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Schritt blickte mit starrem Entsetzen auf sie und das liebliche Kind, das erschrocken an der Seite seiner Mutter Schutz suchte. Fand er in den großen Veilchenaugen und in den kindlichen Zügen etwas, das ihn an seinen unglücklichen Sohn erinnerte? „Und Sie haben die Dreistigkeit, sich hier sehen zu lassen — mir ins Gesicht zu blicken — mir, Robert Grehlocks Barer?!" fuhr er sie an. Dann setzte er mit zorniger Gebcrde hinzu: „Entfernen Sie sich auf der Stelle mit Ihrem Kinde, oder ich rufe meine Diener und lasse Sie hinausweisen!"
Iris wich nicht von der Stelle, sondern breitete ihre Arme schützend über die zitternde Kleine aus, wie eine Henne ihre Fittige über ihre junge Brut ausbreitet, und wandte sich aus's Neue zu dem zornigen Manne, der sogar drohend seinen Stock schwang. „Ich sehe," sagte sie mit mildem, kummervollem Tone, „Sie haben alle möglichen schlimmen Dinge über mich vernommen; meine Feinde haben Ihr Herz gegen mich aufgestachelt,- Sie schreiben mir die ganze Ursache an dem unglücklichen Ende des armen Robert zu."
„Jawohl!" fuhr der Gebieter von Grehlock Woods auf, „Sie haben meinen Sohn in's Unglück gestürzt — Sie haben seinen Namen entehrt, haben ihn zum Selbstmord getrieben."
Iris seufzte tief und sagte dann: „Wie grausam Sie sind! Es ist wohl natürlich, daß Sie allen den Verleumdungen Glauben schenken, die über mich ausgestreut wurden- doch hören Sie mich nun an, ich bin entschlossen, mich vor Ihnen zu rechtfertigen."
Sie trat einen Schritt näher- aus ihrem bleichen Gesicht sprachen Muth und Entschlossenheit, als sie begann- „Ihr Sohn heirathete mich aus Liebe, ich war eine arme Ballettänzerin, die Tochter eines unbemittelten Tanzlehrers, und stand daher, ihren Begriffen nach, aus der socialen Stufenleiter weit unter ihm. Es war nicht meine Schuld, daß er sich in mich verliebte- es war auch nicht meine Schuld, daß er mich hübsch und reizend fand. Die Noth zwang mich, auch nach unserer Verheirathung auf der Bühne zu bleiben- ich tanzte — um meinen Mann zu ernähren! Sie fühlen sich sichtlich unangenehm berührt davon, es ist indessen wahr. Sie hatten ihm jegliche Unterstützung entzogen, und es wollte ihm nicht gelingen, dauernde Beschäftigung zu finden. Er verstand sich auf keine Arbeit, denn Sie hatten ihn zu einem Gentleman erzogen. Er war eifersüchtig und herrisch- wir hatten manchen heftigen Wortwechsel — ich gestehe es mit blutendem Herzen ein — nichtsdestoweniger liebten wir einander. Glauben Sie mir, mein Gatte war mir theurer als mein eigenes Leben!"
„Jawohl, jawohl," antwortete er mit einem Blick des tiefsten Abscheus- „besonders nach der kleinen Affaire mit Mr. Kenyon."
Iris erröthete unwillkürlich- sie faßte sich aber rasch und warf ihren hübschen Kopf mit der Miene beleidigter Unschuld zurück. „Ich erlaube mir nur eine Frage," sagte sie kühn- „hat Robert, hat mein theurer Gatte mich je Ihnen gegenüber der Untreue beschuldigt?"
„Nein."
„Warum also leihen Sie den Einflüsterungen Anderer Gehör und verdammen mich ohne Beweise? Bei Gott. Sie thun der Wittwe Ihres Sohnes, der Mutter seines Kindes Unrecht! Arthur Kenhsn bewunderte mich, ich brauche es nicht zu leugnen, allein nur auf brüderliche Weise. Es war mein Jugendfreund — ein Schüler meines verstorbenen Vaters. Er hat uns, als ich noch ein Kind war, in unserer Armuth manches Gute erwiesen, denn er war reich. Ich brannte nicht mit ihm durch- dies war eine infame Lüge, die von meinen Feinden verbreitet wurde, deren ich leider viele hatte. Ich hatte mich mit Robert entzweit- ich nahm mein Kind und floh aus der Stadt mit der Absicht, ihn nie wiederzusehen. Daß Kenyon zu der gleichen Zeit die Stadt verließ, war ein zufälliges Zusammentreffen
der Umstände, das ich erst lange Zeit später erfuhr. Ich schwöre es Ihnen hier auf meinen Knieen!
Sie ließ sich tragisch vor Godfrey Grehlock nieder und uhr unter Schluchzen fort: „Ich bin schändlich verleumdet und gekränkt worden — nie habe ich dem Namen Grehlock Unehre gemacht- ich war zwar unglücklich, aber nie schlecht. Oh, Sir, wollen Sie mir nicht glauben?"
„Madame, dies sieht ganz wie eine einstudirte Scene in einem Schauspiel aus," sagte Grehlock mit verächtlichem Tone- „Sie haben Ihre Sache recht gut gemacht. Doch fahren wir fort. Kenyon war also nicht Ihr Liebhaber? Sie flohen in der Nacht, in der mein Sohn Selbstmord beging, allein aus der Stadt?"
„Allein," wiederholte sie ruhig und mit bestimmtem Tone.
„Und in allen diesen Jahren sind Sie nie mit jenem Menschen zusammengekommen?"
„Nur einmal, und das war in einem Hospital in New - Orleans, wo er am gelben Fieber starb. Ich hatte ein Engagement an einem dortigen Theater- er ließ mich zu sich rufen- ich ging zu ihm, und er sagte mir für ewig Lebewohl. Bald darauf verschied er."
Godfrey Grehlock grub seinen Stock tief in bett Kiessand ein, womit die Allee bestreut war- sein Gesicht glich dem einer Statue.
Das Weib zu seinen Füßen war schlau genug, um zu bemerken, daß ihre Erzählung doch nicht ohne Eindruck auf ihn geblieben war, und daß trotz seiner eisigen Miene ein Kampf in seinem Innern vor sich ging. „Helfen Sie mir aufstehen," sagte sie, „ich bin ein Krüppel."
Godfrey sah wohl ein, daß Iris sich nicht ohne Hülse von der Erde erheben konnte: er reichte ihr daher, obgleich kalt und mit Widerstreben, die Hand, worauf er einen Schritt zurücktrat und sagte: „Ich schenke Ihren Versicherungen zwar keinen Glauben, aber sagen Sie mir, was Sie nach Grehlock Woods sühne."
(Fortsetzung folgt.)
Vom Haushalt der Königin Victoria.
Plauderei von M. C. Carpenter-Meyer.
(Nachdruck verboten).
Ein Jubelfest, wie es im Laufe von Jahrhunderten nur vereinzelt einem Herrscher zu feiern beschicden ist, wird demnächst Englands greise Königin begehen. Sechzig Jahre werden am 20. Juni verflossen sein, daß Prinzeß Victoria im jugendlichen Alter von 18 Jahren den englischen Königsthron bestieg.
In nachfolgenden Zeilen wollen wir nicht die vergangenen 60 Jahre Revue passiren lassen, wir wollen heut einmal einen Blick in den Haushalt der Monarchin werfen, der viel des Interessanten uns bietet.
Der Engländer ist stolz aus seine Königin, die ihm stets eine wohlwollende, volksthümliche Regentin ist. Er sieht in ihr nicht nur die weise, gütige Herrscherin, sondern auch eine vorzügliche Hausfrau, die ihrem großen, weitverzweigten Haushalt mit regstem und thätigstem Interesse vorsteht.
Der ganze, große Haushaltungsapparat umfaßt ein enormes Personal- jedem einzelnen Angestellten sind seine Pflichten im engsten Kreise streng vorgeschrieben, aus welchem Grunde auch die Zahl eine so große und die Fertigkeit des Personals eine so vollkommene ist.
Niemals wird ein Diener heut Wein, morgen Braten serviren, niemals ein Koch Pudding und Fleisch zu gleicher Zeit überwachen, eines Jeden Amt ist klein, aber doch in seinen Ansprüchen groß.
Königin Victoria besoldet ihre Untergebenen wahrhaft königlich, wie ja bekanntlich die Gehälter der ersten Kammerdiener und Kammerfrauen einem preußischen Ministergehalt gleichkommen.
Das gesammte Haushaltungssystem ist dem ersten Ver-


