Muttersohn.

Roman von Arthur Zapp.

(Fortsetzung.)

Er hätte sich mit beiden Händen an den Kopf fahren und sich das Haar vor Aerger, Beschämung und Zerknirschung ausraufen mögen. Welch ein plumper, unbeholfener Mensch er doch war! Eine rechte Kunst: ihr nur das Vergnügen, auf das sie sich so freute, ausreden zu wollen! Warum war es ihm denn noch nicht eingefallen, der armen Allein­stehenden seine Begleitung, seinen Schutz anzutragen und sie nach einem besseren Theater zu führen oder ihr sonst einen der edlen erhebenden Genüsse, an denen das Berliner Leben nicht arm war, zu erschließen? Hätte er ihr nicht eine große Freude und sich selbst das schönste, beneidenswertheste Glück damit bereitet? Wie schön wäre es gewesen, Lust und Freude in ihr einsames, abwechslungsarmes Leben zu bringen, sich zu erfreuen an ihrer Freude?

Nun war es zu spät. Er konnte ihr doch nicht rathen: sagen Sie Otto ab, gehen Sie mit mir! Mit welchem Rechte konnte er von ihr verlangen, daß sie ihm mehr Vertrauen entgegenbringe als seinem Bruder?

Er war so darniedergeschlagen, so zerknirscht, daß er sich zu gar keiner Entgegnung aufzuschwingen vermochte. Stumm schritt er an ihrer Seite dahin, bis es ihm plötzlich einsiel, es sei das Beste, sich von ihr zu verabschieden. Kleinlaut, mit sehr gedrückter Stimme, sagte er ihr Adieu. Sie reichte ihm mit ihrer gewöhnlichen freundlichen Miene die Hand. Aber auf den Gegenstand ihres so plötzlich ab­gebrochenen Gesprächs kam auch sie mit keiner Silbe zurück.

Carl war den ganzen Tag über wie im Fieber. Als der Abend kam, war sein Entschluß gefaßt. Er vertauschte sein Werktagskleid mit seinem Sonntagsgewand und bestieg die Pferdebahn, um nach der unteren Stadt zu fahren. Der Andrang zum Circus Renz war wie gewöhnlich ein ungeheuerer und Carl war froh, daß er noch ein Billet

1898. - Är. 9.

Dienstag den 18, Januar, /j

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u weintest einst, als Du die Welt begrüßt, Doch Aller Lächeln grüßte Dein Erscheinen, Gott gebe, daß, wenn Du die Augen schließt, Dein Antlitz lächle, während Alle weinen.

zumzweiten Rang" erhielt. Mit hochklopfendem Herzen saß er hier, das Gesicht dunkelroth vor geheimer Erregung, und ließ seine Augen suchend in dem Riesenraum umher­schweifen. Endlich entdeckte er sie. Ganz unten im Parquet, dicht an der Manöge, saßen sie.

Der Vorstellung, die ihn sonst wohl interessirt hätte, schenkte er heute keinerlei Aufmerksamkeit. Er saß nur immer vornübergeneigt, sich duckend, um sich möglichst klein zu machen und aus der vielköpfigen Menge der oberen Regionen nicht hervorzuragen, und starrte mit glühenden Blicken zum Parquet hinab. Kein Zug, keine Miene ihres lebhaft bewegten Gesichts ging ihm verloren. So hatte er sie noch nie gesehen. Wie ihre Augen leuchteten, ein wie verklärender Schimmer über ihr rosig angehauchtes Antlitz gebreitet war! Lust und Freude sprach aus jeder ihrer Gesten und Bewegungen.

Ab und zu wandte sie sich mit einem rührenden Aus­druck der Dankbarkeit an ihren Nachbar und flüsterte ihm ein paar Worte zu. Und der arme Lauscher im zweiten Rang empfand es jedesmal wie einen Stich ins Herz, so oft er mit ansehen mußte, wie Otto kopfnickend mit seinem selbstgefälligen Lächeln den Dank seiner Nachbarin in Empfang nahm. Ein Sturm erhob sich in seiner Brust und wie am Mittag empfand er Reue und Beschämung, Neid und Eifer­sucht. Was hätte er nicht darum gegeben, wenn er an Ottos Stelle hätte sein können, wenn er sich mit dem Ge­danken, Helene Zimmermann eine so dankbar empfundene Freude bereitet zu haben, hätte schmeicheln können! Welch ein süßer, unvergleichlicher Genuß mußte nicht in dem Be­wußtsein liegen, Jemanden, den man lieb hatte, für ein paar Stunden froh und glücklich gemacht zu haben!

Noch ehe die Vorstellung zu Ende war, eilte er hinaus. Es dauerte eine geraume Weile, bis er die kleine Gesellschaft in dem Strom des aus den weiten Thüren des Circus sich ergießenden Publikums bemerkte. Im Schatten der Häuser sich haltend, sah er, wie die sechs jungen Leute, Damen und Herren, in zwei Droschken Platz nahmen.

Als sie davonfuhren, durchzuckte ihn plötzlich die Idee, sich ebenfalls in eine Droschke zu werfen und den Anderen nachzusahren. Aber er gab diesen Gedanken ebenso schnell wieder auf. Was hätte es für einen Nutzen gehabt? Er hätte sich ja doch nur lächerlich gemacht, wenn er ihnen nach­geschlichen wäre und von einem Nachbartisch ans mit ange­sehen hätte, wie sie in einem der feinen Restaurants der Friedrichstadt vergnügt schmausten und zechten.