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sie so die Treppe hinunter, durch die alte Wölbung hinaus, I fort aus dem Hause der Schatten, hinein in den Frühlings­abend, der mit fernher schwebendem Blüthenduft und mildem I Sternenschein sie begrüßte.

Dreizehntes Capitel.

Wie still und einsam es im Hause der Schatten an I diesem Abend war! Wie das lautlose Schweigen lastend und schwer auf Treppen und Gängen ruhte, wie die Flammen in den Lampen mit einem ernsten, feierlichen Glanze zu leuchten schienen, wie leises Geknister gleich unterdrücktem Seufzen Holzwerk und Mauern des alten Gebäudes zuweilen durchlief, als stöhnte es auf in der Ahnung dessen, was kommen sollte! Kein Ton einer menschlichen Stimme, kein Schritt, keine Be- I wegung, die eine Unterbrechung in diese große Stille gebracht hätten. Keine Spur von Leben, als das hastige, behutsame Hervorkommen der Mäuse aus ihren Löchern, um über die Dielen dahinzugleiten und mit schwarzen, verwunderten Augen umherzuschauen, wo jene blieben, vor denen sie zu entfliehen gewohnt waren.

Zwei Zimmer nur in dem ganzen Hause waren erleuchtet, I oben im Giebel das eine, im zweiten Geschoß des hinteren Flügels das andere! Busenius und Doetor Jaksch waren die einzigen an diesem Abend, die ihre gewohnte Behausung nicht verlassen hatten. Aber auch bei ihnen war es still/ kein Ton drang heraus, die Ruhe zu stören. Sie waren allein in dem großen Gebäude, durch wenige Mauern und Stiegen getrennt, und zugleich so fern von einander wie Gute und Böse, I oder doch nicht allein? Welch' ein Drittes war es, das aus I

den Diesen der Erde emporstieg, aus ungekannten Gängen I und Thüren hervorkam, die lautlose Finsterniß lautlos durch- I schwebte, um dann in den Schein des Lichtes hineinzutreten und, von ihm geleitet, den Weg zu suchen, der in den Hinteren I Flügel zu den Gemächern des Doctors hinanführte?

Doetor Jaksch war krank. Noch freilich gab er sich nicht für besiegt, noch kämpfte er mit dieser Krankheit, die sich ihm nahte, während er ihr Dasein bestritt, ihre Fortschritte leugnete und ihr mit bebenden Gliedern Widerstand leistete. Aber das Zittern des Körpers, das er nicht zu unterdrücken ver­mochte, die bleiche Farbe seines Gesichtes, die plötzlich hervor­tretenden seinen Falten in seiner Haut und die tiefen Schatten unter den Augen straften ihn Lügen, wenn er vor den Spiegel trat und von ihm ein Zeugniß der Gesundheit abzulesen ver­suchte. Er wollte nicht krank sein, und doch überlegte er, j seit wann er die Spuren der Krankheit schon fühlte. Gestern auf der Straße war es gewesen, als er der Praxis nach­ging,- da hatte er plötzlich die Empfindung gehabt, als wenn ihm der Boden unter den Füßen fortgezogen würde, und seit­dem war er nicht Herr mehr über seinen Körper und seinen Geist. Er war erschrocken, wenn ein Wagen neben ihm vorüber fuhr; denn jedesmal hatte er das Gefühl gehabt, als müßte er auf den Fahrdamm hinunterstürzen, mit dem Hals gerade vor die rollenden Räder, und hatte sich ausgemalt, wie sie ihn köpften, zermalmten, dahinschleiften, um ihn dann als blutige, formlose Masse von sich zu schleudern und zurück­zulassen.

Der Zustand hatte sich seitdem nur verschlimmert, und mit gewaltiger Anstrengung hatte er heute seine ärztlichen Pflichten erfüllt, indem er sich heimlich fortwährend beobachtet, ob er nicht Dinge spreche, die er nicht sagen wollte. Denn jetzt hatte die Angst sich seiner bemächtigt, er könne im Fieber ausschwatzen, was ihm verderblich war, und er hatte mit gefährlichen Worten gerungen, die sich ihm auf die Lippen drängten, wie er mit der Krankheit rang, die ihm solche Worte dictirte. Nur nicht auch diesem Versuch noch erliegen, nach­dem er so viel schon verspielt und verloren hatte!

Einige Mittel, die ihm für seinen Zustand angebracht schienen, hatte er angewandt, aber sie waren wirkungslos ge­blieben, und die Krankheit hatte sich immer mehr gesteigert: Die Unsicherheit, die Schwere in allen Gliedern und, nach

und nach zunehmend, die reißenden, nagenden Schmerzen, die seinen Körper durchzuckten.

Mit einem Seufzer der Erleichterung hatte er die Thür hinter sich geschlossen, als er nach Hause zurückgekehrt War­in der Einsamkeit seines Zimmers hatte er Linderung und Ruhe zu finden gehofft. Aber die Krankheit kümmerte sich nicht um die Einsamkeit- sie trat neben ihn und verhöhnte ihn und bohrte ihm ihre Waffen in die wunden Glieder. Die Augen schmerzten ihn so sehr, daß er sie kaum offen zu halten vermochte. Und doch, wenn er sie schloß, lasteten wieder die Augenlider in den schmerzenden Höhlen wie scharfe, schwere Gewichte. Zuerst ging er auf und nieder, doch die Erschütterung erhöhte die Schmerzen, und er setzte sich in einen Lehnstuhl, halb abgewandt vom Lichte. Wohin er aber die Blicke richten mochte, überall fanden sie Dinge, deren Anblick ihm wehe that- wie Strahlen fuhren die Schmerzen durch seinen Kopf, um in den Zähnen, den Knochen, der Haut für einen Augenblick zu haften- sie wühlten, tanzten und zuckten durch seinen Körper. Er begann sie zu beobachten, die einzelnen zu prüfen, als könne er sie seciren und halte ein scharfgeschliffenes Messer in der Hand. Aber das Messer entglitt ihm, sprang seinen eigenen Weg, zersplitterte in eine unendliche Zahl neuer, spitziger Klingen, und jede von ihnen war ein besonderer Schmerz. Nun fing er an, mit ihnen zu sprechen, sie zu überreden, von ihm fort zu gehen- sie aber hörten nicht auf ihn, schwanden nicht, bohrten, schnitten und zerrten weiter an ihm.

(Fortsetzung folgt.)

GsinernirÄtziges*

Vergiftung durch Oleunderduft. Ueber die Störung des Nervensystems, die durch die nächtlichen Ausathmungen von Oleanderpflanzen bei Schlafenden herbeigeführt werden können, berichtete der französische Arzt Artault de Vevey an die Pariser Gesellschaft für Biologie in einem kurzen Aufsatz. Das interessanteste an seinen Feststellungen ist die Thatsache, daß nicht nur die Oleanderblüthen, sondern auch die blüthen- losen Pflanzen eine derartige schädliche Wirkung zu üben im Stande sind. Der Arzt erzählt: Vor einiger Zeit erkrankte einem meiner Freunde ein 18jähriger junger Mann, der seit seinem fünfzehnten Jahre dort im Dienste stand. Er hatte Schwindelanfälle und litt unter großer Muskelschwäche und Kopfschmerzen, die jeden Abend abnahmen, um am folgenden Morgen sofort nach dem Erwachen, das immer schwer war, von Neuem aufzutreten. Begleiterscheinungen waren eine andauernde Blässe des Gesichts, eine weiße Zunge und Ver­langsamung des Pulses. Der Arzt glaubte daher trotz des Fehlens von Fieber an eine Gehirnhautentzündung. Der Kranke wurde in sein Elternhaus geschickt, wo er sich rasch und ohne jede ärztliche Behandlung völlig erholte. Sobald er jedoch zu seinem Herrn zurückgekehrt war und sein Schlaf­zimmer wieder bezogen hatte, stellte sich das alte Leiden wieder ein. Schließlich kam der Arzt auf den Gedanken, daß einige Oleander, die in dem Schlafzimmer des Dieners standen, die Schuld an dem Nebel tragen könnten, und erinnerte sich dabei eines selbsterlebten Falles während seiner Studienzeit. Er hatte damals vor seinem Fenster einige Oleander stehen, die er im Herbst während kalter Nächte in das Zimmer zu nehmen pflegte und einige Mal aus Lässigkeit in seinem Schlafzimmer stehen ließ. Er erwachte dann am nächsten Morgen mit einem schweren Kopf und einem Gefühl der Müdigkeit, sodaß es ihm eine große Mühe kostete, das Bett i zu verlassen - in dem Augenblick, wo er den Fuß auf den l Boden setzen wollte, wurde er von Schwindel befallen, sodaß er taumelte. Als er nun auf die Gefährlichkeit der Oleanders aufmerksam geworden war, machte er drei Nächte hinter­einander denselben Versuch, mit solchen Pflanzen in demselben Zimmer zu schlafen, jedes Mal mit demselben Erfolge. Es