Stütze suchen —
„Jacqueline'"
Eine lodernde Gluth flammte in seinem Antlitz auf, er riß sie an sich und küßte sie. Nicht mehr Ebbas weißer Hals war's, der ihm gefährlich wurde, es waren Linens rothe, stolze Lippen, nach denen er einen heißen Durst verspürte — und noch einmal küßte er sie und wiederholte ihren Namen:
„Jacqueline!"
Wehr- und willenlos lag sie an seiner Brust, die Augen geschlossen, seine Küsse duldend, erwidernd, ihr Ohr trank den Wohllaut feiner Stimme, die süße Worte flüsterte — da schlug eins an ihr Ohr: „Nun doch — doch, Jacqueline, wie es kommen sollte, mußte."
„Ah!" Mit aller Wucht riß sie sich los und wich zurück, todtenbleich lehnte sie an der Wand, die Hände herabgesunken, und starrte ihn mit den großen Augen an, als sollte ihn das lodernde Feuer derselben verbrennen.
„Warum haben Sie mir das gethan — das!" stieß sie hervor.
„Jacqueline! —"
Wenn es ihn und sie zugleich übermannnt hatte, das übermächtige Gefühl, warum jetzt nicht ein Beugen unter dasselbe, ein Eingestehen? — Er begriff sie nicht. Es gelang ihm, ihre kalte Hand zu fassen — so viel sie sich auch sträuben mochte, er hielt sie fest: „Jacqueline!" bat er.
„Ah —" langgezogen und zischend kam es zu den Beiden herüber.
Frau Ebba Lund stand auf der Schwelle, und hinter ihr keuchte die Fischern heran.
Er ließ die Hand sinken und trat auf Ebba zu.
„Gnädige Frau!"
Sie hatte eine so völlig unbefangene Haltung, daß er sich fragte, ob es wirklich möglich sei, daß sie nichts gesehen.--
„Man sagt mir soeben —"


