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unterscheidende Arzt — sie, die reichste Dame bc Gegend, zeigte sich ebenso zurückhaltend in ihrer Art und Weise, wie sie großmüthig und tapfer war. Keines von ihnen machte den Versuch, die sich selbstgezogenen Grenzen zu überschreiten oder auf die vertraulichen Beziehungen von früher anzuspielcn.
Eines Nachts traf Dick das edle Mädchen in einer Hütte am Meeresstrande. Sie saß am Lager eines sterbenden Weibes.
Die knochige gelbe Hand der Leidenden hielt die schmale weiße Rechte des Gastes fest umklammert, als ob es die letzte Hoffnung auf Erden wäre, an der sie sich festhalte.
Miß Greylock hatte eine Bibel in der Hand und las der Kranken daraus vor- der sanfte Wohllaut ihrer Stimme wirkce tröstend und beruhigend auf die an der Schwelle des dunklen Jenseits stehende, zitternde Seele.
Doctor Vandine blieb, den Hut in der Hand, erfüllt von einem unwillkürlichen Gefühl der Ehifurcht, auf der Schwelle stehen. Ethel blickte nicht auf; vielleicht hatte sie ihn gar nicht bemerkt. Er hatte volle Muße, die Reflexe des Lichts auf ihren reichen, dunklen Flechten und der zarten Wangen zu beobachten. Sie sah blaß und ermüdet aus. Was für ein merkwürdiges Leben sie doch führte, sie, in deren Macht es gelegen hätte, sich den häßlichen Anblick der Schattenseiten des Lebens für immer fernzuhalten!
Ein eigenihümliches Gefühl kam über Vandine, als er so dastand und dem Tone ihrer klaren, ernsten Stimme lauschte. Die Luft des engen Raumes schien ihm schwül und drückend, er vermochte kaum Athcm zu holen. Blitzartig kreuzten sich seine Gedanken in seinem Hirn, und plötzlich war es ihm, als ob er k ie kleine Polly wieder vor sich sehe, wie sie, ein echter, zerlumpter Straßen-Araber, zum ersten Mal seinen Pfad kreuzte. Er erinnerte sich, welch tiefgehendes Interesse er stets an ihr gewonnen, er gedachte der Pläne, die er hinsichtlich ihrer Erziehung und ihres Wohlergehens einst gefaßt, und die der Wechsel ihres Schicksals zerstört hatte, noch ehe sie zur That geworden- er gedachte auch jener stürmischen, kalten Winternacht und der einsamen Straße, auf welcher er betäubt und hülflos gelegen, bis sie gekommen war und ihn gerettet hatte. Und dann wurde er aus diesen Träumen plötzlich aufgeschreckt.
Miß Ethel ließ das Buch fallen und blickte ihn au- offenbar hakte sie seine Anwesenheit in dem Zimmer längst bemerkt. „Ihre Hand ist sehr kalt," flüsterte sie, indem sie ihr dunkles Haupt leicht gegen die Kranke neigte.
Er beugte sich über das Bett. Die Seele der armen Fran war still, schmerzlos hinübergegangen zu den Gefilden des ewigen Friedens, aber die Finger der Todten hielten die Hand Ethels noch immer so krampfhaft umschlossen, daß der junge Arzt dieselben gewaltsam lösen mußte.
„Kommen Sie mit," sagte er dann, „Sie können hier nichts mehr thun. Kommen Sie, Miß Greylock! Wollen Sie denn auf sich selbst gar keine Rücksicht nehmen?"
Bleich, sichtlich erschüttert, stand Ethel auf. „Oh, Doctor Vandine! Wann wird diese furchtbare Zeit enden?" rief sie schaudernd.
„Fassen Sie Muth!" tröstete er sie. „Wir haben in dieser Woche keinen Fall von Fieber gehabt, und ich denke, wir können annehmen, daß die Epidemie fast erloschen ist."
Sie zitterte heftig. Er hob die auf dem Fußboden liegende Bibel auf und breitete dem jungen Mädchen den Mantel aus schwerer, dunkler Seide um die Schultern. Dann traten die Beiden in die Nacht hinaus, die Sorge für die Todte deren Verwandten überlassend.
Die Wogen rollten gegen den mondbeleuchteten Strand, sodaß es wie das Schluchzen eines brechenden Herzens klang, der Wind war zur Ruhe gegangen, und die weite Fläche der Marschen lag dunkel und still unter dem wolkenlosen, sternklaren Himmel.
„Ist Ihr Wagen nicht hier?" fragte der Arzt, sich nach allen Seiten umblickend.
„Nein," erwiderte sie. „Ich habe zu Hause angeordnet, daß ich erst um zehn Uhr abgeholt werden sollte- ich will nicht so lange warten- ich kann ja nach der Villa gehen — furchtsam bin ich nicht, und außerdem giebt es in Blackport keinen Menschen, der mir etwas Böses thun würde."
Dick sah sie mit einem sonderbaren Blicke an. „Der Ansicht bin ich auch. Die Zungen dieses einfachen Volkes sind zu ungelenk, seine Sprache zu arm, als daß es seiner Dankbarkeit so recht von Herzen Ausdruck zu leihen vermöchte. Wie ein Engel der Barmherzigkeit sind Sie während der letzten Monate unter den Armen umhergewandelt und haben Trost und Hülse gespendet. Aber obgleich ich weiß, daß Sie zu jeder Stunde der Nacht auf den wildesten Pfaden der Umgegend ebenso sicher wie in Ihrem Empfangszimmer zu Greylock Woods sein würden, muß ich dennoch um die Gunst bitten, Sie nach Hause geleiten zu dürfen."
Ethel machte keine Einwendung, und Beide schritten schweigend vorwärts. Die Villa war etwa eine Meile entfernt.
Doctor Vandine zog den Arm seiner Begleiterin leicht durch den seinigen. „Sie sind müde," sagte er im Tone der herzlichsten Theilnahme, „ganz erschöpft durch die unablässigen Anstrengungen, deren Sie sich in letzter Zeit unterzogen. Stützen Sie sich auf mich! Möchten Sie nur nicht auch krank werden!"
„Oh nein," erwiderte Ethel mit erzwungener Munterkeit, „ich bin von einer wahrhaft übernatürlichen Kraft. Wissen Sie nicht mehr, daß Sie vor langer, langer Zeit — damals, als ich Ihre Patientin war — zu behaupten pflegten, daß es vollkommen unmöglich sei, mich umzubringen. Erinnern Sie sich dessen noch?"
„Ob ich mich dessen noch erinnere?" wiederholt er rasches giebt nichts, Miß Greylock, was Sie betrifft, das ich je vergessen könnte.
Sie wanderten schweigend weiter und traten in den Park von Greylock Woods ein, welcher in der Beleuchtung des Mondes einen ganz zauberhaften Anblick bot. Breite Lichtstrahlen flutheten wie flüssiges Silber über die Blätter und Blüthen der grünen Wildniß umher, und neben dcn Hellen Bahnen, welche sie durch das grüne Laub zogen, erschien die Finsterniß der daneben liegenden Büsche und Bäume noch tiefer, purpurner, geheimnißvoller. Unsichtbare Springbrunnen plätscherten leise- blühende Rosen und Heliotropen erfüllten die laue Luft mit ihrem berauschenden Duft.
Jahre waren vergangen, seitdem Vandine seinen letzten Besuch in den Woods abgestattet hatte. Er blickte sich um und murmelte unwillkürlich vor sich hin: „Wie das in mir Vergangenheit wachruft?"
Ethel warf ihm einen raschen Blick zu und erwiderte seufzend: „Nans Bild wird immer in den Woods nmgehen, und für mich ist gerade dies das Schönste von Allem hier. Für Sie freilich muß die Erinnerung an Nan eine sehr trübe sein!"
Der Gedanke, von Ethel falsch beurtheilt zu werden, schien Dick unerträglich. „Auf die Gefahr, in Ihren Augen unbeständig zu erscheinen, Miß Greylock," bekannte er frei' müthig, „muß ich Ihnen erklären, daß der Kummer, welcher sich in meinem Herzen an Nans Bild knüpfte, von Jahr zu Jahr kleiner und schwächer geworden ist. Ich liebte sie einst, wie Ihnen bekannt ist- sie aber machte sich durchaus nichts aus mir. Und da ist es natürlich, daß unter diesen Umständen meine unglückliche Liebe vor langer Zeit einen sanften Tod gefunden hat. Es war ein vernünftiger Mann, welcher den alten Spruch gedichtet:
„Eines Weibes Schönheit wegen Will ich nicht in's Grab mich legen, Liebt sie einen anderen Mann, Was geht dann ihr Reiz mich an?"
Ethel antwortete nicht- sie schien verletzt, ärgerlich. Unterdessen hatten sie die steinerne Treppe erreicht und blieben stehen.
Nach einem Moment des Stillschweigens streckte Ethel


